Als wir gegen vier Uhr nachmittags dann die Leinen wieder loswarfen, war die „Hermann Marwede“ wieder an ihrem Liegeplatz zurückgekehrt. Ich schaute hinüber. So oft schon hatte ich diesen Seenotrettungskreuzer einmal besichtigen wollen. Ich würde eben wiederkommen müssen. Im Gegenlicht sah ich die Silhouetten einiger Männer an Deck. Sie schauten zu uns herüber, und ich winkte. Es war irgendwie ein gutes Gefühl, sie dort stehen zu sehen. Noch besser war es freilich, dass sie zurückwinkten. Sie hatten uns tatsächlich gesehen. Sie wussten, dass wir ausliefen. Sie hätten nicht winken müssen. Irgendwann musste es für sie ja geradezu lästig sein – immer diese Touri-Masche. Sie taten es trotzdem, und ich freute mich wie ein Kind. Erwähnte ich schon, dass es eine tolle Gesellschaft ist?!

Vor Helgoland begrüßte uns eine unfreundliche See. Zwar hatten wir am Vortag nicht übermäßig viel Wind gehabt und starteten auch jetzt wieder mit einer moderaten drei bis vier aus Nordwest. Dennoch hatten sich die Wellen hier gut aufgeschaukelt, und wir schaukelten mit ihnen – hoch und wieder runter und wieder hoch… Eine Weile noch hofften wir, dass es jenseits des Festlandsockels der Insel wieder ruhiger werden würde, aber das Geschaukel blieb uns erhalten.

Helgoland achteraus
Helgoland achteraus

Wir waren auf dem Weg zu unserem zweiten langen Schlag dieses Törns. An diesem Tag sollte es ganz bis Borkum gehen. Eine sehr konservative Schätzung unserer Durchschnittsgeschwindigkeit von maximal fünf Knoten prophezeite eine Ankunftszeit in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Es würde eine lange Nacht auf der Nordsee werden. Immerhin hatten wir vom Vortag schon die erste Lektion dieser Reise erhalten, sodass dieses Mal eine Wacheinteilung vorgenommen wurde. Robert und David fingen an, dann sollten Silke und Eva sie ablösen. Susan, Alexander und ich würden gegen zehn Uhr folgen, dann sollte das Karussell von vorn beginnen. Dass unser schöner Wachplan leider bald schon ganz aus den Fugen geraten sollte, ahnten wir da freilich noch nicht. Auch nicht, dass die Nordsee hier schon die nächste Lektion für uns plante.

Alexander und Susan verschwanden bald unter Deck, um sich etwas aufs Ohr zu legen. Wir hatten alle nicht viel geschlafen in der letzten Nacht. Und Schlafmangel, das wussten wir noch von den letzten Helgolandtörns, endete nur allzu oft in grünem Zustand über der Reling. Es dauerte nicht lange, und ich sah, Alexander selig auf der Salonbank schlummern. Neidisch schaute ich ihm dabei eine Weile zu. Ich sollte mich auch hinlegen, das war mir klar. Unsere Wache sollte schließlich erst um zehn beginnen. Viele kostbare Stunden Schlaf waren da noch möglich, aber unter Deck gehen und mich in die Achterkajüte verziehen? Nein, da war etwas in mir ganz entschieden dagegen. Hatte ich schon von den Wellen geschrieben, die fortwährend unter unserem Schiff durchliefen?

Bei wem von uns es dann mit der Seekrankheit anfing, weiß ich nicht mehr. Ich hing jedenfalls über der Reling, nachdem ich den erfolglosen Versuch unternommen hatte, Alexanders Beispiel zu folgen und im Salon etwas zu schlafen. Er hatte sich zwischenzeitlich in unsere Kajüte verholt und als ich nun unten lag, wurde mir auch sofort klar, warum. Von dem Geschaukel rutschte ich mitsamt Sitzkissen von der Bank unaufhaltsam unter den Tisch. An Schlaf war hier nicht zu denken. Also setze ich mich auf und – na ja, dann hing ich im nächsten Moment auch schon über der Reling. ‚Bye, bye, Pflaumenkuchen‘, schoss es mir wörtlich durch den Kopf. Ihm folgten wenig später auch mein Frühstück und alles andere, was ich noch so im Magen gehabt haben mochte. Gott, war mir elend! Außer Robert und Christian hingen mittlerweile alle mehr oder weniger mitgenommen in den Seilen. Christians besorgter Blick ging in die Runde. Hatte unser Skipper erst einmal diesen Blick, stand es um die Crew meist nicht mehr besonders, auch das hatte ich auf früheren Törns schon gelernt. Interessanterweise meinte er, die Lösung bestünde darin, die Mägen der grünen Crew mit was anderem als sich selbst und den Wellen zu beschäftigen, wie er so schön erklärte. Für Silke am Steuer reichte er eine Packung Tuc-Kekse ins Cockpit hoch. Die anderen wurden mit Kichererbsen-Curry aus der Kombüse versorgt, das Robert dort auf wunderbare Weise zubereitet hatte. Wie hatte er es dort bloß ausgehalten? Ich lehnte dankend ab. Wieder der Blick von Christian. ‚Ach komm‘ schon, einen Keks für Skippi‘, damit drückte er auch mir einen Keks in die Hand. Ich glaube, ich habe noch nie so lange gebraucht, dieses Salzgebäck zu nagen wie an diesem Abend. Umso schneller hatte ich ihn dann wieder ins Meer gewürgt. Nein, Essen wollte gerade gar nicht bei mir bleiben. Auch Silke hing mittlerweile eher unentschlossen als begeistert am Ruder. Sie räumte ihren Platz bereitwillig, als Christian vorschlug, ich solle das Steuer übernehmen. ‚Willst Du steuern?‘ ‚Ja!‘ Keine Frage, sofort war ich am Ruder und blieb. Die Seekrankheit war wie weggeblasen. Enthusiastisch bearbeitete ich das Kaugummi, das zusätzlich dafür sorgen sollte, dass das Grün nicht wieder in meine Züge zurückkehrte.

Alexander hatte es hochgereicht, der inzwischen aufgestanden war. Nur ins Cockpit kam er nicht hoch. Auch Susan nicht, obwohl auch sie bereits vor längerem ihren Kopf aus dem Niedergang gestreckt hatte. Beide waren seekrank. Susan hatte es besonders schlimm erwischt, wie sie später erzählte. Unsere Mannschaft schrumpfte also Stück für Stück zusammen. Der Wachplan war dabei längst über den sprichwörtlichen Jordan gegangen. Die, die noch oben im Cockpit waren, mochten nicht nach unten gehen, um sich auszuruhen. Die, die unten waren, kamen nach dem Ausruhen nicht wieder auf die Beine und in die Klamotten, um nach oben zu klettern. Die rettende Idee kam dann von Alexander: ‚Wir müssen beidrehen.‘ Es brauchte eine Weile, bis wir begriffen. Natürlich, das würde die nötige Ruhe ins Schiff bringen, um die Leute von unten nach oben und die anderen von oben nach unten in ihren Kojen verfrachten zu können. Gesagt getan. Die Mannschaft wechselte sich aus. Im nächtlichen Cockpit blieben Alexander, Robert, David und ich zurück. Die anderen verkeilten sich in ihren Kojen. Nur Susan litt und schlief abwechselnd weiter auf der Salonbank.

Ich stand immer noch am Ruder. Es ging schon auf Mitternacht zu, und an Steuerbord querab war das Leuchtfeuer von Borkum deutlich zu erkennen. An Backbord waren dagegen eine Reihe von Fischern unterwegs, die es zu umschiffen galt. Den Kompass fest im Blick, steuerte ich den Kurs, der von unten angesagt wurde. ‚Zehn Grad mehr nach backbord.‘ ‚Und wieder zurück auf den alten Kurs.‘ In diesen Momenten gab es nur mich und das Meer und meinen Kompass. Alles andere war vergessen. Für alles andere hatte ich die Augen der anderen – Christian unten am Radar und die anderen hier oben im Cockpit. Es hätte endlos so weitergehen können mit diesem wunderbaren Wind, der uns immerhin mit konstanten acht Knoten vorantrug. Wir waren um einiges schneller, als unsere ursprüngliche Planung vorgesehen hatte. Wir würden früher ankommen. Früher ankommen hieß, früher schlafen gehen können – das war für uns alle eine verlockende Vorstellung.

Und dann begann die Ansteuerung auf Borkum. Nun stand Christian wieder alle Augenblicke neben mir im Cockpit. Zusammen machten wir die Tonnen aus, die uns in den Hafen leiten würden. ‚Halt mal auf diese da zu.‘ Dann war er wieder unter Deck, gleich wieder neben mir. ‚Halt da drauf. Und wenn ich es sage, reißt Du die Kiste rum. Nicht lange diskutieren, einfach rumreißen. – Aber eigentlich sollte es passen‘, erzählte mir seine Stimme die doch eher beunruhigende Weiterfahrt. Es kam aber kein Kommando von unten. Wir kamen gut über das Flach.

Dann schließlich gab ich das Steuer an Alexander ab, blieb aber neben ihm oben sitzen. Vor meinen Augen tanzten die Lichter des nächtlichen Fahrwassers. Rote Tonnen, grüne Tonnen in unterschiedlichen Intervallen, der Leuchtturm, erste Lichter an Land. Mein Kopf spann seine Phantasiebilder dazu. Es stimmte schon, man sieht eben nicht bloß mit den Augen, sondern immer auch mit dem Verstand. War dieser leer oder mit den Bildern nicht vertraut, erfand er eben etwas, das seiner Meinung nach dazu passte. Und so fuhr ich also durch Alleen und an Straßenkreuzungen vorbei, während links und rechts die nächtliche Nordsee unsere „Helgoland Express“ umfloss.

Kurz bevor wir den Hafen erreichten, tauchten dann nach und nach noch weitere Leute aus unserer Crew wieder an Deck auf. Alle waren begierig zu sehen, wo wir nun wohl ankommen würden. Robert übernahm das Steuer für das Anlegemanöver. Wir liefen in den Hafen von Borkum ein, einem Fischer folgend, der leuchtete wie ein ganzes Autobahnkreuz. Jetzt mussten wir nur noch ein Plätzchen für uns finden. Aber wo? Kreis um Kreis zogen wir durch die dunklen Steganlagen, aber unsere „Helgoland Express“ wollte nirgends so recht passen. Schließlich wählte Christian eine Box, die wohl eher nicht für Boote unserer Länge gedacht war, und doch passte am Ende alles wunderbar. Um 03.52 Uhr waren unsere Leinen fest.