Er predigte das Wort Gottes, jedenfalls so wie er diese Worte eben verstand. Manchmal ist es mit einer höchsten Stimme ja so eine Sache – vor allem dann, wenn man selbst im Alter die hohen Töne nicht mehr so gut hören konnte. Vor ihm brandete die samstägliche Menschenflut hin und her, alle auf der Jagd nach dem, was einen eventuell glücklich machen konnte und was das eine oder andere Schaufenster ihnen dabei verhieß.

Schlossplatz Stuttgart 2020

Die Flut teilte sich um ihn, wie sie es schon all die Jahre zuvor getan hatte. Wie ein Fels hatte er seinen Platz in ihrer Mitte eingenommen. Jeden Samstag saß er hier – nur nicht bei Regen. Und das war klar, denn wer hätte die Königin und ihre Entourage beschirmen sollen? Nie saß er allein. Irgendjemand fand sich immer, der ihn an seinen zwei Brettern herauszufordern wagte. Und kaum hatte jener Platz genommen, scharrten sich andere um sie, das Schauspiel zu begaffen. Allerdings konnte man diesem auch leicht aus der Ferne beiwohnen, dauerte es doch nie lange, bis sich die gesamte Schlacht in den Zügen des Mitspielers widerspiegelte. Erst eine hochmütige, durchs Ego couragierte Eröffnung, dann zunehmende Ratlosigkeit und schließlich – je nach Temperament – nackte Verzweiflung oder Wutstürme, bis ein anderer seinen Platz einnehmen würde.

Nur wenige Schritte davon entfernt wartete man heute mit einer ungewöhnlichen Kostbarkeit auf: „Gratis Umarmung“ stand auf seinem Schild, das zu seinen Füßen platziert war, denn mit ausgebreiteten Armen stehend, fehlte ihm die Hand, es zu halten. Doch floss der Menschenstrom unberührt an ihm vorbei, nicht zu halten wie Sand, der durch die Finger rinnt. Und über allem schmunzelte der Mond in seine Wolke, den ich sah – als Teilchen im Strom…