Winterreise

Es klingt ein wenig lächerlich, ich weiß. Lustig vielleicht, wenn man es freundlicher ausdrücken möchte. Andere würden eher seltsam wählen – was soll‘s. Es ist, wie es ist. Und den schwarzen Mantel erwarb ich eben aus jenem verrückten Grund. Aus demselben übrigens, der mich für einige Jahre zur Rothaarigen werden ließ.

‚Wenn man auf diese Weise eine Ähnlichkeit herzustellen vermochte, dann ja vielleicht auch in anderer Hinsicht?‘ So oder so ähnlich muss ich damals wohl gedacht haben, als ich ganz neu an der Uni nun dieses Buch las. Natürlich nicht nur ich, sondern all die anderen in dem Seminar auch, das im Übrigen – von diesem Buch einmal abgesehen – keine wirkliche akademische Glanzstunde darstellte. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Es ging um dieses Buch oder, besser gesagt, um die Figur in diesem Buch. Um eine Frau, die in eben einem solchen schwarzen Mantel allein mit dem Zug nach Venedig reiste.

‚Ach könne ich doch auch…‘ nach Italien reisen, überhaupt – reisen. Ging damals nicht. Ging viele Jahre nicht. Kein Geld. Kein Mut. Wahrscheinlich war letzteres das wirklich Störende: kein Mut, alleine aufzubrechen.

Gerade das war es, was ich an dieser Romanfigur, an dieser rothaarigen Frau im schwarzen Wintermantel, so bewunderte: den Mut. Alleine die Wege zu gehen, die sie gehen wollte. Nicht darauf zu warten, dass jemand sie begleiten würde. Sich einfach selbst auf die Reise zu begeben, von der alles andere als klar war, was ihr Ergebnis, was ihr Ziel sein würde. Ob sie Erfolg haben würde oder nicht. Egal, sie ging ganz einfach. Oder, besser, nahm den Zug – den Zug nach Venedig an einem Abend allein, ohne Gepäck in eben jenem schwarzen Mantel.

Den Rest der Geschichte vergaß ich über die Zeit, nie aber diesen Anfang, der mich dazu brachte, mir auch ein solches Kleidungsstück zu kaufen und meine Haare rot zu färben.

Eine Frau, die einfach ging, war etwas Außergewöhnliches für mich. In der Welt, in der ich damals lebte, gingen die Frauen nicht, sie warteten. Manche von ihnen warten noch heute. Ich aber, ich wollte nicht warten. Ich hatte die Nase voll vom Warten, so viel wusste ich schon damals. Immerhin war ich ja auch schon bis hierher gekommen, bis in diesen verranzten Seminarraum, in dem all die fremden Leute dasselbe Buch lasen. Und ich kaufte mir diesen Mantel. Ich habe ihn noch heute. Es war leichter, einen Mantel zu kaufen, als auf Reisen zu gehen. Das ließ – trotz Mantel, trotz roter Haare – noch Jahre auf sich warten.

Auch in diesem Winter trage ich meinen Mantel voller Fernweh wieder. In dem Winter, der seit einem Jahr kein Ende nehmen will. Aber ich will zuversichtlich sein. Ich habe schon einige wunderbare Orte auf dieser Welt besuchen dürfen. Und ich bin begierig, mehr zu erfahren – auch wenn meine Haare nun nicht mehr rot sind und auch wenn ich den Rest der Geschichte längst vergaß.

Licht

Globus

Klares, blaues Licht ging von ihm aus, füllte ihn aus. Zu anderen Zeiten hätte man gesagt, es entrücke ihn. Aber zu ihrer Zeit klang das schon zu weit hergeholt.

Jeden Abend erschien dieses Licht ganz zuverlässig im Fenster auf der anderen Straßenseite. Sie hatte vergessen, wann sie sich angewöhnt hatte, es genauer zu betrachten, in ihm zu versinken wie in dem Meer, von dem es kündete, es zu kosten wie ein Versprechen, das man süß einander zuflüstern mochte.

Mittlerweile erwartete sie es schon fast sehnsüchtig. Hatte sich einen Stuhl an ihrem Fenster so zurechtgerückt, dass sie es auch gut in Augenschein nehmen konnte – stundenlang ohne Anstrengung. Es brannte die ganze Nacht. Erst am Morgen, wenn es Zeit wurde, die Träume hinter sich zu lassen und sich für den neuen Tag zu rüsten, erlosch es, und sie begab sich zu Bett. Es machte keinen Unterschied. Keinen Unterschied, wie der Rhythmus der Stadt, des Lebens normalerweise zu sein hatte. In dieser Zeit war nichts normal, und Leben und Stadt schienen ihr so fern, viel weiter als das kleine, blaue Licht der Nacht, das sie durch die dunklen Stunden trug, die sie sonst nicht zu bewältigen meinte.

Noch nie hatte sie diesen späten Monaten etwas abgewinnen können, aber in diesem Jahr gaben sie sich besonders erdrückend. Trübseligkeit zog sich über die Gesichter der Menschen, als klar wurde, dass diese Zeit andauern würde. Trübseligkeit zog sich über die Stadt, und ihre Seele und hätte sie schier aufgefressen, wenn sie nicht dieses kleine, blaue Licht dort drüben entdeckt hätte. Dieses Licht, das in sich die Hoffnung und Verheißung all der Stunden zu tragen schien, auf die so viele warteten.

Sie blinzelte, aber das Licht blieb. So lehnte sie sich zurück – Abend für Abend und überließ sich diesem Schein im Fenster auf der anderen Straßenseite.

Sie hatte nur eine vage Idee davon, wer dort wohl lebte. Ein-, zweimal hatte sie gemeint, eine Person, ein Gesicht diesem Raum mit dem ihr nun so vertrauten Licht zuordnen zu können, wenn sich unten auf der Straße die Tür des anderen Hauses öffnete. Wahrscheinlich hatten sie sich noch nie gegrüßt. Wahrscheinlich würden sie sich unten auf der Straße nicht einmal erkennen, nur höflich einander Platz machen, wie es in diesen Monaten so üblich zwischen den Menschen geworden war. Die Welt war klein geworden, seit man vom Fußweg auf die Straße trat, um die anderen passieren zu lassen. Zu klein, wenn man in einer Stadt lebte. Zu klein, wenn man auf Radfahrer, Autofahrer, Kinder, Hunde achten wollte.

Aber sie war nun auch schon lange nicht mehr hinunter auf die Straße gegangen. Ihre Knie waren alt, sie war alt und es leid, anschließend kaum mehr die Stufen hinauf zu ihrer Wohnung zu gelangen. Blieb man besser gleich oben, man ersparte sich das Elend.

Aber die Abende, die Nächte – sie waren so lang, so endlos lang. Bis sie jenes kleine, blaue Licht im gegenüberliegenden Fenster entdeckt hatte. Seitdem war es einfach geworden. Sie rückte ihren Stuhl zurecht, wartete und versank dann im Schauen. Lange und intensiv studierte sie dieses Blau auf der anderen Straßenseite. Es schien ihr ganz natürlich und das wollte viel heißen in dieser Zeit, in der so vieles anders geworden war. In einer Zeit, die keiner erwartet, noch je einer gewollt hätte.

Doch nun war es ja da, und es war gut, dass es da war. Beinahe lächelte sie über diesen Gedanken. Mochte schon sein, dass das Alter da seine Streiche mit ihr spielte. Bestimmte Dinge sollte man nicht erleben müssen. Es war besser, man konnte vorher gehen. Aber sie war eben einfach immer noch da und so musste man sich halt arrangieren.

Auch an diesem Januarmorgen schaute sie hinaus, während im Zimmer auf der anderen Straßenseite eine Kinderhand einen Schalter betätigte wie immer zu diese Zeit, und der kleine, blaue Globus im Fenster wieder erlosch.

Festtage

Sie hatten den Weihnachtsmann aufgeknüpft –
am Fahnenmast festgebunden und hochgezogen. Nun baumelte der Alte dort oben schon gute zwei Wochen.
Weihnachten war in der Tat ein trübseliges Fest in diesem Jahr.
Die Menschen saßen in ihren Häusern. Niemand blickte hinaus. Niemand klopfte, um eingelassen zu werden.
Die Straßen waren leer und dunkel – jenseits der Lichtschimmer der Fenster, hinter denen Gedanken in fettem Essen ertränkt wurden.
Draußen zerrte nur der Wind an einer roten Jacke…

Versprechen

Die kristalline Struktur der Nächte,
ach - die Nähe des Winters.
Des Morgens fanden wir seine Spuren:
reifbestickte Blätter und Knospen,
die in sich das Versprechen einer guten, einer fernen Zeit trugen.
Eis
Frühling: wir warteten alle auf ihn

So sehr, dass wir die Knospen erbrachen,
um ihr Geheimnis jetzt schon zu erheischen.

Aber man hatte vergessen,
uns zu sagen,
dass aus entkorkten Flaschen
keine Geister mehr kommen würden... 

Kurzarbeit

‚Im Moment reden ja alle über die wirtschaftlichen Folgen, die wirtschaftlichen Probleme – gerade so für die kleinen Unternehmen. Und, wissen Sie – wenn Sie mich so fragen, ja, es ist auch nicht leicht. Auch für mich – also ich meine, so in meiner Branche.

Das mit der Kurzarbeit habe ich mir überlegt, aber das ist nicht so einfach – Es ist ja niemand mehr unterwegs! Keiner auf der Straße, um da mal eben kurz was abzustauben!

Und das Hauptgeschäft – was soll ich sagen?! Schwierig, schwierig. Wirklich! Warum müssen sie auch alle zu Hause hocken? Tun sie doch sonst auch nicht. Könnten doch so schön jetzt alle in ihre Ferienwohnungen abdampfen. Das wäre was. Ja, das wäre fein! Aber so? Tote Hose, sag‘ ich nur. Es stört halt doch, wenn Mutti und Vati nebenan den Pilawa gucken. Da kann man doch nicht in Ruhe arbeiten!

Kürzlich dachte ich, ich könnt‘ ja jetzt auch umschulen. Immerhin habe ich doch einige Erfahrung. Ja, Fachleute werden doch gesucht, und mit gebrauchten Dingen kenne ich mich aus! Von Berufswegen, Sie verstehen?! Da wäre es sicher leicht so als Zwischenhändler für gebrauchte Güter – also knappe meine ich natürlich, knappe Güter: Nudeln, Mehl, Klopapier… Also das wäre super – da könnte ich direkt einsteigen. Da müsste ich bloß noch mal eben bei uns im Keller nachschauen.

Ganz einfach einsteigen, das wäre mein Slogan. Einsteigen, auf so was verstehe ich mich wirklich!‘

Auf den Hund gekommen

Corona

‚Stellen Sie sich doch einfach vor, ich hätte einen Hund.‘

‚Sie haben keinen Hund!‘

‚Ja, ich sagte ja auch, Sie sollten es sich VORSTELLEN, ich hätte einen – so einen ganz kleinen. Noch ganz jungen. Habe ihn auch erst ein knappes halbes Jahr.‘

Er sah sich misstrauisch um, als suche er tatsächlich meinen Hund.

‚Er ist eben noch ganz jung. Nicht gut erzogen – NOCH nicht gut erzogen und daher immer unterwegs‘, ergänzte ich eifrig.

‚Aber Sie haben keinen…‘, setzte er erneut, nun aber etwas zaghafter an.

‚Ja, ja, aber wenn – wenn, dann hätte ich jetzt doch einen wirklich guten Grund, nicht wahr?‘ wagte ich einen schon fast forschen Vorstoß. ‚Wenn, dann wäre es doch gar nicht weiter verwunderlich! Gerade junge Hunde müssen doch zu allen möglichen Zeiten vor die Tür. Da kann man nichts machen.‘

‚Das kann man nicht‘, wiederholte er unsicher, und ich nickte eifrig.

‚Sehen Sie? Es ist ganz einfach. Mein Hund musste nun noch einmal vor die Tür, da konnte ich ihn doch nicht allein auf die Straße jagen!‘

‚Nein, das konnten Sie nicht.‘

‚Eben!‘

‚Eben?‘

‚Eben drum, das konnte ich nicht, und deshalb sind wir jetzt hier.‘

‚Wir?‘

‚Ja, wir. Und wir sind ja auch gleich wieder weg. Er ist im Übrigen auch schon vorgelaufen. Ich muss mich beeilen, sonst stellt er noch was Dummes an. Er ist ja noch so klein, wissen Sie? Also dann, auf Wiedersehen! Einen schönen Abend!‘

‚Schönen Abend…‘ Verwundert blickte er mir nach, während ich in der Nacht verschwand.

Freiheit

Elbe

Freiheit, das ist es, was man auf dem Boot empfindet. Grenzenlose Freiheit – Freiheit als Möglichkeit, als würde das ganze bisherige Leben von einem abfallen. Es geht nicht mehr um die Rollen, die man bisher auszufüllen bestrebt war, nicht um die Wahrnehmung oder Wertschätzung der anderen diesen Rollen gegenüber. Denn keine von diesen ist hier noch mit Sinn erfüllt.

Auf dem Wasser, auf dem Boot mit dem Wind in den Segeln wird das Leben basaler. Es ‚einfacher‘ zu nennen, wäre übertrieben, kann es doch über alle Maßen komplex bleiben. Aber es ist ein Leben im Hier und Jetzt – planbar manchmal nur für wenige Stunden. Man liest die Wolken, man hofft auf günstige Winde.

Elbe 2020

Man begreift sich als Reisender, der sich mit dem Weg befasst, das Ziel aber erst vage in den Blick genommen hat. Denn es lässt sich so eventuell gar nicht verwirklichen, vielleicht kommt alles ganz anders. Rollenkonzepte, Selbstüberschätzung – wozu soll das HIER nutze sein?

All das wird einem bewusst auf dem Fluss, der zum Meer führt, dem man ganz unweigerlich folgt, sucht man sich selbst.

Gegen den Strom

Schlossplatz

Er predigte das Wort Gottes, jedenfalls so wie er diese Worte eben verstand. Manchmal ist es mit einer höchsten Stimme ja so eine Sache – vor allem dann, wenn man selbst im Alter die hohen Töne nicht mehr so gut hören konnte. Vor ihm brandete die samstägliche Menschenflut hin und her, alle auf der Jagd nach dem, was einen eventuell glücklich machen konnte und was das eine oder andere Schaufenster ihnen dabei verhieß.

Schlossplatz Stuttgart 2020

Die Flut teilte sich um ihn, wie sie es schon all die Jahre zuvor getan hatte. Wie ein Fels hatte er seinen Platz in ihrer Mitte eingenommen. Jeden Samstag saß er hier – nur nicht bei Regen. Und das war klar, denn wer hätte die Königin und ihre Entourage beschirmen sollen? Nie saß er allein. Irgendjemand fand sich immer, der ihn an seinen zwei Brettern herauszufordern wagte. Und kaum hatte jener Platz genommen, scharrten sich andere um sie, das Schauspiel zu begaffen. Allerdings konnte man diesem auch leicht aus der Ferne beiwohnen, dauerte es doch nie lange, bis sich die gesamte Schlacht in den Zügen des Mitspielers widerspiegelte. Erst eine hochmütige, durchs Ego couragierte Eröffnung, dann zunehmende Ratlosigkeit und schließlich – je nach Temperament – nackte Verzweiflung oder Wutstürme, bis ein anderer seinen Platz einnehmen würde.

Nur wenige Schritte davon entfernt wartete man heute mit einer ungewöhnlichen Kostbarkeit auf: „Gratis Umarmung“ stand auf seinem Schild, das zu seinen Füßen platziert war, denn mit ausgebreiteten Armen stehend, fehlte ihm die Hand, es zu halten. Doch floss der Menschenstrom unberührt an ihm vorbei, nicht zu halten wie Sand, der durch die Finger rinnt. Und über allem schmunzelte der Mond in seine Wolke, den ich sah – als Teilchen im Strom…

Mull 2019: Lismore

Lismore

Unser letzter Törn führte uns schließlich von Oban aus rund um die Isle of Lismore. Wir kreuzten zunächst gegen den Wind, um die Engstelle bei Lady’s Rock passieren zu können. Dann ging es am Leuchtturm von Lismore vorbei, raumschots durch das Loch Linnhe in nördlicher Richtung. Linkerhand erstreckte sich Kingairloch, rechterhand die Isle of Lismore, welche von dieser Seite so gut wie unbewohnt aussah.

Leuchtturm, Lismore
Leuchtturm, Lismore

Im Wasser machten Trottellummen auf sich aufmerksam. Wir brauchten eine Weile, um die kleinen Kerlchen in den Wellen auszumachen. Sie waren überwiegend als Pärchen unterwegs und riefen sich stetig, während sie im Wasser paddelten. Diese Rufe hatten sie verraten und ließen uns nach ihnen Ausschau halten, wie sie es umgekehrt offenbar gerade mit uns taten. Sie waren überaus neugierig. Wurde ihnen jedoch der Abstand zum Boot zu eng, tauchten sie schlagartig ab. Die zurückbleibende Lumme rief dann solange nach dem Vermissten, bis sich dieser wieder weit jenseits des Bootes zurückmeldete. Auch eine Kegelrobbe nahm uns hier sehr genau in Augenschein. Weit streckte sie ihr Köpfchen aus dem Wasser und schaute uns aus großen, schwarzen Augen an. Wie ein Korken trieb sie so eine Weile neben uns im Wasser, bevor sie wieder in ihrem Element verschwand.

Eine Weile lang segelten wir so recht gemütlich mit mehr oder weniger starkem Sonnenschein durch die schottische Landschaft. Die Regenwolken hatten wir fürs erste hinter uns gelassen – meinten wir zumindest. Schon von Weitem konnte man bald den Steinbruch von Gelensanda ausmachen, vor allem wegen des dort vor Anker liegenden roten Frachtschiffes. Ansonsten war nur ein kleines Segelboot zusammen mit uns auf der Westseite von Lismore unterwegs. Eigentlich hatten wir überlegt, ob wir nicht in der Bucht von Port Ramsay an der Nordspitze der Insel ankern sollten, doch dann kam mal wieder alles ganz anders.

Auf der Höhe des Steinbruchs angelangt, zog von der Halbinsel eine pechschwarze Wolkenfront auf uns zu. Wir wussten mittlerweile, dass das nichts Gutes bedeuten würde. Doch schneller und viel heftiger als erwartet, war das Wetter über uns. Mit 38 Knoten griff der Wind in unsere Genua. Das Groß hatten wir, Gott sei Dank, auf dem Raumschotskurs nicht gesetzt. Beaufort acht – bei solchem Wetter waren wir bisher noch nie auf See gewesen! ‚Beeindruckend‘ ist das Mindeste, was einem dazu einfällt. So schnell es der alte Furler überhaupt zuließ, refften wir die Genua und machten mit dem verblieben Handtuch trotzdem eine rasante Fahrt durchs Wasser. Hinter uns sahen wir die Crew des anderen Segelbootes mit den Böen kämpfen. Ihre Segel flatterten beim Versuch, sie zu bergen. Mit dem Wind kam auch der Regen. Im Ölzeug machte uns dieser nicht viel aus, aber er verleidete uns nachhaltig den Gedanken, heute noch irgendwo vor Anker gehen zu wollen. Der Plan wurde geändert: wir würden Lismore runden und zurück nach Oban und zur heißen Dusche segeln.

So schnell, wie das Wetter über uns hereingebrochen war, so schnell war der ganze Spuk auch wieder vorbei. Als wir Lismore Isle schließlich an ihrem nördlichsten Punkt runden wollten, hatten wir kaum mehr genug Wind, um den geplanten Kurs zu steuern. Achteraus malte sich Shuna Island in den Horizont. Hier bargen wir schließlich unser Handtuchsegel und starteten den Motor. Der Lynn of Lorn wimmelt nur so vor Flachstellen. Einige Felsen lugten verstohlen gerade eben noch so aus dem Wasser, als wollten sie spaßeshalber schon mal nach dem nächsten Unglückseligen Ausschau halten, dem sie sich in den Weg gelegt hatten. An Backbord tauchte das Leuchtfeuer Sgeir Bhuidhe auf. Wieder fing es an zu regnen.

Leuchtfeuer Sgeir Bhuidhe
Leuchtfeuer Sgeir Bhuidhe

Nach ungefähr der Hälfte der Strecke übernahm ich wieder das Ruder. Die vorläufige Kursangabe lautete: das östliche Ende von Pladda Island anzusteuern. Die Positionslichter hatten wir zwischenzeitlich schon eingeschaltet. Der Regen fiel in immer dichter werdenden Schleiern vom Himmel. Noch eine halbe Stunde später war dieser Vorhang undurchdringlich. Dort, wo eben noch meine navigatorische Landmarke gewesen war, war nun nichts weiter als das Grau in Grau dieses Regennachmittags. Glücklicherweise hatte ich die Eingebung gehabt, kurz bevor die Küstenlinie der Insel völlig im Regen verschwand, meinen Kurs auf dem Kompass abzugleichen. Die folgenden Momente waren also ein Blindflug mit Instrumentenunterstützung. So musste es sein, führe man durch dichten Nebel, dachte ich noch. Keine Orientierungsmarken waren mehr auszumachen, nur ein vorsichtiges Vorwärtstasten in der Hoffnung, dass der Weg frei wäre (dummerweise verfügte unsere „Goldrush“ über kein AIS).

Doch auch diese Wetterkapriole hielt nicht allzu lange vor. Es wurde heller und langsam, aber sicher tauchte die Welt wieder aus ihrer Versenkung auf. Schließlich hatte es wieder soweit aufgeklart, dass wir uns zu einem erneuten Segelsetzen entschlossen. Unter Segeln ging es dann zurück, bis Maiden Island querab lag, die kleine Insel, welche die Einfahrt zur Oban Bay markiert. Wir rollten das Vorsegel weg, denn die Bucht sollte nur unter Motor angelaufen werden. Eine Vorsichtsmaßnahme, denn von hier startet ein reger Fährverkehr der Calmac-Boote zu den Inneren und Äußeren Hebriden. Wie hatten sie so schön in ihrem Video erklärt? Sollte eine der Fähren ein querkommendes Segelboot mit fünf kurzen Signaltönen bedenken, sei dies keinesfalls als ein „Friendly Hello“ gemeint. Besser, man kam den großen Schiffen gar nicht erst in die Quere und schon gar nicht in der schmalen Zufahrt zur Oban Bay. Also schnell wieder den Motor gestartet… Ähm, schnell wieder den Motor… gestartet… Hallo, was war das denn?? Martin ließ den Anlasser wieder und wieder laufen. Er schnarrte fleißig, aber die Maschine sprang nicht an. Gut, noch einmal. Und noch einmal. Nein, nichts. Bloß jetzt die Ruhe bewahren. Was war denn nur los? Die Batterien waren voll, keine Frage. Getankt hatten wir gerade erst. Warum also lief der Motor nicht? ‚Wir sind ein Segelboot. Wir haben das Groß noch oben. Es ist alles okay‘, verkündete ich, stoisch am Ruder stehend, wieder von der Bucht wegsteuernd, während die Jungs unter Deck verschwanden. Martin rief die Notfallnummer des Vercharterers an und fing an zu basteln, während wir mit fast keinem Wind im Lynn of Lorn vor uns hin dümpelten. Mir ging durch den Kopf, was Christian uns über das Anlegen unter Segeln erzählt hatte. Nicht, dass ich das nun unbedingt ausprobieren wollte. Es war mehr ein Durchspielen von Möglichkeiten, um mich selbst zu vergewissern, dass unsere Lage blöd, aber nicht tragisch war. Ebenso erinnerte ich mich an Sylkes Erzählung, dass auf ihrem Charterboot im Caledonian Canal der Motor kurz vor der Schleuse ebenfalls ausgefallen war. Motorprobleme waren doch nichts Ungewöhnliches – schließlich waren wir doch ein Segelboot, und Segel hatten wir ja nach wie vor. Dennoch war ich fraglos mehr als glücklich, als die beiden schließlich wieder an Deck erschienen, den Anlasser betätigten und – juhu, die Maschine endlich ansprang. Was war passiert? Nun, der Anlasser hatte sich vom Motor gelöst. Die Schrauben, die ihn eigentlich am Platz halten sollten, mussten sich im Seegang gelöst haben. Diese hatte Martin im Motorraum gesucht, alles wieder zusammengesetzt und die Schrauben festgezogen. Sicher kehrten wir in die Oban Transit Marina heim. Das Anlegerbier tranken wir mit sichtlicher Erleichterung. Noch lange saßen wir an diesem Abend im Cockpit und genossen den Ausblick auf Kerrera vor einer fantastischen Kulisse aus Wolken und Licht, Farben und Dunkelheit.

Transit Marina, Oban
Transit Marina, Oban

Mull 2019: Kerrera und Oban

Dunollie Park

Von Tobermory aus ging es dann zurück durch den Sund nach Kerrera in die Oban Marina. Für die kommenden Tage gab es erneut eine Sturmwarnung für die nördliche Ecke von Mull, so war es besser, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen und in einer sicheren Ecke Unterschlupf zu suchen. Schon der Morgen begann mit starken Windböen, die durch das Boot fuhren. Es war ein etwas unsanftes Erwachen an unserem letzten Morgen in dieser Puppenstube.

Hinter uns im Sund zog sich recht bald ein ganzes Regattafeld auf. Wir waren nicht die einzigen, die die Sturmwarnung gehört hatten. Alle hatten sich auf den Weg nach Süden gemacht, wo die Lage ruhiger sein sollte. Raumschots fuhren wir also durch den Sund zurück zur Oban Marina, wo wir am späten Nachmittag wieder anlangten. Hier blieb es erstaunlich ruhig. Das Regattafeld hatte sich unterwegs aufgelöst. Nur einige wenige waren uns nach Kerrera gefolgt, andere würden wir in den folgenden Tagen in der Transit Marina in Oban wieder treffen, wohin wir uns nach dem Sturm verholen würden.

Auf Kerrera hatten wir einen kommoden Platz am Steg ergattert und nutzten die verbliebenen Stunden des Tages dafür, noch einmal den Fährservice in die Stadt in Anspruch zu nehmen, um dort unsere Vorräte etwas aufzustocken.

Wieder hatte sich der Wind heimlich angeschlichen. Nun tobte er über uns mit gut dreißig Knoten schon den ganzen Morgen. Das Boot, das uns gegenüber am Steg lag, machte trotzdem los. Allerdings schien die Crew auch über einige Erfahrung mit dem hiesigen Wetter zu verfügen. Ihr Boot hieß „First Affair“, ihre Rettungsinsel „Last Affair?“ – schottischer Humor.

In der Mitte der Bucht ankerte eine Luxus-Motoryacht, die on top einen Helikopter-Landeplatz aufwies, inklusive besagtem Fluggerät. Hübscher anzuschauen waren die „Black Guillemots“, Gryllteiste eine Sorte Alk-Vögel ganz in schwarz mit weißen Flecken auf den Flügeln und knallroten Beinchen. Sie vertrieben sich vereinzelt die Zeit im Hafenbecken der Oban Marina. Auf den Stegen fanden wir die Überreste ihres Mittagsmahls – Scheren und einzelne Beine von Krebsen sowie Muschelschalen.

Der Tag des angekündigten Sturms begann unruhig mit Hagel und Gewitterböen, doch entpuppte sich das Wetter dann als weit weniger dramatisch, als es in unserer Wetter-App vorhergesagt worden war. Die Grafiken des ziehenden Tiefs waren jedenfalls kolossal beeindruckend gewesen. Unser Nachbar am Steg fasste es schön zusammen: ‚It showed red, then purple and it got darker – so I thought it would be better to come in.‘ Wir nutzen also des restlichen Tag für eine Wanderung über die Isle of Kerrera.

Vorhersagekarte Windböen, 17. August 2019
Vorhersagekarte Windböen, 17. August 2019

Am folgenden Tag machten wir einen Ausflug nach Oban, um das Dunollie Castle zu besichtigen, die Burgruine , die auf der anderen Seite der Bucht direkt am Hang liegt. Das Gelände umfasst neben der Ruine ein zum Museum hergerichtetes Gesindehaus sowie eine kleine Parkanlage, die mit wunderbaren Holzschnitzereien verziert worden war. Die Überreste der Burg thronen hoch oben auf der Klippe. Man blickt weit über die Bucht, hinüber nach Mull und tief in den Sund hinein. Aufkommender Regen trieb uns in die verwitterten Rudimente des alten Gemäuers, um dort ein wenig Schutz zu suchen. Wir verharrten mehr oder weniger unmittelbar unter dem alten Torbogen des Eingangs, klaffte dahinter doch ein kaltes, schwarzes Loch wie ein Riss in der Zeit. Schwer vorstellbar, dass darin einmal Menschen gelebt haben sollten. Vielleicht hatten Feuer diesem Platz ein wenig mehr Wärme und Zuversicht eingehaucht, doch nun war nichts weiter übrig als der blanke Stein im grau verhangenen Himmel und im Innern diese grenzenlose Finsternis, die einen lieber zurück in den Regen treten ließ, als zu weiteren Erkundigungen einzuladen.

Caledonian MacBrayne, Dunollie Castle
Caledonian MacBrayne, Dunollie Castle

Ganz anders dagegen das weißgekalkte Gesindehaus am Fuß der Klippe. Von diesem ging eine gemütliche Wärme aus, die schnell mit den hier ausgestellten Kindergeschichten der verschiedenen adligen Sprösslinge in Verbindung gebracht werden konnte. Die winzigen Zimmerchen waren vollgestopft mit allerlei Nachlassenschaften vergangener Zeiten. Besonders faszinierend war in dieser Hinsicht sicherlich die Küche und der angrenzende Wirtschaftsraum, in welchem nicht nur Küchenutensilien aus Kupfer und Gusseisen ausgestellt waren, sondern auch Rezeptbücher und Vorratsdosen aller Art, zwischen welche eine liebevolle Hand in Ermahnung an die tatsächlichen Verhältnisse der damaligen Zeit die eine oder andere Stofftierratte platziert hatte.

Dunollie Park, Oban
Dunollie Park, Oban

Ein typisch schottisches Konzept verfolgte wiederum der angrenzende Souvenirshop. Neben allerlei Dingelchen bot man hier vor allem die im lokalen Handwerk selbstgewebten Wollstoffe sowie daraus gefertigte Produkte feil. Allerdings war nirgends Verkaufspersonal zu entdecken. Ein Schildchen am Eingang klärte uns auf: Man möge bitte nehmen, was einem gefiele und dann unten am Pförtnerhäuschen alles bezahlen, wo man auch die Eintrittskarten zum Gelände erworben hatte. War dieses Vertrauen sicherlich durch die in Großbritannien so weit verbreiteten CC-TV-Kameras abgesichert, verfolgte der Farmshop auf Kerrera dieses Konzept bis hinunter in die tiefsten humanen Anwandlungen. Auch dort wurde auf die Ehrlichkeit der Kundschaft gesetzt, indem man darauf vertraute, dass die Besucher die Preise ihrer gewählten Waren selbst auf einem extra dafür platzierten Zettelblock summierten und den fälligen Betrag in der offenen Kasse zurücklassen würden. Ich mag dieses Land!

Dunollie Park, Oban
Dunollie Park, Oban

Der Weg zurück nach Oban führte uns auch zum lokalen Fischmarkt am Hafen. In einem gut besuchten Imbiss wurden hier unter anderem allerlei Krustentiere fangfrisch angeboten. Eine Horde kleiner Kinder stand oder kniete vor den Kisten mit den Krabben. Ihre kleinen Finger strichen über die dicken Panzer der urtümlichen Tiere, als kraulten sie kleine Kätzchen. Auch säuselten sie ihnen ähnliche Dinge zu wie den Spielkameraden, die sonst mit ihren Samptpfötchen nach ihren Wollknäueln haschen würden. Keiner der verzückt die Szenerie betrachtenden Erwachsenen hielt es für nötig, den Kleinen die wahre Natur dieses Ortes und den Zusammenhang mit den Sandwiches zu erklären, die alle wenig später mindestens ebenso begeistert verschlangen. ‚Makaber‘ war wohl das Wort, das Sophia und mir bei dem Ganzen durch den Sinn ging.

Am Abend machten wir dann in der Transit Marina in Oban fest. Oban ist zweifelsohne eine Stadt der Möwen. Nicht so extrem wie Glasgow, aber deutlich mehr Tiere hielten sich hier auf als auf den Inseln. Lautstark verkündeten sie ihre Lufthoheit im Hafen. Die Transit Marina liegt direkt am Puls der Stadt – leider besteht dieser derzeit vor allem aus Autoverkehr, sodass es dort relativ unruhig ist. Die Marina selbst ist nagelneu und ihre Einrichtungen entsprechend gepflegt. Einziges Manko waren die gut 29 Grad, auf welche die Räumlichkeiten der Sanitäranlagen geheizt wurden. Man schwitzte quasi beim Duschen. ‚Vielleicht spart das Wasser?‘ mag man sarkastisch denken. Der Hafenmeister mit seiner beeindruckenden Rasterfrisur stellte das ebenfalls mit Bedauern fest. Schließlich sei das auch eine Frage von Ressourcenverschwendung und Umweltschutz. Doch brauche er entsprechende Beanstandungen seitens der Crews der Boote am Steg, damit er der Verwaltung folgerichtig auf die Sprünge helfen könne. Eine unterstützende Mail von uns ist ihm sicher.

Oban
Oban

Weitere Attraktion der Stadt ist McCraig’s Tower, ein Bauwerk auf dem Hügel über dem Ort, das an ein römisches Amphitheater erinnert. Wie in einer Filmkulisse stehen hier nur die äußeren Rundbögen des Gebäudes, die besagter McCraig als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte errichten lassen. Nun dient der Tower vor allem den Touristen aus aller Herren Länder als Fotomotiv und Aussichtsplattform. Bewacht wurde sein Eingang von einer getigerten Katze, die in geradezu stoischer Ruhe die Besucherströme an sich vorbeiziehen ließ, während sie am Wegesrand in der Sonne döste. Nahezu jeder hielt kurz inne und betrachtete verzückt das ruhende Tier, das ganz offenbar beschlossen hatte, die ansonsten an solcher Stelle drapierten steinernen Löwen zu ersetzen.

Katze, McCraig's Tower Oban
Katze, McCraig’s Tower Oban