„Von dort, wo die Welt anfängt …“ – ein Reisebericht

Helgoland-Törn September / Oktober 2017

Inhalt

Vorbereitungen

Wie der Törn genau ablaufen würde und was es hieß, drei Tage und einen Vormittag lang auf Elbe und Nordsee zu segeln, wurde mir erst richtig bewusst, als ich, einige Tage bevor wir fahren wollten, die Törnbeschreibung auf der Website unserer Yachtschule las. Ja, klar, die Gezeiten! Wie hatte ich so naiv sein können, diese völlig zu missachten?! Hatte ich doch bis dahin angenommen, Segeln sei irgendwie wie Zugfahren – tagsüber wäre man unterwegs, nachts schlafe man dann halt an Bord. Nein, ganz verkehrt – der neue Rhythmus hieß: sechs Stunden. Hieß: Ebbe und Flut. Natürlich läuft man mit dem Ebbstrom aus Hamburg aus, soweit wie einen die Winde tragen können, dann Pause, dann weiter und so fort bis Helgoland und danach mit der Flut zurück.

Christian, unser Skipper, meinte gleich zu Anfang, dass uns die paar Tage anschließend wie mindestens eine ganze Woche Segeln erscheinen würden. Damit sollte er recht behalten – sicherlich auch, weil unser Tag- und Nachtrhythmus so vollständig auf den Kopf gestellt wurde. Selten war ich bisher in meinem Leben so müde gewesen wie am Ende dieses Törns – aber auch selten so glücklich! Doch beginnen wir am Anfang…

In diesem Jahr hatten wir das Segeln gerade erst erlernt. Rückblickend konnte man sich schon fragen, wie man all die Jahre vorher ohne dieses Erlebnis zugebracht hatte. Allerdings hatten wir auch viele Jahre weit entfernt vom Wasser verbracht. Ja, traurigerweise sogar in Städten, in denen es noch nicht einmal einen Fluss oder See gab. Nie hätte ich damals gedacht, dass ich einmal am Ruder eines Segelbootes stehen würde. Sicher, sie hatten mich schon immer fasziniert, aber mindestens genauso fest war ich bis dato davon überzeugt gewesen, dass dies ein Hobby war, das einen gewissen Geldbeutel voraussetzte. Meiner – chronisch leer – zählte sicher nicht dazu.

Aber in diesem Jahr lernte ich, einige Vorurteile über Bord zu werfen, denn – wie so manches – war auch dies eine Frage der Perspektive. Vorurteile los zu werden war das eine, was sich mit neu gewonnenen Kenntnissen und Fähigkeiten erreichen ließ, ebenso nachhaltig änderten sich unsere Fragen: Wie lange im Voraus kann man eine Wetterlage vorhersagen und, wichtiger noch, wie lange im Voraus lässt sich diese stabil und verlässlich beschreiben, ergo erkunden? Wie gesagt, unser Seglerdasein hatte gerade erst begonnen, sodass das Jahr nun bereits weiter fortgeschritten war, als uns vielleicht ehrlicherweise lieb war, als wir uns dazu entschlossen, die Nordsee auf eigenem Kiel bzw. auf dem von Robert geborgten zu ersegeln. Konnte man da tatsächlich noch rausfahren, wenn der Oktober doch schon beginnen sollte?

Ich kenne dieses Meer, so wie es jemand eben kennt, der in Schleswig-Holstein geboren und aufgewachsen ist. Auch das ist allerdings eine Frage der Perspektive: Für Alexanders bayerische Verwandtschaft war klar, dass ich von der Küste kam. Ich selbst, in einer Kleinstadt im Geestland und damit ziemlich genau in der Mitte von Schleswig-Holstein groß geworden, sehe das etwas differenzierter. Die Nordsee war für mich schon immer das richtige Meer – vor allem im Vergleich mit der Ostsee, der wir als Kinder doch des Öfteren einmal einen Besuch im Sommer abgestattet hatten. Die Nordsee, die war das Raue, das Unberechenbare, das – was plötzlich auch toben konnte, vor deren Nebel wir uns als Kinder gegruselt hatten. Kein Badewannenwasser, in welchem einen der große Bruder mit Quallen bewarf, sondern das Meer eben, das ich respektierte und dessen stürmisches Selbst ich bisher, Gott sei Dank, immer nur vom sicheren Deich aus betrachtet hatte. Was mochte sein, wenn einem diese Urgewalten plötzlich auf einem Boot begegneten und, schlimmer noch, auf einem Boot, das wir selber lenken sollten? Jeder hat so seine eigene Vorstellung davon, was es hieß, ‚Urgewalten zu begegnen‘. Meine machte mir Sorgen, wenn ich die Wetterberichte nun so aufmerksam las wie noch zu keiner Zeit – wider besseres Wissen natürlich, denn es war klar, dass unser Skipper nicht mit uns aufbrechen würde, wenn der gefühlte Weltuntergang kurz bevorstand…

Wir beobachteten also die Wetterlage, mauserten uns so allmählich ganz nebenbei zu sachkundigen Kennern diverser Wetterapps und gewöhnten uns daran, unsere Tage mit einem Blick auf unsere Wetterstation im Wohnzimmer zu beginnen. Schlussendlich war dann aber doch eine Entscheidung gefragt: Die Vormeldung wollte bestätigt werden. Die Crew der „Helgoland Express“ war vollzählig – und dies natürlich lange bevor sichere Aussagen über das Wochenendwetter getroffen werden konnten. Wir sagten zu. Natürlich sagten wir zu, auch wenn unsere Vorstellung von dem bevorstehenden Unternehmen immer noch eher vage waren.

Als Vorschulkind hatte ich den roten Felsen im Meer schon einmal besucht. Zusammen mit meinen Eltern war ich mit der Tagesfähre wie so viele Touristen auf diesem Eiland gelandet, aber von Erinnerungen an diesen Ausflug konnte ich nicht wirklich sprechen. Das einzige, was mir im Gedächtnis geblieben war, war der schier endlos lange Weg zur Langen Anna in brütender Sommerhitze ohne jeden Schatten. Ein kleines Diorama, das meinen Puppen lange Zeit als Fernsehattrappe gedient hatte, zeigte mir heute Menschen in siebziger Jahre Klamotten vor bunten Häuschen. Nein, das Wort ‚Erinnerung‘ wäre in diesem Zusammenhang wirklich übertrieben gewesen.

Auch war ich immer der Meinung, Helgoland läge weit draußen im Meer, sehr weit von der deutschen Küste entfernt. Hieß es nicht auch, sie sei die einzige deutsche Hochsee-Insel? Auf halbem Weg nach Großbritannien lag diese Insel dementsprechend in meiner Vorstellung – auch etwas, das sich in diesen Tagen revidieren sollte, zusammen mit meiner Annahme über die Größe dieses Felsens im Meer.

Tag 1: Finkenwerder – Glückstadt – Cuxhaven

Der Törn begann an einem Donnerstagvormittag an unserer Yachtschule in Finkenwerder. Im Köhlfleet hat Robert seinen eigenen Steg für die drei Segelboote und seinen ganzen Stolz – sein Elektromotorboot. Sein Steg liegt hinter dem Fähranleger Finkenwerder. Dort ist also immer was los. Man lernt schon von Klein auf sozusagen, was es heißt, sich mit der Berufsschifffahrt herumzuschlagen. Sein Liegeplatz ist nichtsdestotrotz enorm praktisch für uns, wohnen wir doch quasi gegenüber. Mit den Rädern sind wir in fünfzehn Minuten unten an der Elbe, dankenswerterweise geht es in diese Richtung immer bergab. Soll noch einer behaupten, Hamburg hätte keine Berge – nur jemand, der hier noch nie mit dem Fahrrad an der Elbe unterwegs war, wird sich zu diesem Flachlandvorurteil hinreißen lassen. Unten an der Elbe nehmen wir dann flux die Fähre – mit dem Schiff zu den Schiffen. Diese Stadt hat schon ihren ganz eigenen Charme.

Segelboote der Yachtschule Robert Eichler
Segelboote der Yachtschule Robert Eichler

Wir hatten Rucksäcke dabei, denn dass Koffer auf einem Boot mehr als unpraktisch sein würden, war uns nicht erst seit dem Hinweis in Roberts Mail klar. Leider war uns weniger einsichtig gewesen, dass Wanderrucksäcke auch so ihre Tücken haben würden. Insbesondere deren Tragegurte füllten später den ohnehin recht engen Fußraum unserer Achterkajüte fast vollständig aus. Beim nächsten Mal würden wir uns da was anderes einfallen lassen müssen. Jene, die mit ihren Autos anreisten, hatten es in dieser Hinsicht besser. Sie brachten ihre Sachen in faltbaren Taschen oder gleich in Seesäcken aufs Boot und – eins, zwei, drei – war alles in den Schapps verstaut.

Drei Mitsegler waren schon an Bord, als wir am Donnerstag dann mit besagter Fähre vom anderen Elbufer anreisten. Sylke, Detlef und Tobias. Wie wir beim ersten Beschnuppern herausfanden, waren sie bereits am Vorabend angereist und hatten schon eine Nacht auf dem Boot verbracht. Kurz nach uns trafen dann noch zwei weitere Crewmitglieder ein – Tim und Holger – und auch unser Skipper, Christian, war schon mit von der Partie. Kojen wurden zu-, Handtücher und Bettzeug aus- und wir gleichmäßig über das Boot verteilt. Eine Vorschiffskajüte, zwei im Heck mit Doppelkoje und Leesegel für die fehlende Privatsphäre sowie eine Kajüte mit Stockbett zwischen Salon und Vorschiff waren schnell belegt. Schon beim allerersten Mal, als ich den Raum eines Segelbootes unter Deck erkundet hatte, war ich erstaunt gewesen, wie viel Platz es bieten konnte. Hätte man mich früher gefragt, nie und nimmer hätte ich zugestanden, dass ganze acht Leute bequem auf dieser Gib Sea hätten Platz finden können, ohne sich stetig auf den Füßen zu stehen. Sicher, das Gerücht hielt sich eisern, dass Segeln die langsamste, unbequemste und teuerste Art und Weise sei, um von A nach B zu gelangen – aber auch das war eine Frage der Perspektive. Was brachte es einem, wenn man immer nur von Ort zu Ort hetzte? Hier war doch klarerweise der Weg das Ziel und der Platz, den das Boot uns bot, wäre nur dann ein Problem gewesen, wenn die Chemie in der Crew nicht gestimmt hätte und in solch einem Falle könnte auch ein zehnstöckiger Büroturm zum kleinsten Mauseloch zusammenschnurren.

Zunächst gab es ein großes Hallo und Einander-Kennenlernen – auch das integraler Bestandteil des Abenteuers Helgoland auf temporär eigenem Kiel. Wer würde wohl mit zur Crew gehören? Was für Leute würden kommen? Wie gesagt, in den kommenden Tagen würde man sich schwerlich aus dem Weg gehen können, wenn es dumm lief. Aber es lief nicht dumm, es stellte sich – ganz im Gegenteil – als sehr gelungene Mischung heraus. Persönlich war ich recht angetan, nicht als einzige Frau an Bord zu sein, sondern mit Sylke eine veritable Mitstreiterin zu haben. Noch jemand, die die Kerze auf dem Salontisch beim gemeinsamen Abendessen schön finden würde.

Es folgte eine ausführliche Sicherheitseinweisung durch unseren Skipper – alles unter dem von ihm ausgegebenen Motto: ‚Wir verlassen das Boot nicht, wenn überhaupt verlässt das Boot uns.‘ Begierig saugte ich alle Informationen auf, wo welche nützlichen Dinge verstaut und wie sie zu bedienen waren. Alle waren mit größter Konzentration dabei, auch wenn es für die anderen im Gegensatz zu uns natürlich nicht ihr erster Törn war. Niemand lief an den folgenden Tagen an Deck ohne Rettungsweste oder, wie Christian so schön sagte, ’nackich‘ herum. Alle wussten, wo man sich im Cockpit und auf dem Vorschiff sicher einpicken konnte. Und erstaunt, aber auch erleichtert stellte ich fest, dass im Laufe unserer Fahrt beinahe alle auch bei verschiedenen Gelegenheiten davon Gebrauch machen würden. Und dann ging es endlich los…

Strom und Ostwind nahmen uns mit Richtung Nordsee. Auslaufend grüßte ein Seehund, der beim Mühlenberger Loch sein Köpfchen aus dem Wasser streckte. Wer hätte das gedacht?! Wir hatten diese faszinierende Beobachtung eines Stückchens unvermuteter Wildnis in Mitten der Großstadt schon vor einer Weile bei Roberts Skippertraining machen dürfen: Seehunde auf einer trockenfallenden Sandbank direkt vor dem Airbus-Werk – Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Seehunde trotz der ganzen Riesenpötte, die täglich, wenn nicht sogar stündlich die Elbe hoch- und runterfuhren, das Wasser dabei durchpflügten, sodass man sich selbst daneben winzig und verletzlich vorkam, obwohl man eine 43-Fuß-Yacht um sich herum hatte, viel mehr als so ein Seehundspelz…

Die erste Etappe führte uns nach Glückstadt. Die Elbe hinunter – dorthin, wo die Welt begann. Blankenese, Wedel, Willkomm Höft – alles gut bekannt und dann das Neue, das wir noch nie gesehen hatten: die weiten Elbmarschen jenseits der Stadt. Von nun an hieß es, sich klar vom Tonnenstrich im Fahrwasser halten, Steuerbordtonnen gut an Steuerbord liegen lassen, denn jenseits davon drohten Untiefen und überspülte Buhnen. Die Crew ließ es sich im Cockpit gut gehen. Frische Luft macht bekanntlich hungrig, und erste Vorräte wurden zufrieden verdrückt. Man genoss allseits Sonne und Aussicht bei gemütlicher Fahrt stromabwärts. Dann die Aufgabe an uns, ausgegeben von unserem Skipper: Wie steuerte man wohl den Glückstäder Hafen an? Ein Navigationsteam verschwand unterdecks, allein es fehlte noch an Übung. Die Ansagen an unseren Rudergänger waren doch eher vage – nur gut, dass Christian längst wusste, worauf zu achten sein würde. Sicher führte er uns durch die vorgelagerten Sandbänke – ein Glück, mit so etwas hatten wir wahrlich nicht gerechnet.

Am frühen Nachmittag machten wir dann in Glückstadt fest. Die Idee kursierte und wurde allgemein begrüßt, einen Teil der Bordkasse beim lokalen Fischhändler zu investieren. Als Quotenvegetarier der Runde enthielt ich mich der Stimme, war aber ebenso angetan von der Idee, einen kurzen Ausflug ins Städtchen zu unternehmen, das mir gänzlich unbekannt war. Mit Sylke hatten wir eine ortskundige Führerin dabei und so ging es nach den ersten Stunden auf dem Wasser erst einmal wieder an Land. Fisch und Sightseeing-Eindrücke wurden gesammelt und zwecks späteren Konsums zunächst gut verstaut. Dann noch etwas Ruhe, doch war ich viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Und so ganz hatte ich auch immer noch nicht realisiert, dass man die wenigen sich bietenden Gelegenheiten dazu wirklich nutzen sollte auf diesem Törn. Hier wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass wir mit den Gezeiten segeln würden, dass unser Lebensrhythmus in den folgenden Tagen Ebbe und Flut folgen würde. Und während die Glückstädter dem Tag also einen guten Abend wünschten und sich zu einer erholsamen Nachtruhe anschickten, ging für uns die Reise gegen 21 Uhr wieder weiter, als wir aus dem kleinen Hafen hinausnavigierten. Ein Richtfeuer achteraus zeigte uns den sicheren Weg. Gespenstisch und besorgniserregend glitten die von Christian aufgezählten unbeleuchteten Fahrwassertonnen an uns vorbei. Alle atmeten auf, als auch der letzte schwarze Schatten sicher passiert war.

Die nächtliche Fahrt flussabwärts war ein eindrückliches Erlebnis. Schwärme von Seevögeln stiegen in beinahe regelmäßigen Abständen vor unserem Bug nahezu lautlos auf, aufgestört in ihrer Nachtruhe von unserer Passage. Für die Bruchteile eines Augenblicks waren ihre weißen Flügel und Leiber im Licht unserer Positionslampen zu erkennen, dann verschluckte sie die Dunkelheit erneut. Wer hätte gedacht, dass so viele von ihnen die Nacht auf dem Fluss verbrachten? Im Cockpit ging derweilen ein munterer Wettbewerb im Leuchtfeuer-Zählen los. Zu welcher Tonne mussten wir als nächstes? Wie war die Kennung? Wer hatte sie schon im Blick? Und wer war sicher, ihre Kennung schon korrekt ausgezählt zu haben? Roter Blitz alle vier Sekunden, rotes Funkelfeuer, rotes unterbrochenes Feuer – hatten wir richtig gezählt? Und von vorne. In der Tat war das etwas ganz anderes als ‚Robert macht immer so‘: Blitz, Hand auf – zwei, drei, vier – Hand zu. Manche Dinge muss man tatsächlich gesehen haben, um sie richtig zu verstehen, da hatte er schon recht.

Schiffe auf Reede und das Lichtermeer von Brunsbüttel zogen vorüber. Dann an der Schleuse des NOKs die eindringliche Warnung unseres Skippers, sich möglichst weit davon klar zu halten, weil diese sehr unvermutet ihre Fracht ausspucken konnte und unser Segelboot dann nur allen im Weg sein würde. So glitten wir nächtlich als schönster Schmetterling dahin – nicht wie die Motten, die im Licht der Schleusen verbrennen. Die Elbe wurde zunehmend breiter und, abgesehen vom Gemurmel des Revierfunks, war es still. Seit einer Ewigkeit habe ich dort erstmals wieder die Milchstraße ihren schönen Lichterbogen über den schwarzbetuchten Himmel spannen sehen. Zwei Sterne fielen für unsere Wünsche zur Erde, und dann wurde es Zeit, sich auf das Einlaufen im Amerikahafen von Cuxhaven vorzubereiten. Ein letztes Mal an diesem Tag – oder war es schon der nächste? – sollten wir alle hellwach werden.

Amerikahafen – das klang nach dem großen Schlag über den Ozean und noch weiter, nach Abenteuer. Mir kam es allerdings in dieser Nacht eher ernüchternd wie ein handelsüblicher Industriehafen vor. Sylke brachte unser Boot sicher an den Platz am Steg, den Christian dafür auserkoren hatte. Und nachdem alles gut vertäut war, fand man sich allseits zum wohlverdienten Ankerbier im Cockpit zusammen. Einige vorlaute Möwen teilten mit uns noch das beinahe schon schlafwandlerische Dasein im gelblichen Licht der Hafenmole, dann hieß es ab in die Kojen. Um sieben am nächsten, nein, Pardon, an diesem Morgen sollte es ja weitergehen. Nun war zwei Uhr gerade vorbeigegangen. Für mich brach die erste Nacht meines Lebens an, die ich auf einem Boot verbringen würde. Doch trotz gemütlicher Achterkajüte waren diese nächtlichen Stunden für mich alles andere als erholsam. Lange, viel zu lange lag ich wach und hörte den mir unbekannten Geräuschen an Bord und im Hafen zu.

Tag 2: Cuxhaven – Helgoland

Sehr bald schon vernahm ich dann wieder die ersten Schritte über den Niedergang. Der neue Tag eilte auf uns zu, und wir krabbelten aus den Kojen zum Frühstück. Kaffee. Es geht doch nichts über einen guten Kaffee am Morgen! Die warme Dusche wurde allseits auf die Marina auf Helgoland verschoben und so ging, fast unbemerkt, der erste in den zweiten Tag auf dem Wasser über, als wir, aus Cuxhaven auslaufend, den Amerikahafen mit ohrenzuhaltendem Signalton gen Westen wieder verließen. Das Abenteuer war zum Greifen nah. Vor uns lag die Welt im grauen ersten Morgenlicht: auf zu neuen Entdeckungen!

Der Hochnebel sollte sich halten an diesem Tag. Bisher hatte ich ihn noch gar nicht recht als Problem identifiziert. Die Sonne war nicht zu sehen, aber dass der Nebel tatsächlich unsere Sicht behinderte, wurde mir erst viel später an diesem Tag bewusst – als wir nämlich bei der Ansteuerung auf Helgoland irritiert feststellten, dass die Insel von jenem Nebel bis zum allerletzten Augenblick verschluckt und das Grau von Nordsee und Tag einfach in alle Himmelsrichtung gleich blieb. Optisch, ohne elektronische Hilfsmittel, hätten wir unser Ziel an diesem Tag niemals gefunden. Enttäuscht stellten wir fest, dass das Helgoländer Leuchtfeuer, von dem wir schon viel gehört hatten, durchaus nicht bereit war, uns den Weg zum roten Felsen im Meer zu weisen. Eines der stärksten Leuchtfeuer der Deutschen Bucht lag – vermuteterweise – unmittelbar rechtvoraus, aber was nützte einem diese Ahnung, wenn es an diesigen Tagen nicht eingeschaltet wurde? Bewundert haben wir das Feuer dann sehr viel später, als wir lange nach dem Anlegen vom Abendessen zurück zum Schiff strawanzten. Da bot sich uns dann ein beeindruckendes Lichtschauspiel über der Insel. Alle fünf Sekunden griff ein Lichtstrahl hinaus in die unendliche Nacht, verhieß Sicherheit und Orientierung – aber für die Segler auf dem grauen Meer des Tages lag das noch in weiter Ferner.

In Cuxhaven waren wir zwar alle noch ziemlich müde, aber allseits guter Dinge und abenteuerhungrig im Cockpit versammelt. Wir wechselten uns am Ruder ab, und unser Schmetterling hatte seine Flügel zuversichtlich in den Wind aus guter Richtung, aber mit wenig Kraft gestreckt. Wir machten nur mäßige Fahrt an diesem Tag.

Eine Weile noch folgten wir dem Fahrwasser der Elbe. Wie anders die Lage dort sein konnte, wurde mir klar, als wir die dortigen Baken sahen. Manchmal sei der Seegang so hoch, dass man die regulären Tonnen schlicht nicht mehr entdecken könne, da wären die Baken die einzige optische Hilfe zur sicheren Navigation, jenseits der Technik versteht sich, erklärt uns unser Skipper. Schwer vorzustellen, dass man die mehrere Meter hohen Tonnen, die uns den bisherigen Weg über so sicher die Elbe abwärts begleitet hatten, nicht würde sehen können. Aber klar hatten sie uns auch vorher schon davon erzählt, dass schon Wind gegen Strom an dieser Stelle reichte, um die See bis zu sechs Meter und mehr Höhe aufzutürmen. Einen Sturm brauchte es zu diesem Zweck noch gar nicht. Ob sie bei schlechtem Wetter auch nach Helgoland auslaufen würden, hatten wir schon Wochen zuvor tolldreist und ich auch zugegebenermaßen ängstlich von Robert wissen wollen. Er hatte uns mit der langen Erfahrung seiner Skipper beruhigt, und nun präzisierte Christian das Ganze: klar, würden sie erst mal auch bei eher suboptimalen Bedingungen auslaufen, wenn die Crew das so entschied. Schließlich war er ja kein schlechter Skipper. Mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu, dass die meisten dann doch sehr schnell sehr dankbar für seinen Hinweis seien, dass man in der Elbe auch da und dort ein paar schöne ruhige Stunden verbringen könne. Das Umdrehen fiele dann entsprechend leicht…

Für uns gab es, Gott sei Dank, keine Probleme solcher Natur – eher ein wenig vom Gegenteil, also zu wenig Wind für Groß und Genua. Dafür war das Ruder simpel und anfängergeeignet und so stand ich an diesem Tag gleich mehrere Stunden am Steuerrad, stolz wie Bolle und strahlend vor Glück, während uns der Strom gemächlich mit nach Helgoland nahm.

Zwei weitere Segelboote sahen wir unterwegs. Schnittig überholte uns der Segelmacher aus Stade und war schon weit auf der grauen See voraus, als ich endlich meinen Fotoapparat aus der Kajüte geholt hatte. Am Horizont zog dann und wann die Fähre vorbei – ansonsten nur graue See soweit das Auge reichte. Nachdem unser Navigationsteam beschlossen hatte, ich solle 315 Grad steuern, kehrte allgemein Ruhe ein, und der eine oder andere verlängerte die viel zu kurze Nacht auf der Hundekoje im Salon. Ich blieb derweil oben, ich blieb am Ruder. Mangels Wind kämpfte unsere Gib Sea in den Wellen der Strömung – hüpfte mal nach Steuerbord, dann wieder nach Backbord. Ich bemühte mich um entsprechende Kurskorrekturen und lauschte dem Plätschern des Wassers. Die Stunden verstrichen auf dem gleichmäßig grauen Meer. Die letzte Tonne hatten wir schon vor Stunden passiert und eigentlich sollte doch langsam eine rote Insel am Horizont erscheinen. Hatten wir etwa falsch navigiert? Wo waren denn die Boote geblieben, die uns unlängst noch überholt hatten? Sollten wir die nicht sehen können? In Mitten dieser Fragen erschien Christian wieder an Deck und wies die längst überfällige Kurskorrektur an. Backbord, mehr nach backbord – schließlich wollten wir doch nicht an Helgoland vorbei fahren!

Auch der Rest der Crew erschien nun nach und nach wieder an Deck, und es entbrannte ein kleiner Wettkampf darüber, wer wohl als erstes Land – sprich: Helgoland – aus dem Nebel auftauchen sehen würde. Schon bald wurde spekuliert, ob nicht dieser oder jener Umriss… Ich kniff die Augen zusammen und starrte in die angegebene Richtung. Aber, nein, für mich blieb das Grau einfach das, was ich schon den lieben langen Tag vor der Nase gehabt hatte, nämlich grau. Ausguck würde also eher nicht meine Spezialität, beschloss ich, als sich die angegebene Wolkenbank dann schließlich doch in die ersehnte Insel auflöste. Dass wir unser Ziel definitiv erreicht hatten, wurde mir klar, als uns ein kleiner Schmetterling von der Insel begrüßte. Lustig umschwirrte er das Rigg unseres Bootes, und dieser auf dem Wasser eher surreale Anblick konnte nur heißen, dass das Land nicht mehr fern war.

Hafen Helgoland 2017
Hafen Helgoland 2017

Cool wäre es ja, wenn man unter vollen Segeln in den Hafen einliefe, erklärte unser Skipper Sylke, die das Ruder übernommen und sich fürs Anlegemanöver bereit erklärt hatte. Aha. Also mit vollen Segeln in den Hafen hinein und dann blitzschnell alles zum Festmachen fertig machen. Das Groß hatten wir eingeholt, aber wohin bloß mit unserem Boot? Ein Schwimmsteg dümpelte einsam an einer Leiter gut zwei Meter unterhalb der Kaimauer. Unsere Begeisterung für diese Option war endlich, und alles war froh, als Christian entschied, mit einem der bereits vertäuten Schiffe am Bootssteg gegenüber ins Päckchen zu gehen. Fender hingen nur bei diesem einen Boot an der richtigen Seite, also steuerbords einladend für uns. Sie steckten in gehäkelten Säckchen. Noch dachten wir uns nichts dabei, galt doch die Regel: Fender an der freien Seite, also keine Einwände gegen weitere müde Segler auf der Suche nach einem Liegeplatz für die Nacht. Das war jedenfalls unser Kenntnisstand der guten Seemannschaft, wie man so schön sagte. Doch hatten wir diese Rechnung ohne den Wirt – Pardon, ohne den Eigner gemacht, der – als ihm klar wurde, worauf unser Manöver hinauslaufen sollte – sehr ungehalten aus seiner Kuchenbude herausschnaubte, uns eindringlich Richtung besagt meterhoher Hafenleiter verwies. Die Crew blickte ihn, dann sich, dann ihn betroffen und verständnislos an. Zu unser aller Glück wurde das dann zu einer Angelegenheit zwischen Schiffsführern erklärt. Christian wechselte einige sehr höfliche Worte mit dem Herren, der – oh schau‘ und guck‘ – seine Meinung innerhalb weniger Minuten vollständig änderte. Unser Skipper war ein wahrer Diplomat! Wir machten also fest und noch während die letzten Leinen vertäut und Klampen belegt wurden, schärfte er uns ein, dass An-Land-Gehen für uns nun hieße, über das Vorschiff des Nachbarn wie barfüßige – nein, wie schwebende, barfüßige Elfen hinweg zu gleiten. Aye, aye, Herr Kapitän! Aber noch bevor wir diese grazile Meisterleistung allseits ausprobieren konnten, gab es ein für uns alle unerwartetes Hallo. Es traf Roberts zweite Yacht, die „Hamburg Express“, von ihrem Törn über die Nordfriesischen Inseln auf Helgoland ein und machte, na klar, an unserer Steuerbordseite fest. Das würden viele Elfen werden in dieser Nacht…

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich längst beschlossen, dass mein erster Gang an Land mich ins, nein, unters Wasser führen würde. Und die heiße Dusche im Seglerheim der dortigen Marina genoss ich dann lange in ausgiebigen Zügen. Dann war es Zeit für die Inselerkundung und den notorisch überfälligen Abgleich der Geografie mit meiner lückenhaften Erinnerung. Das war dann der einzige Moment während dieses Törns, zu dem ich den spät im Jahr gelegenen Segeltermin aufrichtig bedauerte, denn der Abend war schon längst hereingebrochen, und unser Rundgang über die Insel musste flux im letzten Licht der schon untergehenden Sonne erledigt werden. Diese hatte sich nach der grauen Suppe, die uns den ganzen Tag über begleitet hatte, nun endlich auch für ein kurzes Zwischengastspiel aus ihrem Wolkenbett erhoben, nur um sich umgehend zwecks nächtlicher Vergnügungen auf der anderen Seite wieder zu verabschieden. Doch versüßte sie uns unsere Ankunft für einen Moment noch mit einem schönen Abendrot. Wochen später hörte ich dazu eine nette Anekdote im Radio, die hier kurz eingefügt sei.

Unterland Helgoland 2017
Unterland Helgoland 2017

In der Zeit, als Helgoland sein Dasein als deutsches Seebad entdeckte, seufzte offenbar recht herzerweichend die eine oder andere Dame über eben jenen Sonnenuntergang auf der roten Insel, welcher auch uns einen einen so schönen Empfang bereitet. Die Rührung ging so weit, dass jene, die sich zu anderen Zeiten selbst für eben jene emotionale Seite der Damenwelt schon von Berufswegen stark erwärmen konnten, also die deutschen Dichter, fanden, dass des Guten denn langsam aber sicher doch genug getan sei. In diesem Sinne schrieb Heinrich Heine auf dieser Insel die folgenden hübschen Zeilchen:

Das Fräulein stand am Meere
Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.

(Heinrich Heine, 1832)

Wie gesagt, auch uns begrüßte nun dieses schöne Abendrot, das so gut zu dieser Insel und farblich auch zu ihrer Flagge passen wollte: grün wie die Wiesen, rot wie der Stein und weiß wie der Sand. Pflichtschuldig hatten wir diese natürlich längst unter der Steuerbordsaling gehisst.

Helgoland ist wahrlich keine große Insel und sicher kein guter Ort, um sich mit jemandem im Streit zu entzweien. Man wird sich dort nicht lange aus dem Weg gehen können! Zwar mahnte uns die anbrechende Dämmerung zur Eile für unsere Besichtigungstour, allerdings hätten wir auch bei besseren Lichtbedingungen nicht viel mehr als die letztlich benötigte gute Stunde für den Rundgang übers Oberland gebraucht. Jenseits des Örtchens gibt es nur Wiesen und den roten Fels, der zu allen Seiten schroff ins Meer hinab abfällt. Markant thront der Leuchtturm, beheimatet in einem alten Flakleitstand, und damit sind wir auch schon beim dunkelsten Kapitel dieser Insel angekommen, welches es, wenn man all die fein säuberlich vom lokalen Tourismusverband angebrachten Infotafeln über die Inselgeschichte auf jener Rundtour gelesen hat, umso erstaunlicher machte, dass dieser Felsklotz im Meer überhaupt noch vorhanden und nicht einfach zu jener Fata Morgana geworden war, der wir mittags noch nachgejagt waren.

Leuchtturm Helgoland 2017
Leuchtturm Helgoland 2017

Schaut man sich diese Insel auf einer Karte an, hat ihre Form etwas Krabbenartiges. Weite Scheren reichen hinaus ins Meer und scheinen die Boote einzufangen, die später in ihrem Hafen festmachen. Dies und die weitläufigen Wellenbrecher am nordöstlichen Ufer, welche die Felsenküste und die Lange Anna umschließen, verleihen dem Aussehen der Insel etwas Martialisches. Kein Vergleich zu den Wanderoasen und Touristenfallen anderer Eilande, die wir bisher besucht hatten.

Die Insel Helgoland
Die Insel Helgoland

Jenseits dieser an Festung, Militär und entsprechende Historie gemahnende Äußerlichkeit der roten Insel im Meer wartete diese aber auch mit einer noch ganz anderen, mir deutlich sympathischeren Eigenart auf: den Lummenfelsen. Natürlich führte uns unser Weg über das Oberland – artig dem Touristen-, aber eben auch dem einzigen Inselpfad folgend – zunächst zur Langen Anna, der Felsnadel im Meer. Trotz später Stunde und Jahreszeit waren wir am dortigen Aussichtspunkt längst nicht die einzigen Besucher. Fotos wurden massenweise geschossen, sodass Alexander witzelte, dass von den vielen Fotostativen schon Löcher in den Felsen gebohrt worden sein müssten. Menschen sind nun mal Herdentiere und als solche auch immer wieder selbst ein interessantes Beobachtungsobjekt. So ruhte mein Blick zunächst auf ihnen, um dann – das Interesse war geweckt – zu erkunden, was sie wohl so Faszinierendes an der Steilwand unter uns betrachteten. Ich gebe zu, solche Blicke in die Tiefe gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Höhenangst hat mich schon immer geplagt – sehr zum Leidwesen Alexanders, dem dadurch der eine oder andere Berggipfel entgangen ist, den zu erklimmen ich mich auf Grund besagter weicher Knie an abfallenden Hängen nicht im Stande gesehen hatte. Ungebrochener Spitzenreiter in dieser Kategorie der Fast-bestiegenen-Berggipfel ist dabei nach wie vor der Goatfell auf Arran. Waren wir schon drei Mal fast oben oder vier? Aber das ist eine andere Geschichte…

Lange Anna, Helgoland 2017
Lange Anna, Helgoland 2017

Auf Helgoland blieb mein Blick in die Tiefe glücklicherweise bereits nach wenigen Metern, zusammen mit den dort nistenden Basstölpeln, am Felsen hängen. Eine ganze Kolonie lebte dort. Auch sie hatte ich schon auf besagter schottischer Insel gesehen, aber immer nur in Form am Himmel kreisender Einzelkämpfer über der Bucht in Brodick, die sich dann urplötzlich, kamikazeartig ins Wasser fallen ließen, grazil eintauchten, um nur Minuten später wieder neue Kreise am Himmel über der Bucht zu ziehen. Ein, zwei Vögel hatte ich auf diese Weise auf Arran beobachtet, auf Helgoland saß nun ein gutes Dutzend nur wenige Meter von meinen Füßen entfernt auf dem Felsen – wobei sicher nicht nur mir, sondern ebenso den Vögeln klar gewesen sein muss, dass sie dort für alle menschlichen Dummheiten unerreichbar waren. Basstölpel sind interessante, aber keine besonders schönen Vögel. Ihr Kopf ist ihrem Jagdverhalten optimal angepasst. Sie sehen aus, als trügen sie Gummimasken über ihren Köpfchen: der lange Schnabel, die dunkel umränderten Augen blicken stets streng. Wie die meisten Seevögel folgt ihre Gestalt sicher keinem Kindchenschema, das sie im Auge des Betrachters zu Kuschelobjekten degradieren würde.

Leider bewahrheitete sich bei dieser Beobachtung auch noch etwas anderes, von dem ich bisher nur medial erfahren hatte: Ihre Nester, die eng in den Felsen geschmiegt lagen, leuchteten bunt in der Abendsonne. Rot und blau. Vor allem Nylonseile, Stücke von Fischernetzen und anderer Plastikunrat bildeten ihr Zuhause. Gehört hatte ich schon davon. Auch davon, dass sich die Jungen der Lummen regelmäßig bei ihren waghalsigen Sprüngen ins Meer in diesem Unrat erhängten. Aber die schiere Menge an Müll zu sehen, den die Vögel hier zusammengetragen und nichtsahnend ob der Gefährlichkeit für den eigenen Nachwuchs zu Nestern verbaut hatten, war doch recht beklemmend und bestärkte mich erneut im eigenen Vorhaben, Plastikverpackungen weitestgehend zu vermeiden. Es braucht keine Plastikstrudel im Pazifik, um einem die Notwendigkeit vor Augen zu führen, sein eigenes Müllverhalten nachhaltig zu überdenken.

Basstölpel, Insel Helgoland 2017
Basstölpel, Insel Helgoland 2017

Nachdenklich gestimmt machten wir uns auf den Rückweg. Der Abend sollte in der „Bunten Kuh“ ausklingen, und ich wartete sehnlichst darauf, dass es endlich soweit war. Nicht weil ich diesen Tag beschließen wollte, nein, das sicher nicht, aber ich hatte Hunger wie ein Seebär! Als besagter Quotenvegetarier der Runde machte ich mir wenig Illusionen über die Auswahlmöglichkeiten des Essens. Reisen an die Küste bedeuteten Fisch in allen möglichen Variationen. Reisen über das Meer würden da keine große Ausnahme mache. Erfreut nahm ich schließlich zur Kenntnis, dass auch seltsamen Leuten wie mir eine Wahl zugesprochen wurde, immerhin gab es also ein Entweder-Oder auf der Karte. Ich entschied mich für das Oder und beschloss, dieses um die aufgeführte Tomatensuppe zu ergänzen. Ja, ich hatte wirklich Hunger!

In der „Bunten Kuh“ trafen wir nicht nur den Rest von unserer Crew wieder, sondern auch die Leute von der „Hamburg Express“. Zusammen füllten wir die Seglerkneipe am Hafen gut aus. Die wohlgemeinte Idee, uns so zu platzieren, dass beide Crews gemeinsam an einem Tisch Platz fanden, wurde angenommen, die zu Grunde liegende Intention, die jeweils anderen besser kennenzulernen, erkannt und – ignoriert. Nachdem die wesentlichen Fragen nach woher, wohin und wie war das Wetter, geklärt waren, blieb man unter sich.

Selten hatten wir die Befürchtung über möglicherweise zu kleine Portionen mit solcher Ernsthaftigkeit erwogen, wie im Vorwege des Mahles an diesem Tisch. Lange hatte ich nicht mehr mit solch einem Appetit gegessen. Segeln machte hungrig, keine Frage! Letztlich erwiesen sich alle unsere Befürchtungen aber als unbegründet. Sogar die als lokale Spezialität und eigentlich als Vorspeise angekündigten „Knieper“ – Krebsscheren mit verschiedenen Dips und Brot serviert – die Holger kosten wollte, füllten in zufriedenstellender Weise die Seglerbäuche. Aber noch bevor die sich absehbar ankündigende Schläfrigkeit nach gutem Essen und viel frischer Luft vollständig von uns Besitz ergreifen konnte, war noch die Frage nach dem ebenfalls angepriesenen Eiergrog zu klären. Unser Skipper riet zum Probieren, um rauszufinden, was es damit wohl auf sich habe, hielt sich ansonsten aber eher bedeckt und zurück, was dieses Getränk betraf. Nach dem ersten Schluck war mir auch sofort klar, warum. Ich musste unwillkürlich daran denken, dass Christian zu Beginn unseres Törns – nicht ohne Stolz in der Stimme – erzählt hatte, dass bei ihm noch nie jemand über Bord gegangen sei. Allerdings sei es durchaus schon vorgekommen, dass der eine oder andere auf Helgoland vom Steg gefallen wäre. Kein Wunder! Ich hatte den Eindruck, gerade puren aufgekochten Alkohol durch einen dünnen Strohhalm zu schlürfen. Eindringlich war ich in der Folge darum bemüht, dieses seltsame Getränk mit Alexander zu teilen, der wohlweislich von einer eigenen Bestellung abgesehen hatte.

Auf dem Rückweg zum Boot schoss das Leuchtfeuer der Insel seine weißen Strahlen in den pechschwarzen Himmel. Wir bewunderten es alle. Heute frage ich mich, wie viele von uns sich in diesem Moment wohl gewünscht haben mögen, es hätte uns tagsüber auch schon den Weg gewiesen. Ich dachte es jedenfalls sofort. Wie leicht hätte man doch an diesem winzigen Felsen einfach vorbeisegeln können, ohne es zu merken – vorausgesetzt natürlich, dass man das GPS nicht konsultierte. Und was für eine Leistung war die Seefahrt vor noch ein paar Jahren gewesen, als all diese Technik nicht zur Verfügung gestanden hatte. Wieder war ich selig im Bewusstsein, gerade ein echtes Abenteuer zu erleben.

Helgoland Leuchtturm bei Nacht
Helgoland Leuchtturm bei Nacht

Leider und trotz Eiergrog fand ich auch in dieser zweiten Nacht auf dem Boot keine rechte Ruhe. Unsere Kajüte lag steuerbords zur „Hamburg Express“, und unsere Fender rollten lustig zwischen den beiden Booten an der Bordwand entlang, hin und her und her und hin und hin und her…

Tag 3: Helgoland – Pagensand

Aufbruch am nächsten Morgen sollte um elf Uhr sein. Zeit genug, noch schnell einige Besorgungen auf der Insel zu erledigen. Erneut war ich dankbar, mit Sylke eine zweite Frau an Bord zu haben. Vergnügt zogen wir beide los für eine kurze Shoppingtour auf dem Unterland. Noch dankbarer war dabei sicherlich Alexander, dem der Einkaufsbummel damit erspart blieb. Wenige Dinge verabscheut er mehr, als ziellos durch irgendwelche Geschäfte zu laufen. Was das Einkaufen anbelangte, war er den Basstölpeln der Insel gar nicht so unähnlich: Wissen, was man will, kurz Ausschau halten, blitzschnell zuschlagen und dann bloß nichts wie weg… Sylke und ich verfielen dagegen dem Seglerklischee und stöberten uns durch blauweiß-gestreifte Pullis, Shirts und Sonstiges. Zufrieden mit der Ausbeute kehrten wir schließlich zurück zum Hafen, und pünktlich um elf war alles bereit zum Ablegen.

‚Ein Boot ist eine Reise. Zwei Boote sind eine Regatta!‘ schärfte Christian uns beim Loswerfen der Leinen ein, womit das Wettrennen zwischen der „Hamburg Express“ und uns offiziell eröffnet war. Guter Dinge und mit einer frischen Brise in den Segeln verließen wir also den Helgoländer Hafen. Unsere Route sollte uns durch die Norderelbe zurück nach Cuxhaven und, so Christian, an diesem Tag am liebsten so weit wie möglich flussaufwärts führen, denn für den kommenden Tag war Flaute angekündigt. Leider erreichte uns diese aber schon wenige Seemeilen nach unserem Aufbruch und so dümpelten wir eine ganze Weile vor uns hin. Christian, immer mit einem kritischen Blick auf dem AIS: wie weit war die „Hamburg Express“ voraus? Leider sah es auf dem ersten Teil der Etappe gar nicht gut für unseren Platz bei dieser Regatta aus. Das zweite Boot steuerte das Hauptfahrwasser der Elbe von See kommend direkt an. In der nächsten Zeit würde uns also noch ein breites Gebiet an Untiefen voneinander trennen.

Unser Navigationsteam nutzte die Gelegenheit für eine neue Übungsstunde, als die Schifffahrtszeichen der Außenelbe-Reede in Sicht kamen – jedenfalls im Fernglas. Die erste Tonne, die wir seit dem Verlassen des Helgoländer Hafens am Vormittag gesehen hatten. Noch bevor dann an Steuerbord der „Große Vogelsand“, der seinem Namen mit Schwärmen von lustig über ihm treibenden Seevögeln alle Ehre machte, auftauchte, begann auch endlich der Wind wieder aufzufrischen. Die Mittagszeit war da schon längst verstrichen, und der Vorsprung der „Hamburg Express“ schien uns bereits uneinholbar. Deutlich war aber auch, dass unser Skipper da entschieden anderer Ansicht war. Flott kreuzten wir mittlerweile gegen den Wind, der uns entgegen aller Vorhersagen dummerweise immer noch mäßig aus Südosten entgegen blies, anstatt uns brav wie angekündigt von Westen nach Hause zu schieben. Aber immerhin – es gab Wind!

Aufregung entstand für einen Moment wieder an Deck, als jemand plötzlich ‚Schweinswale achteraus!‘ rief. Angestrengt starrten alle in das aufgewühlte Wasser. Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet. Diese Tiere zu sehen, erschien mir noch sonderbarer als die Seehunde in Finkenwerder. Allgemein hatte mich dieses Gefühl schon öfters beschlichen, auch auf Zugfahrten, wenn plötzlich Rehe oder im Osten auch Füchse oder Kraniche auf den Feldern auftauchten. Unser Land ist so dicht besiedelt und so stark urbanisiert, dass jedes Wildtier darin nur Verwunderung auslösen kann. Woher kommen sie auf einmal? Wo leben sie? Wo können sie überhaupt noch Unterschlupf und Schutz in dieser Welt finden, die so sehr dem Menschen angepasst wurde? Auf mich machen sie stets den Eindruck von Besuchern, dabei sollten sie doch ebenso ein Teil des Ganzen sein wie wir auch, oder? Auch die Nordsee erschien mir bisher wie ein solches, völlig vom Menschen vereinnahmtes Gebiet – durch die Schifffahrt und all die endlosen Touristenströme an ihren Küsten. Dass es in diesem Wasser auch Tiere dieser Größe geben könnte, die trotz allem hier ihre Heimat finden konnten, machte einen starken Eindruck auf mich.

Momente später ging mir dann ganz anderes durch den Sinn, denn nun hatte ich das Ruder wieder übernommen. Nur wenige Male hatte ich bisher die Gelegenheit gehabt, das Ruder bei so viel Wind zu führen. Der Sommer in Hamburg war in dieser Hinsicht doch eher mäßig gewesen. Sylke erklärte mir das Geheimnis der Windfäden am Groß, und meine Hände folgten ihren Einflüsterungen eifrig. Und plötzlich schossen wir wie ein Pfeil dahin. Gute acht, neun Knoten Fahrt und entsprechende Lage. Die Jungs schauten ungläubig auf die Logge, und wir Mädels grinsten in uns hinein. Mir kam es vor, als flögen wir nur so über das Wasser. Fahrtwind ist schon eine lustige psychologische Größe in dem ganzen Spiel.

Eine ganze Weile kostete ich meinen neu gewonnenen Ruhm als bisher schnellste Steuerfrau aus, dann setzte langsam, aber sehr beharrlich der Regen ein. Noch einen Augenblick später wies unser Skipper vom Niedergang her die Wende an. Also ‚Alles klar zur Wende‘, ‚Ist klar‘, ‚Und Ree‘. Artig zog unser Boot nach Steuerbord und – dann vermasselte ich alles. Der Regen, mittlerweile als dichter Vorhang fallend, erinnerte mich an mein Ölzeug, das es sich immer noch kuschelig unter Deck machte und das ich jetzt doch gerne seiner eigentlichen Bestimmung zuführen wollte. ‚Übernimmst Du?‘ unklar, wer gemeint war und viel zu früh verließ ich meinen Platz am Ruder. Christian war wenig begeistert von dieser Aktion, ich im doppelten Wortsinne bedröppelt, dafür aber auch in Minutenschnelle und dann in Knallrot wieder an Deck mit trockenem Ölzeug, das ich nur zu gerne gegen die längst durchweichte Wanderjacke getauscht hatte.

Eine Sache, die ich bei diesem Törn auch gelernt habe, ist, dass Regen auf See doch noch mal eine ganz andere Nummer ist als Regen an Land – egal, wo. Wir kannten und respektierten die schottischen Regenschauer, die sich mit einer bedrohlichen Wolkenwand über den westlichen Bergen anzukündigen pflegten. Drei Minuten, das war alles, was einem dann blieb. Drei Minuten, die man besser nutzen sollte, irgendeine Art Dach zwischen sich und das Wetter zu bringen – ausgenommen die stoischen Golfspieler, die einen Schirm über dem Caddy aufspannend auf dem Platz der Wahl einfach ausharrten. Drei Minuten, dann bist du so nass wie noch nie in deinem Leben – von allen Seiten wohlgemerkt, denn nur von oben wäre ja langweilig. Das hatten wir auf Arran oft erlebt und waren der irrigen Auffassung, dass Klamotten, die uns dort heil durchgebracht hatten, uns auch hier auf der Nordsee gut ständen. Bisher war mir der Anblick von Seglern in vollem Ölzeug mit Krägen so hoch, dass vom Gesicht wenig zu sehen blieb, immer recht martialisch vorgekommen und ich hatte es heimlich doch für übertrieben – so ein Männerding eben – gehalten. Aber jetzt stand Tobias genau in dieser Kluft am Ruder, und ich konnte nur zu gut verstehen, warum er für jeden Millimeter Regenschutz, den seine Klamotten ihm boten, dankbar war. Wir anderen quetschten uns, so gut es ging, unter die Sprayhood. Der Wind pfiff nach wie vor, und wir machten gut Lage. Die eine Hälfte der Crew schwebte hoch über dem Wasser, die andere schoss dicht über dem grauen Meer dahin. Christian hatte uns allen gezeigt, wie man auch in einer solch seltsamen Geometrie noch sicher die Winschen für die Genua bedienen konnte. Ich war froh, dass diese Aufgabe zunehmend die Jungs übernahmen – manchmal bin ich auch ganz gerne mal Mädchen…

Der andauernde Regen machte das Cockpit glitschig, und es war gut zu wissen, wo man sich einpicken konnte. Noch so ein psychologischer Faktor der Fahrt. Der Rudergänger sowieso, aber auch der eine oder andere im Cockpit. Dummerweise hatte der andauernde Regen auch den lästigen Effekt, das Tauwerk der Genua gut einzuweichen. Pfützen bildeten sich, mal an Backbord, mal an Steuerbord. Sie schwappten lustig hin und her. Ja, es konnte verdammt nass werden auf diesem Meer!

Tobias steuerte uns sicher durch das Luechter Loch und mit einsetzender Dämmerung hatten wir das Hauptfahrwasser der Elbe wieder erreicht. Viel später sah ich an der Aufzeichnungen unserer Route mit welcher Präzision Christian die Kreuzschläge unseres Schiffes in der Norderelbe geplant hatte. Dieses Zusammenspiel von Planung, Navigation, Rudergänger und dem richtigen Setzen der Segeln, um tatsächlich auch dorthin zu gelangen, wohin man eigentlich wollte – und sich nicht einfach bloß in schönster Kaffeefahrtmanier einfach treiben zu lassen, fasziniert mich nach wie vor am Segeln. Robert hatte mal so schön gesagt: ‚Wenn ihr als Ziel ausgebt, heute fahren wir nach Dänemark, ist der Erfolg schon garantiert. Zu sagen, wir machen um 15 Uhr in Wyk auf Föhr fest, wird euch dagegen keine Freude bereiten.‘ So sei das eben beim Segeln. Damit hatte er zweifellos recht und daher an dieser Stelle ein großes Lob an unseren Skipper, der uns so präzise nach Zeitplan über die See und den Fluss navigierte, damit die Crew pünktlich am Sonntagmittag von Finkenwerder aus wieder mit Zug und Auto in alle möglichen Teile Deutschlands würde entschwinden können.

Cuxhaven ließen wir an diesem Tag an Steuerbord liegen und segelten, dem heimeligen Licht der Leuchttonnen folgend, elbaufwärts. Schließlich war da immer noch diese Regatta, und die „Hamburg Express“ war – zumindest auf dem AIS – wieder in Sichtweite. Das konnte doch gar nicht, das musste doch einfach, das würden wir sicher bald…

Der Regen hielt sich beharrlich, und wir stellten fest, dass mittlerweile auch unter der Sprayhood Wasser in allen Varianten und Mengen verfügbar war. Es fand seinen Weg entlang von Fallen und Schoten. Das Cockpit schwappte vor Pfützen. Zwischenzeitlich hatte Alexander Tobias am Ruder abgelöst und nicht ohne Bewunderung schaute ich ihm beim Steuern zu. Der Wind hatte noch etwas zugelegt, und auch unser Skipper würde später anerkennend von einem ‚tollen Ritt‘ über die Elbe sprechen – und dass im Dunkeln und dass mit einem Steuermann, der nicht mehr Erfahrung bei der Sache besaß als ich selbst. Manchmal hatten wir schon scherzhaft vermutet, dass Alexanders Nicht-Autofahren ihm nun zur Tugend gereichte, denn nie hatte er wie ich das Problem zu denken, ein Auto würde sich jetzt so und so verhalten, wenn ich jetzt in diese oder jene Richtung lenke.

Wir schossen also auf der dunklen Elbe dahin, zählten Leuchttonnen aus, die Christian uns von unten immer wieder ansagte. ‚Seht ihr die nächste Tonne? Eine Quick … Ein unterbrochenes Feuer …‘ Und wir starrten gemeinsam in die Nacht, kniffen im Regen die Augen zusammen und wetteiferten darum, auch schon die übernächste Tonne zu finden, um den Kurs vorhersagen zu können. Ich stand am Rand der Sprayhood und suchte die Lichter in der Nacht, um sie Alexander ansagen zu können, der sie hinter dem Segel nicht immer sehen konnte. Tobias leistete uns Gesellschaft und hielt mit Ausguck. Alle anderen hatten sich nach und nach klammheimlich ins Trockene des Salons verkrümelt. Unsere Kombüsencrew fing an, sich dort überaus nützlich zu machen. Warmes Essen war der Inbegriff des Glücks in dieser verregneten Nacht. Schließlich kam unsere Ablösung, und wir drei verschwanden durchweicht, aber zufrieden unter Deck, wo uns viele wohlmeinende Hände Frisch-Zubereitetes entgegenstreckten. Schon erstaunlich, wie schnell und wie viel Essen man auf so einem Segeltörn verputzen konnte!

Trockengelegt und vollgefuttert saßen wir schließlich im Salon, während nun die anderen unser Boot durch den nächtlichen Regen steuerten. Das Ölzeug hing tropfend in der zweiten Nasszelle – wörtlich sehr passend – des Bootes, und alle murrten mehr oder weniger laut über die durchweichten Segelhandschuhe, die alle trotz marketingtechnisch angepriesener Schnell-Trocknung-Eigenschaft auch am nächsten Tag noch ausgewrungen werden mussten.

‚Wahrschau Welle!‘ irritiert starrten wir Christian an. Warschau? Ein Ostblock-Pott? Waren die hier etwa berüchtigt? Er hatte es, am Plotter stehend, nach oben ins Cockpit gerufen. Alexander und ich schauten ihm interessiert über die Schulter. Auf unserem Radarschirm war ein riesiger roter Fleck erschienen. Die Neugier trieb uns trotz aller wetterlichen Widrigkeiten den Niedergang hinauf. Neben uns fuhr eine Stadt. So viele Lichter! Immer noch im strömenden Regen war weder ein klarer Anfang noch ein klares Ende des Schiffes neben uns auszumachen, nur dass es sich bewegte, das war klar. Was für ein Pott! Eigentlich hatte ich gedacht, dass, nachdem ich die „MSC Zoe“ den Fluss hatte heraufkommen sehen, wie sie „Das Imperium schlägt zurück“ auf dem Schiffshorn spielte, mich kein Schiff mit seiner Größe mehr würde beeindrucken können. Aber nachts auf dem eigenen Boot den Fluss mit diesem Riesen teilend, war das doch noch mal wieder eine ganz andere Nummer. Wir einigten uns schließlich augenzwinkernd auf ‚Waaaaaaaaaah! Schau! Welle!‘ als semantische Erklärung für Christians ursprünglichen Ausruf.

Eine Weile noch fuhren wir flussaufwärts, dann wurde es schließlich definitiv Zeit, Ausschau zu halten nach einem Plätzchen für die Nacht. Wir fanden diesen auf der Höhe von Pagensand. Ich war zu müde, mir das Ankermanöver noch anzuschauen. Nahm mir aber vor, beim nächsten Mal unbedingt mit dabei sein zu wollen. Ein weiteres Segelboot hatte schon vor uns hinter der vorgelagerten Insel Schutz gesucht, ansonsten herrschte hier absolute Ruhe. Christian erläuterte noch, wie es sich mit den notwendigen Platzverhältnissen verhielt, würde doch, während wir schliefen, der Strom irgendwann kentern, und die „Helgoland Express“ einen schönen Bogen um ihre eigene Ankerkette drehen. Das Ankerbier gab es wieder im Cockpit – der Regen hatte, dankenswerterweise, nachgelassen, trotzdem beeilten wir uns, zügig zurück in den Salon zu kommen. Wir Mädels klapperten und verlangten einstimmig nach der Heizung. Immerhin hatte soeben der Oktober begonnen. Den Abend ließen wir mit einem weiteren schönen Seemannsklischee ausklingen. Der auf Helgoland erworbene Rum sollte schließlich nicht schlecht werden. Es wurde eine lustige Runde. In dieser Nacht schlief ich in unserer Koje wie ein Baby.

Tag 4: Pagensand – Wedel – Finkenwerder

Am nächsten Morgen führte mich mein erster Weg hinauf ins Cockpit, um zu erkunden, wo wir in der vergangenen Nacht eigentlich gelandet waren. Oben erwartete mich ein fantastischer Sonnenaufgang über der menschenleeren Bucht. Das andere Segelboot, das mit uns hier geankert hatte, trieb noch verschlafen und stumm in einiger Distanz zu uns, und die Sonne stieg in einen strahlend blau gewaschenen Himmel empor. Was für ein Anblick! Jeder Augenblick dieses Segeltörns war interessant und spannend gewesen, die Milchstraße über der nächtlichen Elbe kolossal beeindruckend, aber nichts hatte ich bisher als so schön empfunden wie diesen anbrechenden neuen Tag in unserer Ankerbucht, die nur einen Steinwurf vom Hauptfahrwasser der Elbe entfernt lag und doch wie eine ganz andere Welt wirkte.

Pagensand 2017
Pagensand 2017

Der Duft von Kaffee und das Geklapper von Frühstücksgeschirr holte mich schließlich zurück in unseren gemütlichen Salon, wo fleißige Geister zwischenzeitlich für ein opulentes Mahl zu Beginn und Feier des neuen Tages gesorgt hatten. Während draußen also mit der Sonne ein Spätsommertag im Oktober seinen verheißungsvollen Anfang nahm, wurde drinnen ausgiebig geschmaust, waren wir alle doch lange vor der verabredeten Zeit aufgewacht. Während die Crew den Sonntagmorgen also in aller Gemütlichkeit wie einen Sonntagmorgen begann, packte unseren Skipper der Ehrgeiz – da war ja immer noch die Sache mit der Regatta. Erstaunt schauten ihm also sieben Augenpaare vom Salontisch dabei zu, als er an Deck begann, das Boot klar zu machen, die Segel setzte und dann – alle Positionen scheinbar gleichzeitig bedienend – uns zurück ins Elbfahrwasser manövrierte. Man konnte die „Helgoland Express“ also auch alleine segeln – man konnte. Wir beschlossen, dass es mit Mannschaft dann aber vielleicht doch mehr Spaß machen würde und beeilten uns, ihm zu Hilfe zu kommen.

Pagensand 2017
Pagensand 2017

Den Moment der Frühstückszubereitung hatte ich an diesem Tag glorreich verpasst, daher entschied ich, die Nachsorge zu übernehmen und eilte mich, den Tisch leer und das Geschirr wieder sauber zu bekommen, damit wir den morgendlichen Landwind voll ausnutzen konnten, ohne dass Tassen und Teller durch die Gegend flogen. Wie gesagt, der Wetterbericht dräute nach wie vor mit totaler Flaute und ein Stückchen Weg war es bis zu unserem Heimathafen in Finkenwerder dann schon noch.

Endlich hatte ich alles soweit klarschiff. Unser Skipper war zwischenzeitlich längst wieder zum gewohnt ruhigen Navigator geworden und nun, zum Abschluss der Reise, brachte er noch eine kleine Bastelarbeit aufs Tableau. Die Seekarten waren noch zu berichtigen. Klebstoff, Schere, NfS, Karten und der Ruf nach Freiwilligen standen schnell im Raum. Erstaunt stellte ich fest, dass unsere Crew, die sonst keine Aufgabe scheute, sich allgemein bedeckt zu halten versuchte, was diese Arbeit anbelangte – sie drückten sich vor der ‚Fuddelarbeit‘, wie Christian es so schön nannte.

Karten hatten mich schon immer fasziniert. Gerne ließ ich mich daher in die Bastelei einweisen und klebte bald wie ein Weltmeister. Beharrlich gebe ich auch heute noch den Papierkarten den Vorzug vor all den elektronischen Geräten, die man sonst so mit sich herumschleppen kann. Sicher, es war praktisch, dass Alexander mir „Openstreetmap“ auf meinem Smartphone installiert hatte. Aber wenn man mir die Wahl lässt, nehme ich tausendmal lieber die gedruckte Karte zur Hand. Gerne erinnere ich mich an die Begebenheit in Aberdeen, wo ich vor Jahren an einer Konferenz teilgenommen hatte. Einer meiner ersten Wege dort hatte mich noch am Flughafen in die Buchhandlung geführt, um einen Stadtplan zu erwerben. Der letzte Tag der Veranstaltung ließ einige schöne Stunden am Nachmittag frei, und alle, die bis zum Schluss geblieben waren, nutzten die Gelegenheit zur Erkundung der schottischen grauen Stadt am Meer. Auch ich zog los, lief hier hin und dort hin und traf nach einer Weile auf zwei bekannte Gesichter, die offensichtlich froh waren, ein selbiges in dieser Stadt zu sehen. Ob ich wohl wüsste, wie man zu jener Klippe am Meer kommen könne? Dort gäbe es angeblich Delphine zu bestaunen… Ich zückte also meine Karte und fing an zu erklären. Die beiden grinsten, als sie meinen Stadtplan sahen. ‚Well, we are men. We don’t buy maps.‘ Nur gut, dass sie zwischendurch auf Frauen mit Karten in Taschen trafen…

Nach all dem Regen der vergangenen Nacht verwöhnte uns nun die Sonne umso reichlicher. Es war kaum zu glauben, dass wir tatsächlich schon Oktober hatten. Schicht um Schicht der Seglerklamotten verschwanden wieder unter Deck. In T-Shirt und kurzer Hose würde unser Skipper schließlich mit uns im Hamburger Hafen einlaufen. So schön und unvermutet das plötzliche Sommerwetter war, so leidvoll und missmutig erwartet war die Flaute, die uns – wie angekündigt – nach wenigen morgendlichen Momenten des Seglerglücks einholte. Die restlichen Seemeilen ließen wir uns also mehr als gemütlich vom Strom nach Hause schieben. Immer öfter begegneten uns dabei unterwegs andere Segelboote, die unerschrocken im sonntäglichen Vergnügen auf dem Fluss dahin dümpelten.

Yachthafen Wedel 2017
Yachthafen Wedel 2017

Spannend wurde es noch einmal am Wedeler Yachthafen, wo unser Skipper schnell noch auf dem Weg unsere Wasservorräte wieder aufstocken wollte. Die Segel wurden eingeholt, der Diesel gestartet. ‚Jetzt bloß nicht langsamer werden, sondern Augen zu und durch‘, gab Christian mir vor der Einfahrt in den Hafen mit auf den Weg, bevor er das Schiffshorn aufheulen ließ. Zu langsam und der Strom würde uns unweigerlich gegen die Molenköpfe drücken, die quer zum Fluss lagen – ganz einfach. Etwas beklommen steuerte ich also artig auf den schmalen Durchgang im Flutschutzwall zu – und durch. Geschafft! Einen Moment später stand Christian dann hinter mir am Achterstag und dirigierte mich an den Steg, an dem die Wasserversorgung auf uns wartete. Ohne Probleme legte ich an und war verblüfft über den Applaus der Crew, hatte ich doch bloß gemacht, was unser Skipper mir vorgesagt hatte. In meinem Seminarraum wären die Studis, die so brav nachplapperten, was ihre Kommilitonen ihnen einsagten, wohl schlicht von mir abgekanzelt worden. Unwillkürlich musste ich an die Szene aus der „Feuerzangenbowle“ denken: ‚Es saßen die Goten ursprünglich in Schweden.‘ ‚Und von dort gingen sie?‘ ‚Von dort gingen sie in die Gegend von Danzig. Und von da gingen sie dann nach Russland. Und von da nach … und da wussten sie eigentlich nicht so recht was sie machen sollten. Und äh – und zerfielen dann in die Ostgoten und die Westgoten.‘ ‚Gut, Kniebe. Sie können sich setzen. Vier.‘ ‚Wieso vier, Herr Doktor? Ich habe doch alles gekonnt. Ich hätte eigentlich ’ne zwei verdient.‘ ‚Zwei bekommt Pfeiffer.‘  Was hatte ich anderes getan, als meinem Einsager auf eben solche Weise zu folgen? Andererseits, hatte ich nicht soeben ein 14-Tonnen-Schiff sanft an den Steg gelegt?!

In Wedel erwartete uns noch eine weitere Überraschung – jedenfalls die Crew war erstaunt, unser Skipper hatte das sicher längst auf dem Plotter gesehen und gewusst: Etwas weiter drinnen im Hafen lag die „Hamburg Express“ – bunt betucht mit allen Handtüchern und dem Ölzeug, das die Crew zum Trocknen in die Sonne gehängt hatte. Im Vorbeifahren wechselten die beiden Skipper zwei schnelle Wörter, dann ging es für uns auch schon weiter nach Finkenwerder. Wir hatten sie überholt! Und nun dümpelten wir höchst zufrieden mit gut zwei Knoten Fahrt unserem (ersten) Regattasieg entgegen.

An Deck der Helgoland Express, Yachthafen Wedel
An Deck der Helgoland Express, Yachthafen Wedel

Die Elbe füllte sich zwischenzeitlich weiter mit immer neuen Sportbooten, von denen allerdings allein die Motorboote Fahrt machten. Uns war das egal. Wir räkelten uns faul in der Sonne, trockneten uns und unsere Schuhe vom Regen des vorherigen Abends und genossen die Aussicht. Blankenese vom Wasser aus gesehen ist schon etwas Besonderes. Sicher, schön war das Treppenviertel, schön war der Elbstrand – besonders geheimnisvoll, wenn im Frühjahr die Osterfeuer an beiden Flussufern in den Himmel loderten. Doch nichts ließ sich damit vergleichen, diese Stadt aus dem Cockpit eines gemütlich dahin schippernden Segelbootes zu betrachten, wie sie an einem vorbeizog: die Leuchttürme, der Strand, das Treppenviertel mit seinen Villen und reetgedeckten Kapitänshäuschen…

Hamburg Blankenese 2017
Hamburg Blankenese 2017

Am Mühlenberger Loch wartete dann die „Alexander von Humboldt“ auf uns. Also, sie wartete natürlich nicht direkt auf uns, war dort aber mal wieder fleißig mit Baggerarbeiten im Elbschlick beschäftigt – ein Koloss von einem Arbeitsschiff. Und auch wenn es für sie und ihre Crew natürlich darum ging, diesen herrlichen Sonntagvormittag mit Arbeit zu verschwenden, setzte sich bei uns der Eindruck fest, sie habe dort nur auf unsere Ankunft gewartet. Denn kaum waren wir mit dem Strom an ihr vorbeigetrieben, setzte sie sich ebenfalls in Bewegung, schloss auf und folgte uns beharrlich die letzten Meter bis Finkenwerder. Aus dem Funkgerät plärrten die Absprachen mit den Lotsen im Hafen, und es wurde deutlich, dass sie nur zu gerne diese Sonntagssegler – also uns – aus dem Weg haben wollte. Vom Rüschpark her sauste schließlich ein Jetski auf uns zu. Christian grinste nur über unsere erstaunten Gesichter. ‚Das ist Thor‘, als wäre damit schon alles gesagt. Sie wechselten ein paar Wörter über das Wasser hinweg, und der Lotse drehte wieder ab. Offenbar erklärte er der „Alexander von Humboldt“ dann die Lage, also dass wir schon wüssten, wohin wir wollten und nicht nur Wissen, sondern – zumindest mit Christian – auch das nötige Können an Bord hätten. Wir schipperten also weiter mit unserem dicken Pott als Begleitung.

Schließlich kam Roberts Steg in Sicht. Also Maschine an und Segel geborgen. Alexander legte ein letztes Mal an. Das letzte Ankerbier dieses Törns genossen wir dann im Schatten der „Alexander von Humboldt“, die mit ihrem Krach dafür sorgte, uns daran zu erinnern, dass wir wieder in der Großstadt angekommen waren.

Selten war ich in meinem Leben so müde, wie am Ende dieses Törns. Selten aber auch so glücklich…

Nicola Mößner