Aufbruch auf Amrum war mittags um zwei. Unter Motor fuhren wir den Prickenweg zurück, den wir uns nachts zuvor so vorsichtig vorgetastet hatten. Im Fahrwasser des Rütergats stellten wir dann fest, warum wir nachts die eine oder andere Tonne mit dem Scheinwerfer nicht hatten finden können, die Jörg auf dem Radar doch geortet hatte. Sie standen hier so weit auseinander, dass ich sie unmöglich alle vom Vorschiff aus hätte illuminieren können.

Wieder lag nun ein wunderbar sonniger Tag auf dem Wasser vor uns. Und während Amrum achteraus sehr malerisch mit Sandstrand und rotweißgeringeltem Leuchtturm immer kleiner wurde, tauchten querab für einen Moment die Rückenflossen von zwei Schweinswalen auf. Die Idylle wäre perfekt gewesen, hätten wir nur endlich diesen lauten Diesel abstellen können, doch motorten wir zu unserer aller Erstaunen nach den frischen Winden der letzten Nacht nun in eine absolute Flaute hinein.

Nordsee
Nordsee

Die Windstille begleitete uns noch ein ganzes Stück aufs Meer hinaus. Immer wieder schalteten wir in den Leerlauf, um zu prüfen, ob nicht doch ein Lüftchen vielleicht unsere Segel würden füllen wollen. Und dann – endlich – war es soweit. Wir brachten den Diesel zum Schweigen und baumten die Genua aus. Als Schmetterling segelten wir vor dem Wind nach Süden. Nicht ganz auf dem perfekten Kurs für Helgoland, dem nächsten Etappenziel, aber immerhin wieder unter Segeln.

Eine leichte Pendelbewegung, das war alles, wenn die Wellen durchliefen. Wir machten gute vier Knoten Fahrt. Nicht die Welt, aber stetig immerhin. Irgendwann zwischendrin fiel mir ein, dass dieser Törn bisher ganz ohne Seekrankheit verlief, und ich freute mich. Hatte ich mir doch sehr gewünscht, einmal die Felseninsel zu erreichen, ohne dass mein Magen davor in Streik trat. Beim letzten Mal waren wir mit unserem Boot bei schwachem Wind in eine sehr unangenehme rollende Bewegung geraten, die Müdigkeit tat dann den Rest. Beides hatten wir bei dem diesjährigen Anlauf erfreulicherweise vermeiden können.

Nordsee
Nordsee

Als die Dämmerung einsetzte, hatten wir unseren Schmetterling schon längst wieder freigegeben. Die am Landsockel aufsteigende See schüttelte uns nun gut durch. Kaum zu glauben, dass das dasselbe Meer war, das uns nur wenige Stunden zuvor so gutmütig, beinahe schon träge auf seinen Wellen getragen hatte.

In der einbrechenden Dunkelheit suchten wir nach den Kardinaltonnen, die das Gebiet östlich der Insel markierten. Dann tauchte die „Nordic“ mit ihren Lichtern auf, die hier an ihrem Standort vor Anker lag. Sie leitete uns ein ganzes Stück, bis es Zeit wurde, mit einer Halse zum Helgoländer Hafen abzubiegen. Gegen halbneun Uhr abends kamen wir dort im Vorhafen an und mussten jetzt nur noch ein Plätzchen zum Festmachen finden, aber von wegen ‚nur noch‘…

Helgolands Hafen war voll! Die Boote lagen hier schon in Dreierpäckchen am Steg. In einem dieser Sandwiches entdeckten wir unser Schwesterschiff, die „Hamburg Express“, da fiel uns die Entscheidung leicht. Wir würden so oder so zur selben Zeit am nächsten Tag diesen Hafen wieder verlassen. Das musste auch der Eigner der teuren Yacht zwischen uns feststellen. Hatte er wohl darauf spekuliert, dass es uns abschrecken würde, dass die „Hamburg Express“ am nächsten Morgen um fünf wieder los wollte. ‚Keine Sorge, wir auch‘, grinsten wir zurück. Schon hatten wir an seiner Seite festgemacht und Herr und Dame des Hauses verzogen sich wieder unter Deck. Wir dagegen blieben im Cockpit sitzen, immerhin hatten wir uns jetzt ein gutes Abendbrot verdient. Schnell schälte ich mich aus Ölzeugjacke und Fleecepelz. Hier im Hafen hatte sich die Wärme des Spätsommertages gehalten. Von unten wanderten die Speisen hoch ins Cockpit, und wir langten ordentlich zu. Segeln macht hungrig.

Und während über unseren Köpfen der weiße Blitz des Helgoländer Leuchtfeuers seine Runden zog, betrachtete ich fasziniert das Schauspiel im Hafen. Boot um Boot traf in dieser Nacht ein. Offenbar hatte ein Segelclub aus Hooksiel zu einer Regatta aufgerufen. Jedenfalls gab es ein lustiges Hallo unter den Crews, die sich Boot um Boot aneinander banden. Neben uns hing schlussendlich eine Traube von fünf Segelbooten und schaukelte fröhlich im Hafenbecken. Ein sechstes war erst bei uns längsseits gekommen, mochte sich dann aber wegen unseres geplanten frühen Starts am nächsten Morgen dann doch nicht für die Nacht bei uns einrichten und sucht die Nähe der Clubgefährten. Einen Moment noch spielten wir mit dem Gedanken an ein gemeinsames Bier mit der Crew auf unserem Schwesterschiff, doch waren uns unsere Kojen dann doch näher angesichts des schon dräuenden erneuten Aufbruchs.