„A friendly Hello“

Dunstaffnage – Oban – Loch Aline – Tobermory – Ardnamurchan Point – Kerrera – Lismore, August 2019

Inhalt

Wie unglaublich schön dieses Land doch ist. Vielleicht liegt es daran, dass es sich bestĂ€ndig im Spiegel seiner tausend Wasser betrachten und herrichten kann…

Der Törn begann mit einem Satz neuer Seekarten. Sie hĂ€ngen nun in unserem Wohnzimmer und haben dort zumindest vorlĂ€ufig jene der Elbe – angeschafft aus einem emotionalen Überschwang fĂŒr unser Skippertraining im Köhlfleet – und jene des Englischen Kanals abgelöst. Gleich zu Beginn gaben uns die neuen Imray-Karten einige RĂ€tsel auf: GewöhnungsbedĂŒrftig war zunĂ€chst die inverse Art der Darstellung. Plötzlich war das Land wieder grĂŒn und tiefes Wasser dunkelblau. Sie erinnerten uns an die Karten im Schulatlas und riefen in mir das Spottmaul hervor, indem ich die Flaschenpost der Seenotretter zitierte, dass deren EinsĂ€tze im letzten Jahr unter anderem auch auf die Nutzung eines Autoatlasses zur Navigation zurĂŒckgefĂŒhrt werden mussten – was noch mit der dreist uneinsichtigen Aussage verknĂŒpft wurde, darin sei das Wasser schließlich auch eingezeichnet
 Die neuen Karten warteten darĂŒber hinaus mit allerlei Details auf, die z.B. lauteten „dangerous tidal stream“ oder „overfalls“. Auch die vielen verzeichneten Felsen im Wasser, unterhalb der WasseroberflĂ€che und kurz darĂŒber, bereiteten uns einige Bauchschmerzen. Ein Kollege von mir scherzte spĂ€ter, dass die Felsen doch nicht das Problem seien, sie wĂŒrden sich schließlich nicht bewegen. Nein, natĂŒrlich nicht, aber wir – und das mit Wind und Strom…

Vorbereitungen

Zu den Vorbereitungen gehörte auch dieses Mal die ErgĂ€nzung der AusrĂŒstung. Schon irgendwie erschreckend, wie viel Geld man in dieses Hobby investieren kann. FĂŒr diesen Törn benötigten wir neue Reisetaschen. Die Anforderungen waren komplex: Wir brauchten etwas, das man auf dem Boot gut verstauen konnte. Gleichzeitig musste es stabil genug sein, um das GepĂ€ck fĂŒr vierzehn Tage aufnehmen und am Flughafen aufgegeben werden zu können, denn die erste Etappe unseres Urlaubs wĂŒrden wir nicht auf dem Wasser, sondern durch die Luft zurĂŒcklegen mĂŒssen. Optimal wĂ€re es auch, wenn man die Taschen zum Bunkern der EinkĂ€ufe nutzen und somit am besten als Rucksack tragen könnte – allerdings ohne den breiten, sperrigen Beckengurt, der uns unsere WanderrucksĂ€cke beim Wegstauen auf dem Boot so nachhaltig verleidet hatte. Kurz: wir suchten die eierlegende Wollmilchsau. FĂŒndig wurden wir dann ausgerechnet in einem GeschĂ€ft fĂŒr WanderausrĂŒstung in Stuttgart, also maximal weit weg von unserem ĂŒblichen Zugang zum Wasser. Aber egal, Hauptsache, die neuen Taschen wĂŒrden ihren Zweck erfĂŒllen. Wir erwarben eine in knallrot und eine in marineblau. Beide versehen mit einer „No-matter-what-Garantie“ des Herstellers. Ob dieser wohl eine Vorstellung davon hatte, wie viele Kilometer die RĂ€der seiner Taschen in den kommenden Jahren mit uns wĂŒrden zurĂŒcklegen mĂŒssen? Ein bekannter Kofferhersteller hatte sich das wohl eher nicht gedacht, als ich dieser Tage mit verschlissenen Rollen an meinem ĂŒblichen Reisekoffer bei ihm in der Filiale auftauchte


Unser neues ReisegepĂ€ck ergĂ€nzten wir ferner um jeweils zwei wasserdichte PacksĂ€cke zu je dreißig Litern. Wow – noch nie hatte ich eine Tasche so schnell und effizient ein- und wieder ausgepackt. Ein weiterer unschlagbarer Vorteil unserer blauen Beutel bestand darin, dass sie unsere gesamten Klamotten all die Zeit ĂŒber auf dem Boot trocken hielten, wĂ€hrend alles andere allmorgendlich klamm und kalt wurde.

Seekarten war, wie schon erwĂ€hnt, ein weiteres Thema. ‚Bei uns schaut’s aus wie bei SeebĂ€rs‘, stellte Alexander irgendwann im FrĂŒhjahr einmal fest und hatte damit durchaus recht. Überall hingen und lagen in unserer Wohnung Seekarten der inneren und Ă€ußeren Hebriden, das Revier, in das wir wollten. Ich hatte zwei SĂ€tze Admiralty Charts erworben, und Alexander kaufte die entsprechenden Überseglerkarten dazu. Letztere hingen bei uns seit dem Winter am BĂŒcherregal. Sie waren etwas gewöhnungsbedĂŒrftig, weil ihre Farbgebung eher an Wander- denn an Seekarten angelehnt war. Außerdem wiesen sie eine Reihe von Besonderheiten auf, die uns eine Weile lang Kopfzerbrechen bereiten sollten. „Overfalls“ und „tidal races“ waren beispielsweise darin verzeichnet, was mochte es damit wohl auf sich haben? Vieles klĂ€rte sich durch die LektĂŒre des Reeds und der RevierfĂŒhrer auf, die Alexander in den folgenden Monaten geradezu verschlang. Einiges verlor dadurch jedoch nicht sein Sorgenpotential: Wind gegen Strom wĂŒrde ein großes Thema werden, wie wir feststellten. Und es gab dort oben mehr als eine Ecke, in der man unter solchen Bedingungen lieber nicht sein wollte. Hinzu kam, dass viele der Orte dort geradezu zungenbrecherische Namen trugen. Alexander hatte schon recht, wenn er meinte, er wollte sie zumindest alle einmal gelesen haben, um spĂ€ter auch zuordnen zu können, sollte uns zu diesen tatsĂ€chlich eine entsprechende Nachricht erreichen. Schmunzelnd musste ich bei dieser Gelegenheit an Roberts Navigationskurse denken, die er gerne mit den Worten einleitete: ‚Navigation ist immer auch eine Stunde Heimatkunde.‘ Wie viele der Kollegen hatten damals doch ratlos auf der Seekarte nach Cuxhaven oder BĂŒsum gesucht – jetzt schauten wir nach Ardnamurchan Point und Corryvreckan mit der definitiven Aussage insbesondere zu letzterem: ‚Da willst Du nicht hin!‘

Die Überseglerkarten ergĂ€nzten wir in den folgenden Wochen mit kleinen, roten Klebepunkten. Jeder Punkt stand fĂŒr eine Marina, deren HĂ€ufigkeit nach Norden hin deutlich abnahm. Trotzdem hielt sich die Hoffnung, zumindest jeden zweiten Tag eine heiße Dusche zu finden. Letztlich wĂŒrde sowieso alles vom Wind vor Ort abhĂ€ngen, und so kam es schließlich auch.

Die schottischen GewĂ€sser selbst sahen hingegen aus wie ein einziger Schweizer KĂ€se – ein Loch neben dem anderen. WĂ€hrend des Törns wĂŒrde sich das folgendermaßen Ă€ußern: ‚Gleich kommt ein Flach!‘ ‚ Ein Flach?‘ ‚Ja, zehn Meter.‘ ‚Zehn Meter sind doch nicht flach!‘ ‚Davor hat’s sechzig und dahinter auch, also IST es flach!’Wie gesagt, ein Schweizer KĂ€se. WĂ€hrend die Kartentiefe in der Deutschen Bucht relativ kontinuierlich verlĂ€uft, zur KĂŒste – also zum Watt hin immer flacher, ist an der schottischen KĂŒste alles zu haben: zehn Meter, hundertachtzig Meter, sechzig Meter, trockenfallende Felsen und alles in einem Gebiet von wenigen Seemeilen – das war so eine andere Sache, die unsere Phantasie schon vor dem Törn auf Trab gebracht hatte. Vor allem die Felsen, welche die Schotten mit mehr oder weniger sprechenden Namen bedacht hatten. Einen von diesen hatte bereits der irische Missionar St. Columban verflucht. Dazu hier das folgende schöne Zitat von Hamish Haswell-Smith: „St Columba sailed into Gott Bay on his way to visit the monastry founded by his cousin, Baitheine, at Sorobaidh. Apparently, on arrival, he struck a rock which nearly sank his boat, so he cursed it. Most sailors still follow this tradition“ (Haswell-Smith, H. (2008): The Scottish Islands. The Bestselling Guide to Every Scottish Island. 2. Aufl., Edinburgh u.a., S. 113).

Mindestens ebenso bezeichnend ist die Geschichte von „Lady’s Rock“, einem Felsen, den wir in der sĂŒdlichen Zufahrt zum Sound of Mull spĂ€ter tatsĂ€chlich mehrfach passieren sollten. Ein schottischer ClanfĂŒhrer hatte im 16. Jahrhundert eben diesen dafĂŒr nutzen wollen, um sich seiner ihm lĂ€stig gewordenen Angetrauten zu entledigen. Besagte Lady Elizabeth wurde kurzerhand dorthin gebracht, festgebunden und ihrem Schicksal ĂŒberlassen. Den Rest, so die Annahme, wĂŒrde die steigende Flut dann schon von selbst erledigen (vgl. Haswell-Smith 2008, 90f.). Auf was fĂŒr Gedanken die Leute so kamen. Im Übrigen nahm die Geschichte eine ganz andere Wendung, so viel sei an dieser Stelle noch kurz verraten.

Zu den Törnvorbereitungen zĂ€hlte dieses Mal ganz eindeutig der „Shipping Forecast“ auf BBC 4. Hörte man diesem im MĂ€rz zu, konnte man sich schon fragen, wie um alles in der Welt man bloß auf die bescheuerte Idee hatte kommen können, in Schottland segeln gehen zu wollen. ‚Gale warnings‘ waren an der Tagesordnung, immer wieder ‚increasing to gale force nine‘. Ich tröstete mich damit, dass dies noch die AuslĂ€ufer der WinterstĂŒrme sein wĂŒrden und lauschte auf die ferne Stimme, die unser nahendes Abenteuer anzukĂŒndigen schien.

Vergeblich versuchten wir in der folgenden Zeit, die gelesen Nachrichten mit zu protokollieren. Die Aussicht auf ein fehlendes Navtex und einen eher bescheidenen Internetempfang ließen uns ĂŒber althergebrachte Methoden der Wettererfassung grĂŒbeln. Dass man auf selbiges in Schottland ein wachsames Auge haben muss, hatten wir schon auf unseren zahlreichen Wandertouren in diesem faszinierenden Land gelernt. Auf BBC dauerte der „Shipping Forecast“ im Schnitt sechs bis acht Minuten und, das war meine Hoffnung, ĂŒber Funk sollte er eine LĂ€nge von gut einer Stunde haben. Mitschreiben wurde so wieder zu einer erwĂ€genswerten Option.

VergnĂŒgen bereiteten mir auch die ungewohnten Bezeichnungen von Messstationen und Großtonnen. Eine klang wie „Silly Automatic“ – natĂŒrlich schreibt man sie anders, aber der „dumme Automat“ gefiel mir besser.

In ErgĂ€nzung hatten wir neben unserem KĂŒchentisch eine Karte mit den Namen der Seegebiete rund um Großbritannien aufgehĂ€ngt. Ja, es stimmte schon, bei uns schaute es irgendwie aus wie bei SeebĂ€rs‘.

Eine letzte Vorbereitung war schließlich rein unterhaltsamer Natur. Wir lauschten einem Podcast zweier Hobby-Segler, die sich auf den Weg rund England gemacht hatten, was sie zwangslĂ€ufig frĂŒher oder spĂ€ter auch durch das Revier fĂŒhren wĂŒrde, in welchem wir unterwegs sein wollten. Es war lustig, den beiden bei ihren Abenteuern zuzuhören. Irgendwann kamen wir zu dem Schluss, dass, wenn die Jungs das schaffen sollten, wir so schnell auch nicht untergehen wĂŒrden. ‚Wissen Sie, wo Sie hier sind?‘ wurde fĂŒr uns zum vergnĂŒglichen geflĂŒgelten Wort dafĂŒr, was man alles auf einem Segelboot verkehrt machen konnte. Wie gesagt, wenn die beiden Jungs ihr Vorhaben zu Ende bringen sollten, wĂŒrden auch wir nicht am Schweizer KĂ€se der schottischen See verzweifeln…

Wetter

Das Wetter war ein großes Thema fĂŒr uns auf diesem Törn, keine Frage. Es begann spĂ€testens bei unserer Ankunft in der Marina von Dunstaffnage. ‚Habt ihr schon gesehen?‘ wollte Martin von uns wissen, der in den nĂ€chsten zwei Wochen das gemeinsam von uns gecharterte Boot – die „Goldrush“, eine Westerly 36 – skippern wĂŒrde. Er zeigte uns auf seinem Handy die aktuellen Wetterprognosen, und wir verdrehten gemeinsam die Augen. NatĂŒrlich hatten wir schon davor immer mal wieder nachgesehen, was fĂŒr unser Törn-Revier, die inneren Hebriden, vorhergesagt wurde. Aber wir wussten auch von unseren vorherigen Wanderurlauben in Schottland, dass langfristige Vorhersagen hier oben kaum zu haben waren. Redeten die Briten nicht so gerne ĂŒbers Wetter, weil es immer so viel Neues zu erzĂ€hlen gab?

"Goldrush", Westerly 36
„Goldrush“, Westerly 36

An diesem Mittag in Dunstaffnage betrachteten wir mit gemischten GefĂŒhlen das Tief bei Irland, das langsam aber sich seine AuslĂ€ufer nach uns ausstreckte. Leider wĂŒrde diese Konstellation tatsĂ€chlich in den folgenden beiden Wochen bestimmend fĂŒr unser Wetter bleiben. Es fehlte der ĂŒbliche Hochdruckkeil, der normalerweise die Tiefdruckgebiete weiter nördlich an der schottischen KĂŒste vorbeigelenkt hĂ€tte. In diesem Jahr konnte sich das Hoch nicht durchsetzen, und wir verfolgten mit einer gewissen Faszination das Farbspiel auf den diversen Wetter-Apps. Besser man war vom Wasser wieder verschwunden und lag in einer kuscheligen Bucht wieder gut vertĂ€ut am Steg, bevor Farben und Himmel zu finster wurden.

Wetterkarte, 17. August 2019
Wetterkarte, 17. August 2019

Dieser Überlegung waren wir stets gefolgt, sodass ich nun im Nachhinein schreiben kann, dass die Wetterbeobachtung fĂŒr mich auf diesem Törn eines der spannendsten Themen war, ohne dass es uns in BedrĂ€ngnis gebracht hĂ€tte. Wetter war abends das letzte und morgens stets das erste Thema auf der Tagesordnung. Zwang es uns auf gewisse Weise zwar, in der NĂ€he der wenigen Marinas zu bleiben, sorgte es umgekehrt auch dafĂŒr, dass wir in den vierzehn Tagen ungehinderten WiFi-Zugang hatten und seine Entwicklung folglich gut im Blick behalten konnten.

Noch eindrĂŒcklicher als sein digitaler Fingerabdruck jedoch war das schottische Wetter in persona. Mehr als einmal lag ich in den folgenden beiden Wochen wach in meiner Koje und lauschte darauf, wie sich der angekĂŒndigte Wind geradezu an unser Boot heranschlich, um dann – stetig zunehmend – alle möglichen und unmöglichen GerĂ€usche darauf und auf den Booten nebenan zu intonieren. Man spricht gerne von einem heulenden Wind. Dieser hier fauchte und spielte ein ganzes Orchester aus Wanten, Fallen und allem anderen, was ihm in den Weg kam, nur um dann ebenso klammheimlich wieder zu verschwinden, wie er sich an uns herangemacht hatte.

Keineswegs waren wir ein Spielball einer anhaltenden Schlechtwetterfront, vielmehr zog Sonnenschein, Wind und Regen in immer neuen SchĂŒben und Mixturen an jedem einzelnen Tag ĂŒber uns hinweg. Dauerregen gab es nur ĂŒber dem Festland, bevorzugt in Glasgow, ĂŒber das man notgedrungen an- und abreisen musste und dessen frĂŒhkapitalistischer Industriestadtcharme sich uns einfach nicht erschließen wollte: Zu viel Verkehr, zu viel LĂ€rm, zu viel MĂŒll in den Nebenstraßen und vor allem zu viele Menschen nach all der Zeit im schottischen Outback mit dieser Natur zum Niederknien, dem fantastischen Licht, das einen den Atem anhalten ließ. Einer Welt, die so unglaublich jenseitig erschien, dass sie im Hier und Jetzt kaum zu fassen war.

NatĂŒrlich hatten wir Ölzeug dabei. NatĂŒrlich hatten wir gewusst, dass das Wetter hier oben so wechselhaft sein konnte. So unberechenbar, dass ich, ganz verwegen, sogar meinen Badeanzug eingepackt hatte. Man konnte schließlich nie wissen, und es war immerhin August. Baden sind wir schließlich nicht gegangen, dafĂŒr lernten wir, dass Regenwolken nicht nur NĂ€sse bedeuteten, sondern vor allem auch Wind, dass Böen nicht einen kurzen Windstoß meinten, sondern so lange anhielten, wie die Wolken groß waren. Mehr als einmal fĂŒhlten wir uns von zweien solcher Wolken regelrecht in die Zange genommen und versuchten, aus ihrem Einflussbereich heraus zu kreuzen.

Mindestens ebenso eindrĂŒcklich waren die Wellen und ihre Kraft, die unsere Westerly stets erst ein StĂŒckchen ansaugten, um sie dann regelrecht nach vorn zu spucken. Es waren kleine Wellen, ich will nicht ĂŒbertreiben, aber auch unser Boot war ein ganzes StĂŒck kleiner (36 Fuß) und vor allem leichter als die Gib Seas (43 Fuß, 12 t), mit denen wir bisher unterwegs gewesen waren – und dieser Unterschied machte sich nun hier an den Ă€ußersten AuslĂ€ufern des Atlantiks doch bemerkbar.

KĂŒchen-Crew ahoi!

‚Das nenn‘ ich echtes Commitment!‘ wir lachten und hatten alle denselben Gedanken, als wir den Sicherheitsgurt sahen, welcher den Koch an der Pantry bei Lage vom Umfallen abhalten sollte. Unsere „Goldrush“ war ganz offenbar auch fĂŒr schweres Wetter und lĂ€ngere Törns auf See gedacht und ausgestattet. Wir auch?

Spannend gestaltete sich das Bunkern in Oban. Eine erste Herausforderung waren schon die wenigen Kilometer von Dunstaffnage aus in die Stadt. Der Vercharterer wĂŒnschte bei der BootsĂŒbergabe nur Skipper und dessen Co an Bord. Sophia und ich nutzen also die Zeit – oder hatten das zumindest vor –, um erste VorrĂ€te in Oban einzukaufen. Wir pilgerten zur Bushaltestelle und warteten. Der Bus erschien auch pĂŒnktlich. Er bog auf unsere Straße ein. Wir schauten ihn an, er schaute uns an und – fuhr an uns vorbei. Wie bitte? Hey, hallo, wir wollten mitfahren! Einigermaßen entgeistert starrten wir dem Bus auf der Schnellstraße, an der wir standen, hinterher. Und nun? Der nĂ€chste Bus wĂŒrde erst in einer guten Stunde fahren, und wir hatten heute doch noch was vor! Wir entschieden uns kurzerhand fĂŒr ein Taxi. Judy, hilfsbereite Seele unseres Vercharterers, rief uns einen Wagen, als sie kopfschĂŒttelnd von unserem Malheur erfahren hatte. ‚It will take a couple of minutes. They’re changing the tires.‘ Nun gut, an abgefahrenen Reifen wĂŒrde unsere Unternehmung also wenigstens nicht scheitern. Wir warteten und warteten und warteten. Nach einer weiteren halben Stunde fĂŒhlten wir uns dann doch bemĂŒĂŸigt, noch einmal nachzufragen, ob man denn zusĂ€tzlich zu den Reifen noch etwas anderes hatte tauschen mĂŒssen. Nein, nun war unser Taxi definitiv auf dem Weg und wenig spĂ€ter wussten wir auch, warum hier alles so lange dauerte: durch Oban quĂ€lte sich eine schier endlose Autoschlange – so viel Verkehr am gefĂŒhlten Ende der Welt war schon erstaunlich und fĂŒr die Stadt nicht besonders vorteilhaft: An LautstĂ€rke und Unruhe stand sie Glasgow in nichts nach, obwohl letztere gut fĂŒnfundzwanzig Mal so groß war. Warum hier all diese Menschenmassen unterwegs waren, blieb uns ein RĂ€tsel.

Oban
Oban

Endlich im örtlichen Supermarkt angekommen, hatte unsere Odyssee aber leider noch kein Ende. Nicht nur waren hier bis auf wenige Ausnahmen nur die Hausmarken erhĂ€ltlich und die Suche nach dem GewĂŒnschten gestaltete sich entsprechend komplex, auch schien man die einzelnen Produktgruppen möglichst Ă€quidistant ĂŒber den gesamten Laden verteilt zu haben, so dass man Mal um Mal dieselben GĂ€nge entlang lief auf der Suche nach so trivialen Dingen wie Nudeln oder MĂŒsli. Eine schier endlose Zeit verbrachten wir mit dem intensiven Studium uns völlig unbekannter Lebensmittelverpackungen. Dennoch gelangte spĂ€ter – aus Versehen – die eine oder andere landestypische Absonderlichkeit in die Schapps unseres Bootes. Ein kulinarischer Tiefpunkt, den ich das UnglĂŒck hatte zu ergattern, stellte Orangensaftkonzentrat versetzt mit Zucker und SĂŒĂŸstoff dar. Wer denkt, grĂŒne Deckel signalisierten eher gesunde, also ungesĂŒĂŸte Waren, sitzt demselben Trugschluss auf, welchem ich hier auf dem Leim gegangen war. Und Achtung: Konzentrat meint tatsĂ€chlich Konzentrat und nicht trinkbaren Saft wie bei uns. Als halbwegs taugliche Mischung erwies sich spĂ€ter das VerhĂ€ltnis von einem Drittel Saftkonzentrat und zwei Dritteln Wasser. Alles jenseits davon war schlicht ungenießbar.

Unsere KĂŒchencrew hatte trotz allem viel Spaß bei der Zubereitung unserer Speisen. Auch die restlichen Personen im Salon lachten nicht selten, wenn Sophia die ausgesuchten Rezepte laut vorlas. Sie erforderten beispielsweise ein langsames Köcheln auf kleiner Flamme – ha, unser Ofen war digital: Feuer an oder aus, dazwischen war nichts. Auch die Frage, ob die eine Zutat zuerst und dann die andere in den Topf sollte oder ob sie doch umgekehrt hĂ€tten verrĂŒhrt werden mĂŒssen, war bei unserem Zweiflammen-Herd von eher fakultativer Bedeutung. Eindeutig war bei spĂ€terer Gelegenheit dagegen der Grund fĂŒr das Dahinscheiden von Eisbergsalat und Gurke: Beide waren in unserem TiefkĂŒhlloch schlicht am KĂŒhlaggregat erfroren.

Einige Male gingen wir Essen. Am lustigsten war in dieser Hinsicht „The Lorne“, seines Zeichens „Whisky-Pub“ in Oban. Dort gab es das klassische Pub-Food, gutes Ale und – der Name war Programm – eine umfassende Whisky-Karte als Kreideanschrieb umlaufend auf den WĂ€nden durch den ganzen Raum vermerkt. Bei unserem ersten Besuch dort saßen am Nachbartisch zwei Franzosen und diskutierten ihre UrlaubsplĂ€ne. Entsprechende ReisefĂŒhrer wurden gewĂ€lzt und spĂ€ter dann auch Postkarten geschrieben. Wie eine Partie ‚Solitaire‘ hatte mein Nachbar seine Karten vor sich auf dem Tisch drapiert. LĂ€chelnd betrachtete ich die Szene, hatte ich doch nur wenige Tage zuvor dieselbe Urlaubsaufgabe erfĂŒllt. Wie schön, dass es noch andere gab, die diesem Hobby analoger Zeiten frönten. Mein Tischnachbar lĂ€chelte zurĂŒck und zeigte mir nicht ohne Stolz die Kunstdruck-Karten, die er noch in seinem MĂ€ppchen hatte. Er hatte eine gute Wahl getroffen…

Kaffeesegeln nach Kerrera

Der erste kurze Schlag fĂŒhrte uns von Dunstaffnage nach Kerrera. Einmal die Marina verlassen, verschlug uns die Landschaft den Atem. Das Spiel von Licht und Schatten verwandelte die umliegenden KĂŒstenlinien derart, dass man den Eindruck hatte, durch die Kulisse eines Fantasy-Films zu segeln. Diese Empfindung ĂŒberkam mich Mal um Mal, als wir dort auf dem Wasser unterwegs waren. Jede Lichtstimmung rief neue, ganz eigene EindrĂŒcke hervor, und das Licht wechselte mit den rasch ziehenden Wolken in schneller Abfolge. Die fernen Berge zeigten sich so mal als blaue Schatten, dann wieder in ein milchiges Licht getaucht in zarten GrĂŒntönen, dann nebelverhangen abweisend grau.

Loch Linnhe
Loch Linnhe

Wie soll man die Schattierungen von Silber, Blau, GrĂŒn und Schwarz beschreiben, die hier das Wasser anzunehmen vermochte? Wie die geradezu ĂŒbernatĂŒrliche Schönheit der sich sanft in den Himmel schwingenden HĂŒgel und Berge, durch die gelegentlich die Wolken zogen und immer wieder einzelne Burgruinen in ihren versteckten Falten zum Vorschein kommen ließen? Wer Tolkiens BĂŒcher (und die zugehörigen Verfilmungen) kennt, mag sich eine vage Vorstellung von der grandiosen Landschaft machen, die in allen GrĂŒntönen zu leuchten im Stande ist, in der BĂ€ume nicht einfach BĂ€ume, sondern eigene kleine UrwĂ€lder mit Flechten, Moosen und Farnbewuchs waren. In der Felsblöcke die Form von Urzeitechsen und knorrige Baumwurzeln jene von WichtelmĂ€nnchen aufwiesen. In der Wurzeltreppen zu ElfenhĂ€usern hinauf fĂŒhrten und WasserfĂ€lle aus allen Poren des Landes hervor zu sprudeln schienen. Ja, ich mag dieses Land mit seiner UrsprĂŒnglichkeit, seiner Verwunschen- und Abgeschiedenheit. Und es nun vom Wasser aus betrachten zu können, fĂŒgte dem Ganzen eine ganz neue, ungeahnt eindrĂŒckliche Perspektive hinzu.

Feenleiter, Loch Aline
Feenleiter, Loch Aline

Zum Mittagessen ankerten wir in einer kleinen Bucht auf der Westseite der Isle of Kerrera. Eine Kolonie Seehunde und Robben lag unweit auf einem der Felsen und bildete den Anlaufpunkt fĂŒr ein Ausflugsboot, dem wir in den folgenden Tagen noch einige Male begegnen wĂŒrden. Es war unverwechselbar an seiner fein sĂ€uberlich nach Form und Farbe aufgereihten Fenderparade erkennbar.

"Fender-Parade", Oban
„Fender-Parade“, Oban

Unsere Westerly war hĂŒbsch und urgemĂŒtlich, wenn auch nicht mehr ganz die jĂŒngste. Etwas erschreckend fand ich, dass das Lot ausgerechnet in der Einfahrt zur Oban Bay zu spinnen anfing. Wegen des hĂ€ufigen FĂ€hrverkehrs war man angewiesen, sich am Ă€ußeren Tonnenstrich zu halten, dort wurde es dann aber auch recht schnell ziemlich flach. In dem Moment also, als es wirklich darauf ankam festzustellen, wie viel Wasser wir wohl unter dem Kiel haben mochten, konnte das blöde Ding sich plötzlich nicht zwischen fĂŒnfzehn und null Metern entscheiden. Gut, null Meter war extrem unwahrscheinlich – wir haben den Weg trotzdem gefunden.

Wir machten in der Oban Marina auf Kerrera fest. Im Vergleich zur Transit Marina in Oban bot diese den unschlagbaren Vorteil, durch die ganze Bucht von dieser doch recht lauten Stadt getrennt zu sein und dazu das hĂŒbsche Panorama derselben zu offerieren. Im „Waypoint“, dem Pub der Marina, konnte man auch spĂ€tabends noch diese wunderbare Aussicht in völliger Ruhe genießen. Hier ließ sich auch das sonderbare Schauspiel der Fahrwassertonnen zur Hafeneinfahrt studieren. Seltsamerweise blinkten sie alle (d.h. die grĂŒnen und die wenigen roten) im gleichen Takt mit derselben Kennung. Das ganze sah eher aus wie eine Landepiste fĂŒr Flugzeuge denn wie die Markierungen eines Fahrwassers.

Oban Marina, Kerrera
Oban Marina, Kerrera

TagsĂŒber und bei der richtigen Tide konnte man vom „Waypoint“ aus auch einen guten Blick auf die Überreste des Wracks werfen, das am sĂŒdlichen Ende der Ardantrive Bay sein Dasein fristet und uns gleich zu Beginn daran erinnerte, dass die schottischen GewĂ€sser noch zu keiner Zeit ein Pappenstiel gewesen waren.

Kerrera selbst ist ein dĂŒnn besiedeltes Eiland, das auf seiner Nordwestseite einen grandiosen Ausblick auf die Silhouette der Isle of Mull bietet. Von der Marina aus fĂŒhrt eine Landstraße nach SĂŒden, vorbei an einigen sich offensichtlich sauwohl fĂŒhlenden, im Freien gehaltenen Schweinen, zum lokalen Farm-Shop. Sehr bald schon wurde dieser Weg von den ĂŒberall frei auf der Insel umherstreifenden Schafen und Highland-Rindern mit beachtlicher MĂ€hnen und Hörnern in Beschlag genommen. In nördlicher Richtung fĂŒhrt ein typisch schottischer Zwei-Fuß-Wanderweg durch mannshohen Farn und ĂŒber weite Heidefelder hinweg zum Denkmal fĂŒr David Hutcheson, den GrĂŒnder des Caledonian MacBrayne FĂ€hrservices. Von dort oben hat man einen wunderbaren Ausblick auf Maiden Island, die Insel in der Zufahrt zur Bay, sowie auf Dunollie Castle, eine Burgruine auf einer Anhöhe auf der anderen Seite der Bucht in Oban.

Hutcheson-Denkmal, Kerrera
Hutcheson-Denkmal, Kerrera

Von der Marina aus gibt es einen FĂ€hrservice mit einem kleinen Boot hinĂŒber nach Oben, den nicht nur wir fĂŒr einige Shopping-Touren nutzten.

In einer spĂ€teren Etappe wĂŒrden wir Kerrera auch runden. Besonders eindrĂŒcklich erwies sich dabei die SĂŒdkĂŒste, die sich dem offenen Atlantik hin zuwendet und von entsprechender DĂŒnung des Meeres umspĂŒlt wird. Wiederum war dies ein Platz, den die Schotten fĂŒr den Bau einer kleinen Festung (Gylen Castle) genutzt hatten. Nun erhob sich dessen Ruine malerisch zwischen saftig grĂŒnen HĂŒgeln. Fast schon kitschig wurde es, als durch diese Kulisse dann auch noch ein Dreimaster segelte, der zuvor in Oban seine Crew gewechselt hatte. In welcher Zeit waren wir noch mal unterwegs? In jener der drei Strommasten dort drĂŒben oder doch eher in jener der Elfen und Hexenmeister, die doch ganz gewiss das alte GemĂ€uer dort auf der Klippe bewohnen mussten?!

Sund, Kerrera
Sund, Kerrera

In der folgenden Nacht zog ein wahrer Sturm ĂŒber uns hinweg. Der Wind fauchte, brĂŒllte, schnaufte und klapperte mit allem laufendem und stehendem Gut, das er zufassen kriegen konnte. Ganz langsam hatte er sich angepirscht. Erst streifte er ein wenig ĂŒber den Steg, schlenderte ein wenig hierhin und dorthin zu schauen, ob auch angemessenes Publikum fĂŒr seine Vorstellung zugegen wĂ€re. Gegen halbelf in der Nacht legte er dann richtig los. Wir lagen in den Kojen und lauschten dem Spektakel. Zuerst versuchte ich noch, einzelne GerĂ€usche zu bestimmen und Dingen an Deck zuzuordnen. Aber je weiter die Nacht voranschritt, desto mehr verschwand alles in ihrem Gewand. Es hatte keinen Anfang und kein Ende mehr, alles passierte irgendwie gleichzeitig. Das letzte Mal hatte ich als Kind dem Wind so intensiv zugehört, wie ich es hier nun wieder in Schottland tat. Ich war in einem Dachzimmer groß geworden, und der Wind strich mit schöner RegelmĂ€ĂŸigkeit ĂŒber das Land, von dem ein Bekannter mal meinte, man könnte am Samstag schon sehen, wer am Sonntag wohl zum Kaffee kommen wĂŒrde. Damals vermittelte es mir ein GefĂŒhl von Geborgenheit, den um das Haus wĂŒtenden Elementen zu lauschen, wohl wissend, dass ich in meinem Zimmer vor ihnen sicher war. Sie nun wieder zu erleben und zwar nicht bloß zu hören, sondern in allen Bewegungen des Schiffes, das an seinen Leinen zog und zerrte, auch körperlich zu spĂŒren, war eine ganz neue Dimension dieser Erfahrung.

Gegen Morgen beruhigte sich das schottische Wetter dann allmĂ€hlich und ersetzte den Wind durch einen beharrlich fallenden Regen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir fest, dass die Decksluke in unserer KajĂŒte in der hinteren linken Ecke ein winziges Loch haben musste, denn es bildete sich eine beharrliche Kaskade an Wassertropfen, die nach und nach einen kleinen See auf Alexanders Schlafsack bildeten. Wir improvisierten und legten erst mal ein Handtuch auf die fragliche Stelle.

Loch Aline

Von der Oban Marina fĂŒhrte uns der nĂ€chste Schlag nach Loch Aline, das auf der Movern Peninsula gelegen ist und nach gut einem Drittel des Sounds of Mull erreicht war. Letzteren kreuzten wir in einigen langen SchlĂ€gen recht gemĂŒtlich hoch.

Maiden Island, Oban
Maiden Island, Oban

Noch am Morgen hatte sich Mull mit Nebel in den Bergen prĂ€sentiert. In der Oban Marina war die Sonne gerade aufgegangen, die Welt erwachte langsam aus dem sanften Schlaf der vergangenen Nacht. Kaninchen hatten zu dieser Tageszeit die Marina fest im Griff. Ihre weißen Blumen bildeten einen ansehnlichen Kontrast zum satten GrĂŒn der umgebenden Landschaft. Ein Schwarm silberner Fischlein spielte in der Marina und ließ das Wasser aussehen, als fielen Tautropfen darauf nieder. Nach dem Sturm des vergangenen Tages lag das Wasser nun wieder spiegelglatt vor uns und lud zum Aufbruch ein.

Lady’s Rock am Eingang zum Sund zog uns wie magisch an. Mit einer Wende entgingen wir schließlich ihrem Bann. Duart’s Castle, der Sitz des ungnĂ€digen Gatten der Lady, sah von Weitem wie ein Geisterschloss aus. TatsĂ€chlich war es gerade in ein Spinnennetz aus GerĂŒsttrĂ€gern eingesponnen. ‚Under construction.‘ Zwischen Lady’s Rock und Lismore Point waren in unserer Karte schon erwĂ€hnte ‚Eddies‘ verzeichnet – Mahlströme. Hier waren sie nicht sehr stark und bei Stillwasser merkte man freilich nichts von ihnen. Aber allein die Tatsache, dass sie in realita existierten, war erstaunlich genug. FĂŒr mich hatten Mahlströme bisher in dasselbe Reich der Mythen und ErzĂ€hlungen gehört wie Seeungeheuer und andere Phantasiegespinste.

Im Sund galt es dann, auf den regen FĂ€hrverkehr zu achten. Besagte Caledonian MacBrayne Flottille ist hier mit einer Vielzahl unterschiedlicher Schiffe vertreten. Sie sind groß und schnell, wobei letzteres sicher auch eine Frage der Relation ist. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit lag meist bei knapp unter fĂŒnf Knoten, zu Spitzenzeiten etwas ĂŒber sieben. FĂŒr ein Segelboot seiner GrĂ¶ĂŸe kam die „Goldrush“ also leidlich voran, fĂŒr die Kraftmaschinen der FĂ€hrgesellschaft waren wir dagegen nicht schneller als eine Schnecke.

Eigentlich wĂ€re dieser Segeltag so gewesen, dass wir ohne Probleme bis Tobermory hĂ€tten weiterfahren können – vielleicht auch hĂ€tten sollen, hĂ€tten wir noch Ziele anlaufen wollen, die weiter draußen gelegen waren – aber ich wollte zu gerne Loch Aline sehen. Auch war wieder jede Menge Wind fĂŒr den Abend und die Nacht angesagt und das Loch gilt als perfekter Unterschlupf.

Eine FĂ€hre verbindet Lochaline mit dem gegenĂŒberliegenden KĂŒstenabschnitt der Isle of Mull. Sie warteten wir zwei Mal ab, bevor wir uns einen rechten Überblick ĂŒber die schmale Zufahrt zum Loch verschafft hatten. Auf der Seekarte sah der Zugang lang gezogen aus, nun erblickten wir schon vom Sund aus die Marina mit ihren zwei Stegen. Waren wir hier richtig?

Bereits am frĂŒhen Nachmittag kehrten wir in Loch Aline ein und das, wie wir bald meinten, keine Stunde zu frĂŒh, denn die wenigen StegplĂ€tze der Marina waren schnell gefĂŒllt. Nicht wenige der Boote hatten ein lustig buntes Flaggenalphabet gesetzt. Wie wir spĂ€ter herausfanden, traf sich dort an diesem Abend einer der lokalen Segelclubs zum Stelldichein. Das Barbecue an der gemĂŒtlichen HolzhĂŒtte der Marina lief lang in dieser Nacht.

Letztere ziert ein langes Gedicht von Alexander McCall Smith, jenem Autor, der in so unvergleichlicher Weise ĂŒber das deutsche UniversitĂ€tswesen zu schreiben wusste. Jedem seien an dieser Stelle die Abenteuer des Herrn Prof. von Igelfeld, seines Zeichens Experte fĂŒr portugiesische irregulĂ€re Verben, ans Herz gelegt. Neben Nabokovs „Pnin“ gibt es wohl kein zweites Buch wie McCall Smiths „The 2 1/2 pillars of wisdom“, welches die schrullige VerrĂŒcktheit des Uni-Alltags mit derartigem Wortwitz auf den Punkt zu bringen vermag. Entsprechend freute es mich sehr, nun gerade an diesem verwunschenen Ort in Schottland auf die Spuren dieses Autors zu stoßen, der sich offenbar fĂŒr die Einrichtung der dortigen Marina eingesetzt hatte. Besten Dank dafĂŒr!

Vom Steg aus bot sich uns ein fantastischer Ausblick ĂŒber das Loch. Eine Reihe von Yachten lag noch weiter landeinwĂ€rts an einigen Moorings. Ganz im Osten zeigten sich versteckt zwischen den BĂ€umen die vielen kleinen Schornsteine und TĂŒrmchen von Ardtornish House. Wie ein Geisterhaus wirkt es auf uns und zog uns geradezu magisch an.

Ardtornish House, Loch Aline
Ardtornish House, Loch Aline

Der erste Abend, der sich ĂŒber das Loch legte, verbreitete eine ganz eigene Stimmung. Wie viele kleine Irrlichter tanzten die Ankerlichter das Yachten an ihren Moorings ĂŒber dem Wasser. In der Zufahrt zum Loch blinkten einsam die Tonnen.

Am frĂŒhen Morgen zog wieder ein TiefauslĂ€ufer ĂŒber uns hinweg. „Depression“, wie die Briten sagen, irgendwie passend, wenn es stĂŒrmt und schĂŒttet. Das ganze Boot bebte am Steg, die Wellen liefen von achtern unter unsere „Goldrush“ und ließen sie auf das Wasser hĂ€mmern. Wir nahmen uns einen weiteren Hafentag.

Wasserfall, Loch Aline
Wasserfall, Loch Aline

Den Tag nutzten wir, die Umgebung zu erkunden. Lochaline Dorf ist genau das, ein Dorf am Ende der Welt wie es scheint – wohlgemerkt mit Marina und Sandmine. Sie sprengen den Quarzsand tief unter der Erde aus seinem Ruhelager. An die OberflĂ€che geholt, sieht er in seinen LagerstĂ€tten aus wie Tropfstein. Aus dem Stollen schlĂ€gt einem der eisige Atem der Unterwelt entgegen. Besser, man verweilt nicht allzu lang


Der Ort wartet auf mit einem All-in-one-store: Post, GemĂŒseladen, BĂ€cker, Tankstelle – alles im selben HĂ€uslein. GegenĂŒber der Briefkasten, der einmal tĂ€glich geleert wird und vollmundig verkĂŒndet, dass man sich fĂŒr weitere AuslieferungswĂŒnsche an das nĂ€chste Postamt – in Oban wenden könne. Gut fĂŒr alle, die hier ein Boot ihr eigen nennen können.

Loch Aline
Loch Aline

Wir liefen bis Ardtornish House, welches ganz am Ende des Lochs liegt und von fern anmutet wie das Schloss von Graf Dracula oder, besser noch, wie der Wohnsitz von Nosferatu mit seinen ganzen TĂŒrmchen und Schornsteinen, die aus dem dichten Wald hervorlugen. Auf dem Weg dorthin fanden wir eine große Ansammlung des „kleinen schönen Weißen“ (Fionnan Geal) – des Sumpf-Herzblatts, das uns eine sehr nette Dame auf Arran erstmals zeigte und das wir seitdem stets mit diesem Land verbinden. Auch einen Adler bekamen wir zu Gesicht. Er flog unmittelbar vor uns auf und verschwand ebenso schnell und gerĂ€uschlos, wie er aufgetaucht war, wieder zwischen den bemoosten Ästen der alten BĂ€ume. Wir streiften weiter durch einen echten MĂ€rchenwald samt WasserfĂ€llen, Feenleiter und Moosungeheuern. Unser Geisterhaus fiel dagegen weit weniger spannend aus, als gedacht. Es entpuppte sich als Hotelanlage nebst weitlĂ€ufigem ParkgelĂ€nde. Trotzdem belohnte es uns mit einem wunderbaren Blick auf das gesamte Loch und den Sound of Mull.

Waldfrosch, Loch Aline
Waldfrosch, Loch Aline

Von all den Orten, die wir wĂ€hrend dieses Törns ansteuerten, war Loch Aline zweifelsohne der abgeschiedenste und ursprĂŒnglichste und in seinem Zauber einzigartig.

Tobermory und Ardnamurchan Point

Von Loch Aline ging es weiter, den Sound auf Mull hochkreuzend mit einer atemberaubenden Landschaft zu beiden Seiten, nach Tobermory. Der Weg fĂŒhrt vorbei am Örtchen Salen auf der Isle of Mull, der an deren engster Stelle liegt. Von Westen drĂ€ngt hier Loch na Keal weit ins Landesinnere, Berge erheben sich majestĂ€tisch nördlich und sĂŒdlich davon. Die Topographie der Insel hatte hier eine wahre Windschleuse gestaltet, ein Dreher der Windrichtung war zu erwarten gewesen und setzte in der Folge, dankenswerter Weise in gemĂ€chlicher Weise, ein. Wir kreuzten weiter und erreichten im Nachmittagslicht Tobermory.

Leider war uns der Hafen selbst nicht sonderlich wohlgesonnen, denn kaum bahnten wir uns unseren Weg durch das ausgedehnte Mooringfeld, öffnete der Himmel erneut seine Schleusen. Nur gut, dass das Ölzeug – zumindest in Teilen – schon seinen Dienst an Skipper und Crew verrichtete. Allerdings dauerte es dann eine ganze Weile, bis wir das Anlegerbier wieder im Cockpit genießen konnten. DafĂŒr prĂ€sentierte sich uns der kleine Hafen, nun sozusagen rein gewaschen, in seinen schönsten Farben und die waren von durchaus krĂ€ftiger Natur: gelbe, rote und blaue HĂ€uschen reihen sich hier am Kai auf.

Tobermory, Hafen
Hafen, Tobermory

Wie heißt es so schön in Alexanders GĂ€lisch-Lehrbuch? „Tha Tobar Mhoire snog agus glĂš bheg! – Tobermory ist hĂŒbsch, aber sehr klein!“ Das StĂ€dtchen ist erstaunlich belebt – sind es die vielen Menschen, die hier mit der FĂ€hre ankommen, oder sind die Straßen einfach so eng?

Die Marina liegt direkt neben dem lokalen „Catch and Release Aquarium“, nach vier Wochen darf dort alles zurĂŒck in seine atlantische Heimat, was man zuvor zum Anschauen vorbeigebracht hat – ein sehr sympathisches Konzept! Im Hafenbecken, direkt am Ponton, an dem unsere „Goldrush“ lag, habe ich zum ersten Mal Seesterne sozusagen in freier Wildbahn gesehen. Gleich drei StĂŒck auf einmal konnten wir in dem klaren Wasser ausmachen. Scheint die Sonne, kann man dort bis zum Meeresgrund hinabschauen.

Das Örtchen blieb fĂŒr ein paar Tage unser Basislager. Eigentlich hatten wir vorgehabt, von dort aus weiter zu den Small Isles zu segeln. Besonders Canna hatte es uns angetan, aber das Wetter wollte einfach nicht mitspielen. Wir steckten weiterhin im AuslĂ€ufer eines Tiefdruckgebiets und das nĂ€chste war schon auf schnellem Weg zu uns – inklusive Sturmwarnung. Canna hĂ€tte aber maximal eine Mooring-Boje zum Festmachen geboten und selbst dieser Platz war ungewiss. Alternative Routen, die uns ein sicheres Versteck vor eventuell schnell herannahenden Sturmböen geboten hĂ€tte, waren nicht wirklich vorhanden. Tobermory war damit genau der richtige Ort, den wir fĂŒr diese instabile Wetterlage brauchten.

Es folgten Hafentage und ein Segelnachmittag nach Ardnamurchan Point. Wenigstens einen Blick wollten wir auf die Small Isles werfen, wenn wir schon nicht wĂŒrden hinfahren können. Die Kulisse, die sich uns jenseits des Kaps bot, war atemberaubend. Umlaufende Winde machten uns dort das Leben ein wenig schwer, immer wieder zogen auch Schauerwolken mit reichlich Böen ĂŒber uns hinweg, aber schließlich hatten wir es geschafft und segelten aus dem Sund hinaus. An Steuerbord tauchte der Leuchtturm von Ardnamurchan auf und vor uns prĂ€sentierten sich in der Ferne die Small Isles. Eine herrliche Kulisse, die uns lockte wie der SĂŒden die Schwalben. Schweren Herzens drehten wir schließlich ab – das Wetter, hatte ich es schon erwĂ€hnt?!, es war immer noch ein Sturm angesagt.

Ardnamurchan Point
Ardnamurchan Point

Vergeblich hielten wir auf dem RĂŒckweg nach Delfinen Ausschau, die Martin im Jahr zuvor hier entdeckt hatte. Offenbar hatten auch die Tiere beschlossen, dass sie sich unter den aktuellen Bedingungen lieber nicht zeigen, sondern tiefere GewĂ€sser vorziehen wollten. Jedenfalls bekamen wir keine zu Gesicht, dafĂŒr aber immer mal wieder die eine oder andere Robbe, die uns aus einiger Entfernung neugierig beĂ€ugte, nur um sich dann in einer erstaunlichen Geschwindigkeit durchs Wasser zu bewegen – völlig egal, ob mit oder gegen den Strom.

Wie drei Wetterfeen standen die Funkmasten in der Ferne auf ihrem Berg. Sie verschwanden in den Schauerböen und tauchten wieder auf. Wir hielten eine ganze Weile auf sie zu, um den Weg zurĂŒck in den Sund zu finden. Zu diesem Zeitpunkt fuhren wir nur noch mit Hilfe des Vorsegels. Am Kap liefen die Winde aus allen Richtungen und hĂ€tten den Großbaum nur unnötig schlagen lassen, so war es ruhiger.

Die beiden Hafentage in Tobermory nutzten wir fĂŒr ausgiebige Wanderungen. Die erste Erkundungstour fĂŒhrte uns auf dem nördlichen KĂŒstenpfad zum Leuchtturm Rubha nan Gall. Ein Schild warnte davor, dass es ein enger Pfad an der teilweise steil abfallenden KĂŒste sei. Kinder und Hunde sollte man also besser achtsam im Blick behalten. Und so kam es dann auch: Der Pfad schlĂ€ngelte sich unmittelbar an der SteilkĂŒste entlang. Er bot maximal zwei Personen nebeneinander Platz – zur Linken ging es den HĂŒgel hinauf, zur Rechten stĂŒrzte die Insel mehr oder weniger steil ins Meer. BĂ€ume und BĂŒsche machten aus dem Ganzen ein kleines Urwalderlebnis. UngefĂ€hr nach dem ersten Drittel des Weges hing von einem der Äste eines der knorrigen alten BĂ€ume ein dickes Tau mitten auf den Pfad. Wir rĂ€tselten ĂŒber dessen Zweck und mochten uns lieber nicht vorstellen, dass jemand es dazu nutzen wĂŒrde, sich ĂŒber den Abhang zu schwingen.

Rubha nan Gall, Tobermory
Rubha nan Gall, Tobermory

Rubha nan Gall liegt ungefĂ€hr zwei Kilometer vom Ortsende entfernt. Was fĂŒr ein Anblick, als das Leuchtfeuer zum ersten Mal durch die BĂ€ume schimmerte! Der Pfad fĂŒhrte zum Bauwerk hinunter, sodass wir schlussendlich wieder auf Höhe des Meeresspiegels anlangten. Hier weitet sich die Insel wieder ein wenig und bietet Platz fĂŒr ein idyllisch gelegenes Cottage, das als selfcatering B&B zu mieten ist. Davor fĂŒhrt eine kleine geschĂŒtzte Kaimauer, welche die orstansĂ€ssigen Midges ebenfalls zu schĂ€tzen wussten, bis zum Leuchtturm vor. Weiter nördlich gelangt man ĂŒber eine GrasflĂ€che, die sich mit schwarzen Felsen abwechselt, bis ans Meer. Hier bot sich uns ein atemberaubender Ausblick auf die Bloody Bay und das nördliche Ende des Sounds of Mull. Eingetaucht in das goldene Licht der SpĂ€tnachmittagssonne lag der Sund nun vor uns und ließ uns innehalten. Man war versucht, die Luft anzuhalten, um diesen Landschaftszauber nicht zu stören. Hier fĂŒhlte man sich ganz klein und groß zugleich, weil man mit dem Wesen der Natur verschmilzt, wĂ€hrend man schaut und schaut. Die Seele saugt sich voll mit diesen Bildern, die einen nicht loslassen wollen, die einen mit jenem etwas zu verbinden scheinen, das so unendlich viel grĂ¶ĂŸer und wertvoller ist als man selbst und das wir so oft mit unserem stĂŒmperhaften Dasein so leichtfertig aufs Spiel setzen, dass uns die Kinder von morgen daran erinnern mĂŒssen, was fĂŒr uns alle dabei zu verlieren wĂ€re


Tobermory, Sound of Mull
Sound of Mull, Tobermory

Tobermory selbst weist eine Reihe unterhaltsamer GeschĂ€fte am Hafenrand auf. In einem kann man neben Anglerbedarf auch gleich sein LektĂŒrebedĂŒrfnis stillen. In der Apotheke sind neben Mittelchen gegen alle möglichen Leiden, auch WhiskyglĂ€ser zu haben. Der örtliche Yachtausstatter wartete mit einer ganzen Kollektion der von uns ĂŒberaus geschĂ€tzten Tilley-SeglerhĂŒte aus Kanada auf. Daheim konnten wir diese lediglich online erwerben. In diesem schottischen Nest mit seinen knapp eintausend Einwohnern aber konnte man aus einem breiten Angebot wĂ€hlen – wohlgemerkt der erste Hut, der inklusive Handbuch zu erwerben war. Auch dem Souvenirshop der örtlichen RNLI Lifeboat Station statteten wir einen Besuch ab, die immer noch die Weihnachtskarten des letzten Jahres im Angebot hatten. Ein Seifen- und ein SchokoladengeschĂ€ft rundeten zusammen mit der lokalen Distille am Hafen den Shoppingbummelteil gebĂŒhrend ab. Die Dame dort lud uns direkt zum Tasting ein, als wir ihr unsere UnschlĂŒssigkeit hinsichtlich des zu erwerbenden geistigen GetrĂ€nks gestanden. Allerdings löste die Verkostung unser Problem nicht wirklich, denn sowohl die rauchige als auch die nicht-rauchige Variante des lokalen Whiskys waren, wie schon erwartet, exzellent. So wĂ€hlten wir eine Flasche fĂŒr uns und eine kleiner Ausgabe der zweiten Sorte fĂŒr den weiteren Genuss an Bord.

Hafen, Tobermory
Hafen, Tobermory

Ein zweiter Hafentag in Tobermory nach unserem Ausflug nach Ardnamurchan Point fĂŒhrte uns auf den sĂŒdlichen KĂŒstenwanderweg. Dieser startete, wie so oft in Schottland, unspektakulĂ€r hinter einem Bauplatz direkt neben der Marina, wandt sich recht schnell die KĂŒste hoch und, ehe man es sich versah, bot sich von dort die schönste Aussicht auf die bunte HĂ€userzeile am Hafen und die in der Bucht an Moorings und Stegen festgemachten Yachten.

Tobermory
Tobermory

Der Weg fĂŒhrt zum Aros Park, einem der versteckten SchatzkĂ€stchen der Insel, wie ein Wegweiser gleich zu Beginn ankĂŒndigt. Zwar schafften wir bis zum verabredeten RĂŒckkehrzeitpunkt nur einen Teil des Weges, doch öffnete besagtes SchmuckkĂ€stchen schon bereitwillig auf diesem Abschnitt seine Pforten. Nicht nur bot sich uns ein fantastischer Blick auf Tobermory Bay und die dort vorgelagerte Calve Island, welche der Bucht ihren heimeligen Charakter verleiht. Auch konnte man jenseits des Sunds in die Berge von Morvern blicken, wĂ€hrend man durch einen jener verwunschenen WĂ€lder Schottlands streifte, welche das Auftauchen des „kleinen Volkes“ so wenig erstaunlich gemacht hĂ€tten. Wir kamen bis zu einem großen Wasserfall, der seine Elemente mal plĂ€tschernd, mal donnernd in die Tiefe stĂŒrzen ließ, bis sich die Fluten schließlich mit jenen des Sundes vereinigten. Gebannt betrachteten wir das vom Moor braun gefĂ€rbte Wasser, das sich mit seinen weißen Schaumkronen einen Weg durch das zerklĂŒftete Gestein suchte – ein magischer Ort.

Wasserfall, Tobermory
Wasserfall, Tobermory

In Schottland sind WasserfĂ€lle wahrlich keine Seltenheit. Immer wieder sieht man sie sich an dem einen oder anderen Hang in die Tiefe stĂŒrzen. Ihre Anmut trĂ€gt zweifellos zur Schönheit dieses Landes bei. Ein anderer Faktor sind sicherlich die vielen Tiere und Pflanzen, die bei uns so selten geworden sind. Hier trafen wir auf ein Rotkehlchen – zugegeben keine besonders rare Vogelart, aber dieses Exemplar war doch besonders. Es kam nĂ€mlich recht neugierig auf uns zu, uns genauer zu inspizieren. Schlussendlich saß es keine Handbreit mehr von Alexander entfernt auf dem Boden, der dort kniend gerade dabei gewesen war, die bunte Kulisse Tobermorys auf Film zu bannen. Es flog nicht weg, als er sich nach ihm umwandt. Es hĂŒpfte, ganz im Gegenteil, noch weiter auf ihn zu. Wir verfĂŒgen nun ĂŒber einige Großaufnahmen des possierlichen Kerlchens mit seinen neugierigen Knopfaugen – ganz ohne Teleobjektiv.

Rotkehlchen, Tobermory
Rotkehlchen, Tobermory

Kerrera und Oban

Von Tobermory aus ging es dann zurĂŒck durch den Sund nach Kerrera in die Oban Marina. FĂŒr die kommenden Tage gab es erneut eine Sturmwarnung fĂŒr die nördliche Ecke von Mull, so war es besser, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen und in einer sicheren Ecke Unterschlupf zu suchen. Schon der Morgen begann mit starken Windböen, die durch das Boot fuhren. Es war ein etwas unsanftes Erwachen an unserem letzten Morgen in dieser Puppenstube.

Hinter uns im Sund zog sich recht bald ein ganzes Regattafeld auf. Wir waren nicht die einzigen, die die Sturmwarnung gehört hatten. Alle hatten sich auf den Weg nach SĂŒden gemacht, wo die Lage ruhiger sein sollte. Raumschots fuhren wir also durch den Sund zurĂŒck zur Oban Marina, wo wir am spĂ€ten Nachmittag wieder anlangten. Hier blieb es erstaunlich ruhig. Das Regattafeld hatte sich unterwegs aufgelöst. Nur einige wenige waren uns nach Kerrera gefolgt, andere wĂŒrden wir in den folgenden Tagen in der Transit Marina in Oban wieder treffen, wohin wir uns nach dem Sturm verholen wĂŒrden.

Auf Kerrera hatten wir einen kommoden Platz am Steg ergattert und nutzten die verbliebenen Stunden des Tages dafĂŒr, noch einmal den FĂ€hrservice in die Stadt in Anspruch zu nehmen, um dort unsere VorrĂ€te etwas aufzustocken.

Wieder hatte sich der Wind heimlich angeschlichen. Nun tobte er ĂŒber uns mit gut dreißig Knoten schon den ganzen Morgen. Das Boot, das uns gegenĂŒber am Steg lag, machte trotzdem los. Allerdings schien die Crew auch ĂŒber einige Erfahrung mit dem hiesigen Wetter zu verfĂŒgen. Ihr Boot hieß „First Affair“, ihre Rettungsinsel „Last Affair?“ – schottischer Humor.

In der Mitte der Bucht ankerte eine Luxus-Motoryacht, die on top einen Helikopter-Landeplatz aufwies, inklusive besagtem FluggerĂ€t. HĂŒbscher anzuschauen waren die „Black Guillemots“, Gryllteiste eine Sorte Alk-Vögel ganz in schwarz mit weißen Flecken auf den FlĂŒgeln und knallroten Beinchen. Sie vertrieben sich vereinzelt die Zeit im Hafenbecken der Oban Marina. Auf den Stegen fanden wir die Überreste ihres Mittagsmahls – Scheren und einzelne Beine von Krebsen sowie Muschelschalen.

Der Tag des angekĂŒndigten Sturms begann unruhig mit Hagel und Gewitterböen, doch entpuppte sich das Wetter dann als weit weniger dramatisch, als es in unserer Wetter-App vorhergesagt worden war. Die Grafiken des ziehenden Tiefs waren jedenfalls kolossal beeindruckend gewesen. Unser Nachbar am Steg fasste es schön zusammen: ‚It showed red, then purple and it got darker – so I thought it would be better to come in.‘ Wir nutzen also des restlichen Tag fĂŒr eine Wanderung ĂŒber die Isle of Kerrera.

Vorhersagekarte Windböen, 17. August 2019
Vorhersagekarte Windböen, 17. August 2019

Am folgenden Tag machten wir einen Ausflug nach Oban, um das Dunollie Castle zu besichtigen, die Burgruine , die auf der anderen Seite der Bucht direkt am Hang liegt. Das GelĂ€nde umfasst neben der Ruine ein zum Museum hergerichtetes Gesindehaus sowie eine kleine Parkanlage, die mit wunderbaren Holzschnitzereien verziert worden war. Die Überreste der Burg thronen hoch oben auf der Klippe. Man blickt weit ĂŒber die Bucht, hinĂŒber nach Mull und tief in den Sund hinein. Aufkommender Regen trieb uns in die verwitterten Rudimente des alten GemĂ€uers, um dort ein wenig Schutz zu suchen. Wir verharrten mehr oder weniger unmittelbar unter dem alten Torbogen des Eingangs, klaffte dahinter doch ein kaltes, schwarzes Loch wie ein Riss in der Zeit. Schwer vorstellbar, dass darin einmal Menschen gelebt haben sollten. Vielleicht hatten Feuer diesem Platz ein wenig mehr WĂ€rme und Zuversicht eingehaucht, doch nun war nichts weiter ĂŒbrig als der blanke Stein im grau verhangenen Himmel und im Innern diese grenzenlose Finsternis, die einen lieber zurĂŒck in den Regen treten ließ, als zu weiteren Erkundigungen einzuladen.

Caledonian MacBrayne, Dunollie Castle
Caledonian MacBrayne, Dunollie Castle

Ganz anders dagegen das weißgekalkte Gesindehaus am Fuß der Klippe. Von diesem ging eine gemĂŒtliche WĂ€rme aus, die schnell mit den hier ausgestellten Kindergeschichten der verschiedenen adligen Sprösslinge in Verbindung gebracht werden konnte. Die winzigen Zimmerchen waren vollgestopft mit allerlei Nachlassenschaften vergangener Zeiten. Besonders faszinierend war in dieser Hinsicht sicherlich die KĂŒche und der angrenzende Wirtschaftsraum, in welchem nicht nur KĂŒchenutensilien aus Kupfer und Gusseisen ausgestellt waren, sondern auch RezeptbĂŒcher und Vorratsdosen aller Art, zwischen welche eine liebevolle Hand in Ermahnung an die tatsĂ€chlichen VerhĂ€ltnisse der damaligen Zeit die eine oder andere Stofftierratte platziert hatte.

Dunollie Park, Oban
Dunollie Park, Oban

Ein typisch schottisches Konzept verfolgte wiederum der angrenzende Souvenirshop. Neben allerlei Dingelchen bot man hier vor allem die im lokalen Handwerk selbstgewebten Wollstoffe sowie daraus gefertigte Produkte feil. Allerdings war nirgends Verkaufspersonal zu entdecken. Ein Schildchen am Eingang klĂ€rte uns auf: Man möge bitte nehmen, was einem gefiele und dann unten am PförtnerhĂ€uschen alles bezahlen, wo man auch die Eintrittskarten zum GelĂ€nde erworben hatte. War dieses Vertrauen sicherlich durch die in Großbritannien so weit verbreiteten CC-TV-Kameras abgesichert, verfolgte der Farmshop auf Kerrera dieses Konzept bis hinunter in die tiefsten humanen Anwandlungen. Auch dort wurde auf die Ehrlichkeit der Kundschaft gesetzt, indem man darauf vertraute, dass die Besucher die Preise ihrer gewĂ€hlten Waren selbst auf einem extra dafĂŒr platzierten Zettelblock summierten und den fĂ€lligen Betrag in der offenen Kasse zurĂŒcklassen wĂŒrden. Ich mag dieses Land!

Dunollie Park, Oban
Dunollie Park, Oban

Der Weg zurĂŒck nach Oban fĂŒhrte uns auch zum lokalen Fischmarkt am Hafen. In einem gut besuchten Imbiss wurden hier unter anderem allerlei Krustentiere fangfrisch angeboten. Eine Horde kleiner Kinder stand oder kniete vor den Kisten mit den Krabben. Ihre kleinen Finger strichen ĂŒber die dicken Panzer der urtĂŒmlichen Tiere, als kraulten sie kleine KĂ€tzchen. Auch sĂ€uselten sie ihnen Ă€hnliche Dinge zu wie den Spielkameraden, die sonst mit ihren Samptpfötchen nach ihren WollknĂ€ueln haschen wĂŒrden. Keiner der verzĂŒckt die Szenerie betrachtenden Erwachsenen hielt es fĂŒr nötig, den Kleinen die wahre Natur dieses Ortes und den Zusammenhang mit den Sandwiches zu erklĂ€ren, die alle wenig spĂ€ter mindestens ebenso begeistert verschlangen. ‚Makaber‘ war wohl das Wort, das Sophia und mir bei dem Ganzen durch den Sinn ging.

Am Abend machten wir dann in der Transit Marina in Oban fest. Oban ist zweifelsohne eine Stadt der Möwen. Nicht so extrem wie Glasgow, aber deutlich mehr Tiere hielten sich hier auf als auf den Inseln. Lautstark verkĂŒndeten sie ihre Lufthoheit im Hafen. Die Transit Marina liegt direkt am Puls der Stadt – leider besteht dieser derzeit vor allem aus Autoverkehr, sodass es dort relativ unruhig ist. Die Marina selbst ist nagelneu und ihre Einrichtungen entsprechend gepflegt. Einziges Manko waren die gut 29 Grad, auf welche die RĂ€umlichkeiten der SanitĂ€ranlagen geheizt wurden. Man schwitzte quasi beim Duschen. ‚Vielleicht spart das Wasser?‘ mag man sarkastisch denken. Der Hafenmeister mit seiner beeindruckenden Rasterfrisur stellte das ebenfalls mit Bedauern fest. Schließlich sei das auch eine Frage von Ressourcenverschwendung und Umweltschutz. Doch brauche er entsprechende Beanstandungen seitens der Crews der Boote am Steg, damit er der Verwaltung folgerichtig auf die SprĂŒnge helfen könne. Eine unterstĂŒtzende Mail von uns ist ihm sicher.

Oban
Oban

Weitere Attraktion der Stadt ist McCraig’s Tower, ein Bauwerk auf dem HĂŒgel ĂŒber dem Ort, das an ein römisches Amphitheater erinnert. Wie in einer Filmkulisse stehen hier nur die Ă€ußeren Rundbögen des GebĂ€udes, die besagter McCraig als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte errichten lassen. Nun dient der Tower vor allem den Touristen aus aller Herren LĂ€nder als Fotomotiv und Aussichtsplattform. Bewacht wurde sein Eingang von einer getigerten Katze, die in geradezu stoischer Ruhe die Besucherströme an sich vorbeiziehen ließ, wĂ€hrend sie am Wegesrand in der Sonne döste. Nahezu jeder hielt kurz inne und betrachtete verzĂŒckt das ruhende Tier, das ganz offenbar beschlossen hatte, die ansonsten an solcher Stelle drapierten steinernen Löwen zu ersetzen.

Katze, McCraig's Tower Oban
Katze, McCraig’s Tower Oban

Lismore

Unser letzter Törn fĂŒhrte uns schließlich von Oban aus rund um die Isle of Lismore. Wir kreuzten zunĂ€chst gegen den Wind, um die Engstelle bei Lady’s Rock passieren zu können. Dann ging es am Leuchtturm von Lismore vorbei, raumschots durch das Loch Linnhe in nördlicher Richtung. Linkerhand erstreckte sich Kingairloch, rechterhand die Isle of Lismore, welche von dieser Seite so gut wie unbewohnt aussah.

Leuchtturm, Lismore
Leuchtturm, Lismore

Im Wasser machten Trottellummen auf sich aufmerksam. Wir brauchten eine Weile, um die kleinen Kerlchen in den Wellen auszumachen. Sie waren ĂŒberwiegend als PĂ€rchen unterwegs und riefen sich stetig, wĂ€hrend sie im Wasser paddelten. Diese Rufe hatten sie verraten und ließen uns nach ihnen Ausschau halten, wie sie es umgekehrt offenbar gerade mit uns taten. Sie waren ĂŒberaus neugierig. Wurde ihnen jedoch der Abstand zum Boot zu eng, tauchten sie schlagartig ab. Die zurĂŒckbleibende Lumme rief dann solange nach dem Vermissten, bis sich dieser wieder weit jenseits des Bootes zurĂŒckmeldete. Auch eine Kegelrobbe nahm uns hier sehr genau in Augenschein. Weit streckte sie ihr Köpfchen aus dem Wasser und schaute uns aus großen, schwarzen Augen an. Wie ein Korken trieb sie so eine Weile neben uns im Wasser, bevor sie wieder in ihrem Element verschwand.

Eine Weile lang segelten wir so recht gemĂŒtlich mit mehr oder weniger starkem Sonnenschein durch die schottische Landschaft. Die Regenwolken hatten wir fĂŒrs erste hinter uns gelassen – meinten wir zumindest. Schon von Weitem konnte man bald den Steinbruch von Gelensanda ausmachen, vor allem wegen des dort vor Anker liegenden roten Frachtschiffes. Ansonsten war nur ein kleines Segelboot zusammen mit uns auf der Westseite von Lismore unterwegs. Eigentlich hatten wir ĂŒberlegt, ob wir nicht in der Bucht von Port Ramsay an der Nordspitze der Insel ankern sollten, doch dann kam mal wieder alles ganz anders.

Auf der Höhe des Steinbruchs angelangt, zog von der Halbinsel eine pechschwarze Wolkenfront auf uns zu. Wir wussten mittlerweile, dass das nichts Gutes bedeuten wĂŒrde. Doch schneller und viel heftiger als erwartet, war das Wetter ĂŒber uns. Mit 38 Knoten griff der Wind in unsere Genua. Das Groß hatten wir, Gott sei Dank, auf dem Raumschotskurs nicht gesetzt. Beaufort acht – bei solchem Wetter waren wir bisher noch nie auf See gewesen! ‚Beeindruckend‘ ist das Mindeste, was einem dazu einfĂ€llt. So schnell es der alte Furler ĂŒberhaupt zuließ, refften wir die Genua und machten mit dem verblieben Handtuch trotzdem eine rasante Fahrt durchs Wasser. Hinter uns sahen wir die Crew des anderen Segelbootes mit den Böen kĂ€mpfen. Ihre Segel flatterten beim Versuch, sie zu bergen. Mit dem Wind kam auch der Regen. Im Ölzeug machte uns dieser nicht viel aus, aber er verleidete uns nachhaltig den Gedanken, heute noch irgendwo vor Anker gehen zu wollen. Der Plan wurde geĂ€ndert: wir wĂŒrden Lismore runden und zurĂŒck nach Oban und zur heißen Dusche segeln.

So schnell, wie das Wetter ĂŒber uns hereingebrochen war, so schnell war der ganze Spuk auch wieder vorbei. Als wir Lismore Isle schließlich an ihrem nördlichsten Punkt runden wollten, hatten wir kaum mehr genug Wind, um den geplanten Kurs zu steuern. Achteraus malte sich Shuna Island in den Horizont. Hier bargen wir schließlich unser Handtuchsegel und starteten den Motor. Der Lynn of Lorn wimmelt nur so vor Flachstellen. Einige Felsen lugten verstohlen gerade eben noch so aus dem Wasser, als wollten sie spaßeshalber schon mal nach dem nĂ€chsten UnglĂŒckseligen Ausschau halten, dem sie sich in den Weg gelegt hatten. An Backbord tauchte das Leuchtfeuer Sgeir Bhuidhe auf. Wieder fing es an zu regnen.

Leuchtfeuer Sgeir Bhuidhe
Leuchtfeuer Sgeir Bhuidhe

Nach ungefĂ€hr der HĂ€lfte der Strecke ĂŒbernahm ich wieder das Ruder. Die vorlĂ€ufige Kursangabe lautete: das östliche Ende von Pladda Island anzusteuern. Die Positionslichter hatten wir zwischenzeitlich schon eingeschaltet. Der Regen fiel in immer dichter werdenden Schleiern vom Himmel. Noch eine halbe Stunde spĂ€ter war dieser Vorhang undurchdringlich. Dort, wo eben noch meine navigatorische Landmarke gewesen war, war nun nichts weiter als das Grau in Grau dieses Regennachmittags. GlĂŒcklicherweise hatte ich die Eingebung gehabt, kurz bevor die KĂŒstenlinie der Insel völlig im Regen verschwand, meinen Kurs auf dem Kompass abzugleichen. Die folgenden Momente waren also ein Blindflug mit InstrumentenunterstĂŒtzung. So musste es sein, fĂŒhre man durch dichten Nebel, dachte ich noch. Keine Orientierungsmarken waren mehr auszumachen, nur ein vorsichtiges VorwĂ€rtstasten in der Hoffnung, dass der Weg frei wĂ€re (dummerweise verfĂŒgte unsere „Goldrush“ ĂŒber kein AIS).

Doch auch diese Wetterkapriole hielt nicht allzu lange vor. Es wurde heller und langsam, aber sicher tauchte die Welt wieder aus ihrer Versenkung auf. Schließlich hatte es wieder soweit aufgeklart, dass wir uns zu einem erneuten Segelsetzen entschlossen. Unter Segeln ging es dann zurĂŒck, bis Maiden Island querab lag, die kleine Insel, welche die Einfahrt zur Oban Bay markiert. Wir rollten das Vorsegel weg, denn die Bucht sollte nur unter Motor angelaufen werden. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn von hier startet ein reger FĂ€hrverkehr der Calmac-Boote zu den Inneren und Äußeren Hebriden. Wie hatten sie so schön in ihrem Video erklĂ€rt? Sollte eine der FĂ€hren ein querkommendes Segelboot mit fĂŒnf kurzen Signaltönen bedenken, sei dies keinesfalls als ein „Friendly Hello“ gemeint. Besser, man kam den großen Schiffen gar nicht erst in die Quere und schon gar nicht in der schmalen Zufahrt zur Oban Bay. Also schnell wieder den Motor gestartet
 Ähm, schnell wieder den Motor
 gestartet
 Hallo, was war das denn?? Martin ließ den Anlasser wieder und wieder laufen. Er schnarrte fleißig, aber die Maschine sprang nicht an. Gut, noch einmal. Und noch einmal. Nein, nichts. Bloß jetzt die Ruhe bewahren. Was war denn nur los? Die Batterien waren voll, keine Frage. Getankt hatten wir gerade erst. Warum also lief der Motor nicht? ‚Wir sind ein Segelboot. Wir haben das Groß noch oben. Es ist alles okay‘, verkĂŒndete ich, stoisch am Ruder stehend, wieder von der Bucht wegsteuernd, wĂ€hrend die Jungs unter Deck verschwanden. Martin rief die Notfallnummer des Vercharterers an und fing an zu basteln, wĂ€hrend wir mit fast keinem Wind im Lynn of Lorn vor uns hin dĂŒmpelten. Mir ging durch den Kopf, was Christian uns ĂŒber das Anlegen unter Segeln erzĂ€hlt hatte. Nicht, dass ich das nun unbedingt ausprobieren wollte. Es war mehr ein Durchspielen von Möglichkeiten, um mich selbst zu vergewissern, dass unsere Lage blöd, aber nicht tragisch war. Ebenso erinnerte ich mich an Sylkes ErzĂ€hlung, dass auf ihrem Charterboot im Caledonian Canal der Motor kurz vor der Schleuse ebenfalls ausgefallen war. Motorprobleme waren doch nichts Ungewöhnliches – schließlich waren wir doch ein Segelboot, und Segel hatten wir ja nach wie vor. Dennoch war ich fraglos mehr als glĂŒcklich, als die beiden schließlich wieder an Deck erschienen, den Anlasser betĂ€tigten und – juhu, die Maschine endlich ansprang. Was war passiert? Nun, der Anlasser hatte sich vom Motor gelöst. Die Schrauben, die ihn eigentlich am Platz halten sollten, mussten sich im Seegang gelöst haben. Diese hatte Martin im Motorraum gesucht, alles wieder zusammengesetzt und die Schrauben festgezogen. Sicher kehrten wir in die Oban Transit Marina heim. Das Anlegerbier tranken wir mit sichtlicher Erleichterung. Noch lange saßen wir an diesem Abend im Cockpit und genossen den Ausblick auf Kerrera vor einer fantastischen Kulisse aus Wolken und Licht, Farben und Dunkelheit.

Transit Marina, Oban
Transit Marina, Oban

Der Wind hört sich an wie etwas Lebendiges, etwas mit eigenem Willen. Ähnlich auch das Meer: Es variiert von GrĂŒn ĂŒber TĂŒrkis bis Gold und Pechschwarz. Wellen laufen darĂŒber und zeichnen weiße Schaumkronen hinein…