Was ebenfalls zum Spiel dazugehörte, was ich aber erst am nächsten Tag wirklich begriff, war, dass der Plotter für mich tabu war. Unsere Navigation bestand also aus meinem Spickzettel mit Wegmarken, Zeitpunkten, Kursen, dem Kompass und dem Fernglas. Kurzzeitig holten wir auch den Handpeilkompass hoch ins Cockpit, aber Helgoland hatte keine Lust mitzuspielen und hüllte sich lieber noch etwas in den kuscheligen Morgendunst ein – und weg war sie, unsere rote Felseninsel im Meer. Also gut – also schön. Wann sollten noch mal die beiden Tonnen in Sicht kommen, die uns gegebenenfalls eine Kurskorrektur abverlangen würden? So lange noch? Na dann…

Robert sagte mir von unten an, wie es sich mit dem Schiffsverkehr um uns herum so verhielt. ‚Die drei, die liegen dort auf Reede. – Der große dahinten, der ist im Fahrwasser, den müssen wir im Auge behalten.‘ ‚Ja, klar, lass‘ mich mal gucken.‘ Aber Robert war schneller, grinste verschmitzt und verstellte mir den Blick auf die Elektronik. Na gut, na schön… An meinem Hals baumelte Roberts Fernglas mit eingebautem Peilkompass. Blickte man hindurch und hatte den Bogen raus, konnte man gleichzeitig das gewünschte Objekt fokussieren und dessen Peilrichtung vom eigenen Standpunkt aus ablesen. Ein herrliches Spielzeug. Nur schaukelt ein Boot natürlich. Tonnen sah ich. Irgendwann erkannte ich auch ihre Farbe, aber welche Kennung auf ihnen stand?? Wir versuchten uns abwechselnd daran und witzelten über die unterschiedlichen Ergebnisse.

Gesichtet hatte uns – ungefähr nach der Hälfte der Überfahrt – auch ein dringend nach einer Mitfahrgelegenheit Ausschau haltender kleiner Gesell. ‚Was will denn der?‘ ‚Guck mal! Der will mitfahren!‘ Für einen Moment richteten sich alle Augen auf einen kleinen, braunen Vogel, der unter größter Anstrengung versuchte, unsere Mastspitze zu erreichen. Gleich würde er sie erreichen und… Doch er verfehlte sie knapp und landete erschöpft hinter uns auf dem Wasser. ‚Der Ärmste!‘ ‚Kann er denn vom Wasser aus wieder starten?‘ fragte ich besorgt. Schulterzucken und einen Moment später. ‚Schau‘, da is‘ er wieder!‘ Schon fieberten wir wieder mit dem kleinen Geschöpf und freuten uns, als er tatsächlich ganz oben auf dem Mast Platz nahm. Geschafft! Wir hofften alle, dass es derselbe von eben war und gönnten unserem kleinen blinden Passagier die Mitfahrgelegenheit. Er verließ uns jedoch wieder, lange bevor wir auch nur in die Nähe von Wangerooge gelangt waren. Wahrscheinlich wollte er doch lieber die Elbe hoch…

Als wir unsere Tonnen dann endlich in Sicht hatten, stellte ich fest, dass wir ein Pärchen zu weit nach Osten versetzt worden waren. Gut, wir hatten gesagt, wir sollten dann nach Steuerbord korrigieren. Aber um wie viel Grad eigentlich? Ja, Christian hatte recht, das hätten wir gestern noch herausfinden sollen. Auf der Karte war es mir so eindeutig erschienen. Na, eben so weit, dass wir gut in die Harle – das Seegatt – würden einlaufen können. Das konnte man auf der Karte von der vermeintlichen Tonne aus doch wunderbar erkennen – nur ist die Nordsee eben keine Seekarte aus Papier. So in ‚real life‘ war von unserer momentanen Position aus eben mitnichten auszumachen, wo wohl unsere Harle-Tonnen beginnen würden. ‚Ihr müsst deutlich mehr nach Steuerbord!‘ übernahm Christian nun meine ausbleibende Kursanweisung. Silke steuerte mittlerweile auf das Ostende von Spiekeroog zu, nicht mehr auf Wangerooges Westturm, den wir kurz zuvor schon am Horizont hatten ausmachen können.

Nur wenig später sorgte eine neue Begebenheit für weitere Verwirrung. Nördlich von Wangerooge hatten wir die „Hamburg Express“, unser Schwesterschiff, ausgemacht. Sie hatten Station in Glückstadt gemacht und waren dann von Cuxhaven aus direkt nach Wangerooge aufgebrochen. Nun fuhr sie in einiger Entfernung vor unserem Bug quer weiter nach Westen und noch deutlich über die rote Tonne hinaus, die ich für unsere Ansteuerung ausgemacht hatte. Das war doch die H6, die wir an Backbord lassen mussten, weil es dort flach wurde, und wir uns eng bei der Tonne halten sollten. Oder war sie es nicht? ‚Ihr seid euch sicher, dass das die H6 ist?‘ Christians Frage von unten sorgte für noch mehr Verwirrung. Aber ich hatte es doch eben durch das Fernglas gelesen oder nicht? Wir hielten unseren Kurs und liefen durchs Seegatt.

Harle, Plotterkarte
Harle, Plotterkarte

‚Willst Du mal sehen, wo ihr gerade langgefahren seid?‘ fragte Christian vom Kartentisch aus. Natürlich! Sofort war ich unten bei ihm und – fassungslos. Unsere Kurslinie eierte quer zwischen der H6 und der H8 hindurch, also genau an der verkehrten Seite der Tonne – die Seite, die wir unbedingt hatten vermeiden sollen. Aber wie…? ‚Und nun schau‘ mal hier‘, meinte Christian und zeigte mir dieselbe Karte auf seinem Laptop. Auch sie zeigte unsere Kurslinie, aber schnurgerade an den beiden Tonnen vorbei, wie abends zuvor besprochen. Ich war baff. Was war das denn? Ich verstand überhaupt nichts mehr.

‚Die Plotterkarten sind nicht aktualisiert worden‘, klärte Christian die seltsame Situation schließlich auf. Zwar hatten die Yachtschule erst zwei Wochen vor Törnbeginn einen aktuellen Kartensatz vom Verlag erhalten, aber Wort und Tat waren hier auf entscheidende Weise auseinandergefallen. Die Verlegung der Harle-Tonne war im vermeintlich aktuellen Kartensatz nicht eingepflegt, die elektronischen Plotterkarten also nicht so aktuell, wie vom Verkäufer behauptet. Ein böses Faul in dieser Gegend der wandernden Sände! Und eine gehörige Lektion für uns alle.

Harle, Plotterkarten (aktualisiert)
Harle, Plotterkarte (aktualisiert)

Später im Hafen von Wangerooge führte Christian den spektakulären Effekt auch dem Rest der Crew mit gleicher Wirkung vor: zunächst sprachlose Betroffenheit ob unserer schieren Navigationskatastrophe und dann Erleichterung, gefolgt von lautstarkem Protest ob der offenbaren Fehlleistung des Kartenvertreibers. Das war noch keinem von uns untergekommen, und wir waren heilfroh, dass unsere Navigation an diesem Tag auf anderem beruht hatte als auf dem üblichen Plotterlesen. Er hätte uns wortwörtlich in den Sand gesetzt.