Von der Oban Marina führte uns der nächste Schlag nach Loch Aline, das auf der Movern Peninsula gelegen ist und nach gut einem Drittel des Sounds of Mull erreicht war. Letzteren kreuzten wir in einigen langen Schlägen recht gemütlich hoch.

Maiden Island, Oban
Maiden Island, Oban

Noch am Morgen hatte sich Mull mit Nebel in den Bergen präsentiert. In der Oban Marina war die Sonne gerade aufgegangen, die Welt erwachte langsam aus dem sanften Schlaf der vergangenen Nacht. Kaninchen hatten zu dieser Tageszeit die Marina fest im Griff. Ihre weißen Blumen bildeten einen ansehnlichen Kontrast zum satten Grün der umgebenden Landschaft. Ein Schwarm silberner Fischlein spielte in der Marina und ließ das Wasser aussehen, als fielen Tautropfen darauf nieder. Nach dem Sturm des vergangenen Tages lag das Wasser nun wieder spiegelglatt vor uns und lud zum Aufbruch ein.

Lady’s Rock am Eingang zum Sund zog uns wie magisch an. Mit einer Wende entgingen wir schließlich ihrem Bann. Duart’s Castle, der Sitz des ungnädigen Gatten der Lady, sah von Weitem wie ein Geisterschloss aus. Tatsächlich war es gerade in ein Spinnennetz aus Gerüstträgern eingesponnen. ‚Under construction.‘ Zwischen Lady’s Rock und Lismore Point waren in unserer Karte schon erwähnte ‚Eddies‘ verzeichnet – Mahlströme. Hier waren sie nicht sehr stark und bei Stillwasser merkte man freilich nichts von ihnen. Aber allein die Tatsache, dass sie in realita existierten, war erstaunlich genug. Für mich hatten Mahlströme bisher in dasselbe Reich der Mythen und Erzählungen gehört wie Seeungeheuer und andere Phantasiegespinste.

Im Sund galt es dann, auf den regen Fährverkehr zu achten. Besagte Caledonian MacBrayne Flottille ist hier mit einer Vielzahl unterschiedlicher Schiffe vertreten. Sie sind groß und schnell, wobei letzteres sicher auch eine Frage der Relation ist. Unsere Durchschnittsgeschwindigkeit lag meist bei knapp unter fünf Knoten, zu Spitzenzeiten etwas über sieben. Für ein Segelboot seiner Größe kam die „Goldrush“ also leidlich voran, für die Kraftmaschinen der Fährgesellschaft waren wir dagegen nicht schneller als eine Schnecke.

Eigentlich wäre dieser Segeltag so gewesen, dass wir ohne Probleme bis Tobermory hätten weiterfahren können – vielleicht auch hätten sollen, hätten wir noch Ziele anlaufen wollen, die weiter draußen gelegen waren – aber ich wollte zu gerne Loch Aline sehen. Auch war wieder jede Menge Wind für den Abend und die Nacht angesagt und das Loch gilt als perfekter Unterschlupf.

Eine Fähre verbindet Lochaline mit dem gegenüberliegenden Küstenabschnitt der Isle of Mull. Sie warteten wir zwei Mal ab, bevor wir uns einen rechten Überblick über die schmale Zufahrt zum Loch verschafft hatten. Auf der Seekarte sah der Zugang lang gezogen aus, nun erblickten wir schon vom Sund aus die Marina mit ihren zwei Stegen. Waren wir hier richtig?

Bereits am frühen Nachmittag kehrten wir in Loch Aline ein und das, wie wir bald meinten, keine Stunde zu früh, denn die wenigen Stegplätze der Marina waren schnell gefüllt. Nicht wenige der Boote hatten ein lustig buntes Flaggenalphabet gesetzt. Wie wir später herausfanden, traf sich dort an diesem Abend einer der lokalen Segelclubs zum Stelldichein. Das Barbecue an der gemütlichen Holzhütte der Marina lief lang in dieser Nacht.

Letztere ziert ein langes Gedicht von Alexander McCall Smith, jenem Autor, der in so unvergleichlicher Weise über das deutsche Universitätswesen zu schreiben wusste. Jedem seien an dieser Stelle die Abenteuer des Herrn Prof. von Igelfeld, seines Zeichens Experte für portugiesische irreguläre Verben, ans Herz gelegt. Neben Nabokovs „Pnin“ gibt es wohl kein zweites Buch wie McCall Smiths „The 2 1/2 pillars of wisdom“, welches die schrullige Verrücktheit des Uni-Alltags mit derartigem Wortwitz auf den Punkt zu bringen vermag. Entsprechend freute es mich sehr, nun gerade an diesem verwunschenen Ort in Schottland auf die Spuren dieses Autors zu stoßen, der sich offenbar für die Einrichtung der dortigen Marina eingesetzt hatte. Besten Dank dafür!

Vom Steg aus bot sich uns ein fantastischer Ausblick über das Loch. Eine Reihe von Yachten lag noch weiter landeinwärts an einigen Moorings. Ganz im Osten zeigten sich versteckt zwischen den Bäumen die vielen kleinen Schornsteine und Türmchen von Ardtornish House. Wie ein Geisterhaus wirkt es auf uns und zog uns geradezu magisch an.

Ardtornish House, Loch Aline
Ardtornish House, Loch Aline

Der erste Abend, der sich über das Loch legte, verbreitete eine ganz eigene Stimmung. Wie viele kleine Irrlichter tanzten die Ankerlichter das Yachten an ihren Moorings über dem Wasser. In der Zufahrt zum Loch blinkten einsam die Tonnen.

Am frühen Morgen zog wieder ein Tiefausläufer über uns hinweg. „Depression“, wie die Briten sagen, irgendwie passend, wenn es stürmt und schüttet. Das ganze Boot bebte am Steg, die Wellen liefen von achtern unter unsere „Goldrush“ und ließen sie auf das Wasser hämmern. Wir nahmen uns einen weiteren Hafentag.

Wasserfall, Loch Aline
Wasserfall, Loch Aline

Den Tag nutzten wir, die Umgebung zu erkunden. Lochaline Dorf ist genau das, ein Dorf am Ende der Welt wie es scheint – wohlgemerkt mit Marina und Sandmine. Sie sprengen den Quarzsand tief unter der Erde aus seinem Ruhelager. An die Oberfläche geholt, sieht er in seinen Lagerstätten aus wie Tropfstein. Aus dem Stollen schlägt einem der eisige Atem der Unterwelt entgegen. Besser, man verweilt nicht allzu lang…

Der Ort wartet auf mit einem All-in-one-store: Post, Gemüseladen, Bäcker, Tankstelle – alles im selben Häuslein. Gegenüber der Briefkasten, der einmal täglich geleert wird und vollmundig verkündet, dass man sich für weitere Auslieferungswünsche an das nächste Postamt – in Oban wenden könne. Gut für alle, die hier ein Boot ihr eigen nennen können.

Loch Aline
Loch Aline

Wir liefen bis Ardtornish House, welches ganz am Ende des Lochs liegt und von fern anmutet wie das Schloss von Graf Dracula oder, besser noch, wie der Wohnsitz von Nosferatu mit seinen ganzen Türmchen und Schornsteinen, die aus dem dichten Wald hervorlugen. Auf dem Weg dorthin fanden wir eine große Ansammlung des „kleinen schönen Weißen“ (Fionnan Geal) – des Sumpf-Herzblatts, das uns eine sehr nette Dame auf Arran erstmals zeigte und das wir seitdem stets mit diesem Land verbinden. Auch einen Adler bekamen wir zu Gesicht. Er flog unmittelbar vor uns auf und verschwand ebenso schnell und geräuschlos, wie er aufgetaucht war, wieder zwischen den bemoosten Ästen der alten Bäume. Wir streiften weiter durch einen echten Märchenwald samt Wasserfällen, Feenleiter und Moosungeheuern. Unser Geisterhaus fiel dagegen weit weniger spannend aus, als gedacht. Es entpuppte sich als Hotelanlage nebst weitläufigem Parkgelände. Trotzdem belohnte es uns mit einem wunderbaren Blick auf das gesamte Loch und den Sound of Mull.

Waldfrosch, Loch Aline
Waldfrosch, Loch Aline

Von all den Orten, die wir während dieses Törns ansteuerten, war Loch Aline zweifelsohne der abgeschiedenste und ursprünglichste und in seinem Zauber einzigartig.