Am nächsten Tag sollte es dann nach Helgoland gehen. Wolf-Dietrich und Ute kannten die Insel noch nicht, und ihre Augen leuchteten, als sie in der Erwartung daran davon sprachen. Uns beschäftigte eher der angekündigte Nordwest-Wind. Wir würden bis Helgoland kreuzen müssen. Nun gut. Wir sollten aber auch durchs Seegatt sein, bevor dort später Wind gegen Strom stand – also eher um sechs als um acht ablegen, auch gut. All das führte dann jedoch dazu, dass unsere Anwesenheit beim Reggattaabschluss-Ball entsprechend kurz ausfiel. Wir kamen zur Siegerehrung und tatsächlich so, dass Christian direkt in dem Moment auf die Bühne gerufen wurde, als wir zur Tür hereinspazierten. In diesem Jahr fand die Veranstaltung erstmals nach der Pandemie wieder in der Halle des Spiekerooger Segelclubs statt. Offenbar hatte man sich ebenfalls vorgenommen, den offiziellen Teil so kurz wie möglich zu halten. Um acht Uhr abends fing das Event an, um halbneun war man bereits mit allen Bootsklassen durch, und die Band spielte auf. Um neun verschwanden wir schon wieder Richtung Boot. Wie gesagt, die Tide…

Hornveilchen in den Dünen von Spiekeroog
Hornveilchen in den Dünen von Spiekeroog

Unter Segeln legten wir ab. Nur mit dem Vorsegel fuhren wir in den Prickenweg hinein. Links und rechts von uns stocherten die Wattvögel im Schlick. Den Löffler hatten wir hier schon nach der Regatta beobachtet. Die Ruhe des frühen Morgens täuschte allerdings. Auch die Fähre war schon unterwegs und zwang uns zur Umkehr. Sie war einfach schneller als wir. So fuhren wir im Hafen noch ein paar Kringel, bis sie an uns vorbeigezogen war, dann nahmen wir einen zweiten Anlauf unter Segeln. Dieses Mal kamen wir gut voran, und schon waren wir mit gesetztem Groß auf dem Weg zur Otzumer Balje.

‚Ja, das war eine gute Entscheidung‘, meinte Christian und hatte dabei den Seegang im Gatt vor Augen, der auch jetzt schon beachtlich war. Bald schon würde der Strom kippen, Wind und Wellen dann gegeneinander laufen. Da würde man dann hier sicher nicht mehr sein wollen. Schon jetzt schalteten wir die Maschine dazu und für einen Moment auch den Autopiloten, damit alle noch schnell einen Frühstückshappen zwischen die Zähne bekamen – auch die Steuerfrau. Ich verschwand unter Deck, schmierte meine Stulle und war wieder oben. Kurz danach war das Brötchen verschlungen, und ich stand wieder am Ruder auf unserer Berg- und Talfahrt durch das Seegatt. Der Rest der Crew saß nun ebenfalls im Cockpit und staunte die brechenden Wellen links und rechts der Durchfahrt an. Ja, die Seegatten hatten es in sich.

‚Da vorne kommt das Flach!‘ Noch einmal volle Konzentration, dann waren wir durch. Achteraus lag Spiekeroog im Morgenlicht. Wieder einmal hatten wir den Besuch auf dieser Insel gefühlt viel zu früh beenden müssen.

‚Wenn Du eine Ablösung willst, sagst Du Bescheid?‘ ‚Ja, aber jetzt möchte ich noch etwas segeln.‘ Der Motor war abgestellt, die Insel lag schon mehr achterlich als querab, als wir nun hinaus auf die Nordsee fuhren. Was für ein herrlicher Tag, um auf einem Segelboot hier draußen zu sein!

‚Und nur noch vier Zentimeter bis Helgoland…‘, das Lied hatte Sebastian mitgebracht. Es lief irgendwann bei uns im Cockpit. Ein bisschen prophetisch für unseren geplanten langen Schlag. ‚Und dann, kurz vor Büsum, eine Wende‘, witzelte Alexander später. Aber tatsächlich, die Kreuz zum roten Felsen stellte sich für uns im Wesentlichen genauso dar: Nachdem wir durch die Otzumer Balje durch waren, bescherte uns der Nordwest-Wind einen Anlieger einmal quer durch die deutsche Bucht, knapp nördlich des Schifffahrtsweges. Ein Mini-Schlenker, um einem trotzig auf uns zuhaltenden Kahn auszuweichen, dann weiter auf dem geraden Kurs bis zur besagten Wende und dann die ganze Strecke zurück nach Helgoland, das man schon lange vorher sehen konnte. Und das uns – quasi als Begrüßungskommittee – einen ganzen Schwarm Segelboote mit bunten Gennakern von seiner Nordseewoche entgegenschickte.

Track
Track

Inzwischen stand Sebastian am Ruder und kämpfte mit Wind und Welle. Dass es hier ruppig werden würde, das hatte ich schon erwartet. Das war Helgoland. Der rote Felsen machte es einem nie einfach. Nach und nach fierten wir das Groß auf und siehe da, schon kam wieder mehr Ruhe in unsere „Helgoland Express“, die nun ihrem Namen alle Ehre machte. Eben noch hatte der Steuermann unbedingt tauschen wollen, schon war er vom Ruder nicht mehr weg zu bringen. Wir grinsten in uns hinein und staunten der Insel entgegen. Wie mochte es dieses Mal dort sein? Würden wir überhaupt ein Plätzchen im Hafen bekommen? Andererseits, wenn die Armada von vorhin nun schon weg war, würden ihre Plätze ja frei sein, überlegte Christian und sollte recht behalten.

Helgoland Hafen
Helgoland Hafen

Alles in allem waren wir mit erstaunlich wenig Aufwand erstaunlich schnell ans Ziel gelangt. Ich gebe zu, als es hieß, wir müssten nach Helgoland kreuzen, sah ich uns schon Stunden an den Winschen ackern. Aber Pustekuchen, eine Wende und Zack – schon waren die vier Zentimeter genommen.