Dass Arran für einen passionierten Steinesammler wie mich ein Paradies darstellt und für jeden Anhang zu einer solchen Jäger- und Sammlerseele ein entsprechender Alptraum sein muss angesichts der Kilos an Kies, die in Gepäckstücken, Flugzeugen und schließlich in diversen Schachteln und Schächtelchen ins heimische Wohnzimmer wandern, habe ich, glaube ich, schon erwähnt.

Steine
Steine

Arrans Steine sind aber nicht bloß als farben- und formfrohe Handschmeichler eine wunderbare Angelegenheit, denn an manchen Orten der Insel haben sie geradezu etwas Mystisches.

Entlang der Ringstraße zwischen Brodick und Sannox legt die Ebbe regelmäßig weite Felsvorsprünge vor der Insel frei, die sich wie vielfarbige Krallen ins Meer ausbreiten. An manchen Stellen sehen sie aus, als hätten sich dort Lavaströme in den Ozean ergossen. An anderen Stellen liegen mächtige ovale Findlinge im Wasser wie Dracheneier, deren Erzeuger nur kurz mit gewaltigem Flügelschlag entschwunden ist und dessen Rückkehr doch schon für den nächsten Moment zu erwarten steht. Wieder andere Formationen glitzern im Wasser wie kleine Schatzkästchen, in denen die Gezeiten zwei Hände voll aus den Töpfchen und Kröpfchen lustig miteinander vermischt haben und nun den Wanderer locken, sich die Sache genauer anzuschauen. ‚Oh, nur den einen noch – bitte, nur diesen hier. Schau!‘

Küste bei Corrie
Küste bei Corrie

Besonders schöne Exemplare kann man an der King‘s Cave bei Blackwaterfoot finden. Diesen kleinen Ort an der Westküste erreicht man, wenn man über ‚The String‘, die Querstraße von Brodick aus nach Westen fährt. Der Bus hält dort hinter einem kleinen Hotel direkt am Hafen oder, besser, am Meer, denn die Ansammlung kleiner Fischerboote, die dort regelmäßig trockenfallen, rechtfertigt noch nicht unbedingt die Bezeichnung ‚Hafen‘. Oft haben wir hier gestanden und in der Zeit, in der wir hier auf den Bus gewartet haben, hinaus aufs Meer bzw. hinüber nach Kintyre geblickt. Immer mal wieder fiel ein dichter Schleier aus Regen über das eine oder das andere Fleckchen, während zur selben Zeit nur wenige Meter davon entfernt, die Sonne durch die Wolken brach. Nirgends habe ich bisher eine so eindrückliche Lichtstimmung erlebt wie auf den schottischen Inseln. Nirgends habe ich so viele Regenbögen gesehen wie hier.

Steinmännchen bei King's Cave
Steinmännchen bei King’s Cave

King‘s Cave erreicht man nach nur kurzer Wanderschaft an einem der obligatorischen Golfplätze vorbei und einem von Weitem recht beeindruckendem, von Nahem aber gut zu bewältigendem Pfad die Steilküste hinab. Es folgt ein kurzer Weg durch das übliche Dickicht aus Farn, Heide und anderen mannshohen Pflanzen, die andernorts zaghaft bis zum Knöchel reichen mögen. Hat man dies hinter sich gebracht, steht der Wanderer plötzlich in einer anderen Welt. Vielleicht eine alte Hippie-Kommune? Oder doch ein buddhistisches Zen-Kloster? Letzteres ist gar nicht so ganz abwegig, verfügt die kleine Insel ‚Holy Island‘, die dem Inselhauptdorf vorgelagert im Firth of Clyde liegt, tatsächlich über eine Klause eben dieser Religionsgemeinschaft. Der Name dieses Inselchens kommt nicht von ungefähr. Doch hier an der King‘s Cave wird all das plötzlich manifest in einem ganzen Strand voller – einer ganzen Landschaft aus Steintürmchen, fein säuberlich aufgeschichtet wie in einem Akt meditativer Arbeit – hält man bei ihrem Anblick unweigerlich für einen Moment den Atem an. Man fürchtet, jede Luftturbulenz könne die filigranen Bauwerke zum Einsturz bringen. Doch stellt man in einem zweiten Atemzug dann fest, dass all diese kleinen Türmchen erstaunlich robust in der Landschaft stehen und läuft schließlich an ganzen Skylines dieser fragilen Staplungen vorbei.

Steinmännchen bei King's Cave
Steinmännchen bei King’s Cave

Hier begegnete ich auch jenem versonnenen Ausguckhalter mit seinem so metaphorisch stoischen Blick hinaus aufs Meer, der meine Homepage nun schon eine Weile schmückt. Ich traf ihn genauso an – versonnen hinaus aufs Wasser schauend, als wäre es nie anders gewesen. Hand aufs Herz, seine Form gehört ihm allein, ich habe nicht daran gewirkt. Vielleicht sitzt er jetzt noch immer dort und wartet. Wartet darauf, dass der König zurückkehrt zu seiner Höhle (schottische Geschichte ist rau – es gab da mehrere Verwicklungen, in deren Verlauf sich die hohen Herren dort öfters einmal an so unwirtliche Orte zurückziehen mussten, um heftigen Diskussionen in karierten Röcken aus dem Wege zu gehen … ich gebe zu, ich vergaß die Details dieser patriotischen Erzählung…).

King's Cave
King’s Cave

Geradezu mystisch sind die Steine von Machrie Moor. Hier fanden wir insgesamt drei prähistorische Steinkreise. Ich gebe zu, ich war geradezu versessen darauf, diese zu sehen. Noch nie zuvor hatte ich mit eigenen Augen solche ‚Standing Stones‘ gesehen, nur darüber gelesen. So erfüllte mich mich eine Art erwartungsfroher esoterischer Schauer bei dem Gedanken an sie. Was genau ich mir von diesen Monolithen erhofft habe, kann ich gar nicht wirklich sagen. Ein spirituelles Erlebnis? Wohl eher nicht, dazu fehlt mir irgendwie die notwendige Ader. Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, was der menschliche Verstand nicht zu begreifen vermag – zweifelsohne. Und irgendwie plagt mich die Hoffnung, dass das Ende vielleicht doch eher einen neuen Anfang statt ein finales Ende darstellt, aber im Großen und Ganzen scheint mir David Hume mit seinen Überlegungen zum Ursprung der Religionen nicht ganz falsch zu liegen. Wer möchte sich nicht der Hoffnung hingeben, es gäbe etwas, das über ihn wacht? Umso mehr bewundere ich Hume dafür, wie er als erklärter Atheist dann seinem eigenen Ende offenen Auges entgegensah. Bin mir wahrlich nicht sicher, ob ich dieselbe Kraft aufbringen könnte.

Machrie Moor, Standing Stone
Machrie Moor, Standing Stone

Die Steine von Machrie Moor schwiegen also leider für mich, was aber nicht heißen soll, dass ihr Anblick nicht dennoch grandios war. Allein wenn man die Jahrtausende bedenkt, die sie dort schon stehen. So viele Menschenseelen kamen und gingen in dieser Zeit, nur sie sind geblieben und werden immer noch sein, wenn auch mein Leben längst vergessen ist.

Machrie Moor, Standing Stone
Machrie Moor, Standing Stone

Von Weitem sieht es aus wie das allgemeine städtische Ärgernis: Graffiti, Schmiererein pubertärer Kinder. Man will sich schon beklagen, aufregen, schimpfen. Über die Kulturlosigkeit, die Dummheit, das Heute, das sich so aufbläht, das neben ihm nichts Bestand haben kann. Auch hier, denkt das Städterhirn, auch hier – wie konnten sie nur!

So oder so ähnlich tobte es in mir, während ich langsam näher kam. Warum sollte man sich auch beeilen? Fast ist man geneigt, gar nicht erst einen genaueren Blick zu riskieren. Was sollte er einem auch schon offenbaren? Zu lesen, dass Erna auch hier doof ist?

Machrie Moor, Standing Stone
Machrie Moor, Standing Stone

Doch, Wanderer, lass‘ Dich nicht befremden. Denn das, was Dir hier von Ferne dräut, was den Stein so bunt zu entstellen scheint, ist keine achtlos versprühte Farbhülle, kein dummer, seelenloser Schriftzug – sondern Moose und Flechten in allen Farben. Lebendige Steine durch und durch.

Machrie Moor, Standing Stone
Machrie Moor, Standing Stone

zurück