Das Coolste auf dem Törn war sicherlich, nachts unter Vollzeug über die Nordsee zu segeln. Wann hatte ich das letzte Mal so viele Sterne gesehen? Hatte ich überhaupt je so viele gesehen? Es war ein solches Meer an kleinen Himmelslichtern, dass ich aus ihnen die mir wohlbekannten Bilder kaum herauszulesen vermochte. Und dann die Ansteuerung von Amrum. Der Widerschein des Leuchtfeuers am Horizont, der so beruhigend regelmäßig dort erschien und langsam immer heller wurde. Natürlich hatten wir unter Deck die Technik zur Unterstützung. Radar und Plotter liefen zuverlässig mit, und unser Skipper Jörg hielt mich stets auf dem Laufenden. Aber für mich, die ich in diesem Augenblick am Ruder stand, war es, als würde ich wie die alten Seefahrer allein nach diesem Feuer in der Ferne navigieren. Was für ein unglaubliches Gefühl oder, besser: Hey, wie cool war das denn?!

Aber beginnen wir am Anfang: Unser Törn startete an einem Mittwochnachmittag. Dieses Mal sollte es für uns zu den nordfriesischen Inseln gehen. Uns, das waren in diesem Fall eine auf drei Leute reduzierte Crew – Lutz, Alexander und ich – sowie unser Skipper Jörg Sander von unserer Yachtschule. Wir waren also nur die halbe Mannschaft im Vergleich zu den Vorjahren und das hatte mir im Vorwege doch den einen oder anderen sorgenvollen Gedanken bereitet: nur drei Leute hieß, dass wir alle die gesamte Strecke über gefordert sein würden. In der Sonne dösen oder Kaffeepausen am Salontisch, schienen da eher unwahrscheinlich. Dieses Mal würde es in jeder Hinsicht ums Segeln gehen. Und wollten wir unser Ziel im Norden erreichen, mussten alle mitziehen. Wir wussten nur zu genau, worauf wir uns da eingelassen hatten. Und, so verrückt das klingen mochte, wir taten es nur allzu gern.

So gerne, dass Alexander und ich mal wieder eine Fähre zu früh dran waren und entsprechend zeitig an Roberts Steg anlangten. Auf der „Helgoland Express“ trafen wir unseren Skipper Jörg schon an, der, nachdem er festgestellt hatte, dass wir das für den Törn angemeldete Pärchen waren, uns in der ‚Honeymoon-Suite‘, wie er so schön sagte, also in der Vorschiffskabine unterbrachte. Wir verstauten unsere Sachen. Misstrauisch richtete sich dabei mein Blick auf die Deckenluke, die im letzten Jahr auf der von uns gecharterten Westerley so zuverlässig zu einer Perlenschnur von Regentropfen geführt hatte. Es ist schon lästig, wenn man morgens mit einem kleinen Teich auf dem Schlafsack aufwacht. Unsere gute, alte Gib Sea bewahrte uns jedoch warm und trocken. Sie zu betreten, ruft in mir immer das Gefühl von Zuhausesein wach. Nirgends habe ich so viele schöne und erfüllte Momente erlebt wie auf diesen Schiffen, und die „Helgoland Express“ würde mich auch in den kommenden Tagen in dieser Hinsicht nicht enttäuschen.

Es ist immer wieder überraschend, wie groß die Vielfalt, die Bandbreite an Möglichkeiten ist, in denen sich einem ein Revier, das man eigentlich zu kennen meint, präsentieren kann. Wind und Wasser formen eine ganz eigene, dynamische Landschaft – auch wenn das Drumherum einfach immer schlicht „Unterelbe“ heißen mag. In diesem Jahr waren wir hier tatsächlich recht oft unterwegs gewesen. Einmal die Woche, um genau zu sein, hatten wir uns doch zwecks Aneignung von mehr Praxiswissen im hiesigen Segelclub angemeldet. Was als Training gedacht gewesen war, entpuppte sich dabei vor allem für mich als willkommener Stressabbau. Schien meine restliche Welt in diesem Jahr auch kontinuierlich zu schrumpfen, genoss ich an diesem einen Tag in der Woche die Weite des Wassers.

Als nun unser Frieslandtörn begann, segelten wir somit zunächst durch etwas, das uns wie unser Vorgarten vorkam – am Mühlenberger Loch vorbei und dann in gleichmäßigen Kreuzschlägen elbabwärts. Knoten um Knoten nahm der Wind dabei zu, sodass wir auf der Höhe von Stade schließlich bei guten fünf Beaufort, in Böen sechs, unterwegs waren. Das erste Reff im Groß war längst eingebunden und auch die Genua hatten wir schon ein Stück weit eingerollt. Trotzdem blieb es ein abenteuerlicher Ritt, bei dem wir leider wenig Höhe gewannen. Rhinplate steuerten wir daher erst im Dunkeln an. Hier wollten wir vor Anker gehen, und hier übernahm ich das erste Mal jene Aufgabe, die für diesen Törn so charakteristisch werden sollte: auf dem Vordeck sitzend mit dem Suchscheinwerfer in der Hand die unbeleuchteten Tonnen aufspüren und für den Rest der Crew illuminieren.

Der Anker fiel in unmittelbarer Nähe zu unserem Schwesterschiff, der „Hamburg Express“, deren Crew ich mit meinem Scheinwerfer sicher ein wenig vom kostbaren Schlaf geraubt hatte. Segeln im Tidenrevier bedeutete auch, das hatte ich mittlerweile gut verinnerlicht, dass man jeden Moment, der sich zum Schlafen bot, gut nutzte. Unerbittlich würde der Strom in sechs Stunden wieder kentern, und es ginge weiter.