Erinnerungen

Eine Frau im Nachthemd
kehrt frĂŒhs im Vorgarten
die TrÀume der vergangenen Nacht.

Sie klirren leise
wenn das Morgenlicht auf sie fÀllt.

Aufblickend mit ihren Mondaugen
sehe ich ihre Ferne.

Ich packe meinen Koffer…

Ich packe meinen Koffer und lege hinein: Ein wenig Tinte fĂŒr die unendlichen Geschichten und ein Papierschiffchen fĂŒr den Mississippi. Einen LöwenbĂ€ndiger fĂŒr die Nacht und Baldrian fĂŒr all die traurigen Seelen. Ein Fischernetz fĂŒr gesunde Hoffnung und zwei Aspirin gegen den Weltschmerz.

Ich packe meinen Koffer mit dem Tischleindeckdich fĂŒr all die Hungerleider und Dantes Inferno fĂŒr die, die ohne Hölle nicht sein mögen. Mit einer Fahrkarte nach Lummerland erster Klasse und dem X aller SchĂ€tze fĂŒr die Habgier.

Ich packe meinen Koffer und lege hinein: Einen Regenbogen fĂŒr die Hoffnungslosen und das Rundumsorglospaket fĂŒr das Erbarmen. Ein Taschentuch fĂŒr die Sorgen meiner Mutter und ein Versprechen fĂŒr mich selbst.

Zeitpunkte

Auf alles hatte er ein Datum geschrieben. Wirklich auf alles.

Sie wusste nicht, warum.

Hin und wieder kam es vor, dass sie die Dinge gedankenverloren in den HĂ€nden drehte. Und dann war es da, meist in irgendeiner Ecke, unten auf der RĂŒckseite in seiner kleinen, krakeligen Schrift.

‚12. April 1972‘ stand dann da zum Beispiel, und sie zerbrach sich den Kopf, was an jenem Tag wohl gewesen sein mochte.

Das waren Jahre vor ihrer Geburt. Unmöglich, es durch bloßes Nachdenken zu ersinnen.

Sie hĂ€tte jemanden fragen mĂŒssen, aber ihr fiel niemand ein.

Mit ihm hatte sie zu wenig gemeinsam gehabt, als dass es sich einfach so erklĂ€ren ließe.

‚ErklĂ€rungen werden sowieso ĂŒberschĂ€tzt‘, dachte sie und stellte das Ding wieder zurĂŒck auf seinen Zeitpunkt in seine Welt, die nicht die ihre war.

Winterreise

Es klingt ein wenig lĂ€cherlich, ich weiß. Lustig vielleicht, wenn man es freundlicher ausdrĂŒcken möchte. Andere wĂŒrden eher seltsam wĂ€hlen – was soll‘s. Es ist, wie es ist. Und den schwarzen Mantel erwarb ich eben aus jenem verrĂŒckten Grund. Aus demselben ĂŒbrigens, der mich fĂŒr einige Jahre zur Rothaarigen werden ließ.

‚Wenn man auf diese Weise eine Ähnlichkeit herzustellen vermochte, dann ja vielleicht auch in anderer Hinsicht?‘ So oder so Ă€hnlich muss ich damals wohl gedacht haben, als ich ganz neu an der Uni nun dieses Buch las. NatĂŒrlich nicht nur ich, sondern all die anderen in dem Seminar auch, das im Übrigen – von diesem Buch einmal abgesehen – keine wirkliche akademische Glanzstunde darstellte. Aber darum ging es ja auch gar nicht. Es ging um dieses Buch oder, besser gesagt, um die Figur in diesem Buch. Um eine Frau, die in eben einem solchen schwarzen Mantel allein mit dem Zug nach Venedig reiste.

‚Ach könne ich doch auch…‘ nach Italien reisen, ĂŒberhaupt – reisen. Ging damals nicht. Ging viele Jahre nicht. Kein Geld. Kein Mut. Wahrscheinlich war letzteres das wirklich Störende: kein Mut, alleine aufzubrechen.

Gerade das war es, was ich an dieser Romanfigur, an dieser rothaarigen Frau im schwarzen Wintermantel, so bewunderte: den Mut. Alleine die Wege zu gehen, die sie gehen wollte. Nicht darauf zu warten, dass jemand sie begleiten wĂŒrde. Sich einfach selbst auf die Reise zu begeben, von der alles andere als klar war, was ihr Ergebnis, was ihr Ziel sein wĂŒrde. Ob sie Erfolg haben wĂŒrde oder nicht. Egal, sie ging ganz einfach. Oder, besser, nahm den Zug – den Zug nach Venedig an einem Abend allein, ohne GepĂ€ck in eben jenem schwarzen Mantel.

Den Rest der Geschichte vergaß ich ĂŒber die Zeit, nie aber diesen Anfang, der mich dazu brachte, mir auch ein solches KleidungsstĂŒck zu kaufen und meine Haare rot zu fĂ€rben.

Eine Frau, die einfach ging, war etwas Außergewöhnliches fĂŒr mich. In der Welt, in der ich damals lebte, gingen die Frauen nicht, sie warteten. Manche von ihnen warten noch heute. Ich aber, ich wollte nicht warten. Ich hatte die Nase voll vom Warten, so viel wusste ich schon damals. Immerhin war ich ja auch schon bis hierher gekommen, bis in diesen verranzten Seminarraum, in dem all die fremden Leute dasselbe Buch lasen. Und ich kaufte mir diesen Mantel. Ich habe ihn noch heute. Es war leichter, einen Mantel zu kaufen, als auf Reisen zu gehen. Das ließ – trotz Mantel, trotz roter Haare – noch Jahre auf sich warten.

Auch in diesem Winter trage ich meinen Mantel voller Fernweh wieder. In dem Winter, der seit einem Jahr kein Ende nehmen will. Aber ich will zuversichtlich sein. Ich habe schon einige wunderbare Orte auf dieser Welt besuchen dĂŒrfen. Und ich bin begierig, mehr zu erfahren – auch wenn meine Haare nun nicht mehr rot sind und auch wenn ich den Rest der Geschichte lĂ€ngst vergaß.

Licht

Globus

Klares, blaues Licht ging von ihm aus, fĂŒllte ihn aus. Zu anderen Zeiten hĂ€tte man gesagt, es entrĂŒcke ihn. Aber zu ihrer Zeit klang das schon zu weit hergeholt.

Jeden Abend erschien dieses Licht ganz zuverlĂ€ssig im Fenster auf der anderen Straßenseite. Sie hatte vergessen, wann sie sich angewöhnt hatte, es genauer zu betrachten, in ihm zu versinken wie in dem Meer, von dem es kĂŒndete, es zu kosten wie ein Versprechen, das man sĂŒĂŸ einander zuflĂŒstern mochte.

Mittlerweile erwartete sie es schon fast sehnsĂŒchtig. Hatte sich einen Stuhl an ihrem Fenster so zurechtgerĂŒckt, dass sie es auch gut in Augenschein nehmen konnte – stundenlang ohne Anstrengung. Es brannte die ganze Nacht. Erst am Morgen, wenn es Zeit wurde, die TrĂ€ume hinter sich zu lassen und sich fĂŒr den neuen Tag zu rĂŒsten, erlosch es, und sie begab sich zu Bett. Es machte keinen Unterschied. Keinen Unterschied, wie der Rhythmus der Stadt, des Lebens normalerweise zu sein hatte. In dieser Zeit war nichts normal, und Leben und Stadt schienen ihr so fern, viel weiter als das kleine, blaue Licht der Nacht, das sie durch die dunklen Stunden trug, die sie sonst nicht zu bewĂ€ltigen meinte.

Noch nie hatte sie diesen spĂ€ten Monaten etwas abgewinnen können, aber in diesem Jahr gaben sie sich besonders erdrĂŒckend. TrĂŒbseligkeit zog sich ĂŒber die Gesichter der Menschen, als klar wurde, dass diese Zeit andauern wĂŒrde. TrĂŒbseligkeit zog sich ĂŒber die Stadt, und ihre Seele und hĂ€tte sie schier aufgefressen, wenn sie nicht dieses kleine, blaue Licht dort drĂŒben entdeckt hĂ€tte. Dieses Licht, das in sich die Hoffnung und Verheißung all der Stunden zu tragen schien, auf die so viele warteten.

Sie blinzelte, aber das Licht blieb. So lehnte sie sich zurĂŒck – Abend fĂŒr Abend und ĂŒberließ sich diesem Schein im Fenster auf der anderen Straßenseite.

Sie hatte nur eine vage Idee davon, wer dort wohl lebte. Ein-, zweimal hatte sie gemeint, eine Person, ein Gesicht diesem Raum mit dem ihr nun so vertrauten Licht zuordnen zu können, wenn sich unten auf der Straße die TĂŒr des anderen Hauses öffnete. Wahrscheinlich hatten sie sich noch nie gegrĂŒĂŸt. Wahrscheinlich wĂŒrden sie sich unten auf der Straße nicht einmal erkennen, nur höflich einander Platz machen, wie es in diesen Monaten so ĂŒblich zwischen den Menschen geworden war. Die Welt war klein geworden, seit man vom Fußweg auf die Straße trat, um die anderen passieren zu lassen. Zu klein, wenn man in einer Stadt lebte. Zu klein, wenn man auf Radfahrer, Autofahrer, Kinder, Hunde achten wollte.

Aber sie war nun auch schon lange nicht mehr hinunter auf die Straße gegangen. Ihre Knie waren alt, sie war alt und es leid, anschließend kaum mehr die Stufen hinauf zu ihrer Wohnung zu gelangen. Blieb man besser gleich oben, man ersparte sich das Elend.

Aber die Abende, die NĂ€chte – sie waren so lang, so endlos lang. Bis sie jenes kleine, blaue Licht im gegenĂŒberliegenden Fenster entdeckt hatte. Seitdem war es einfach geworden. Sie rĂŒckte ihren Stuhl zurecht, wartete und versank dann im Schauen. Lange und intensiv studierte sie dieses Blau auf der anderen Straßenseite. Es schien ihr ganz natĂŒrlich und das wollte viel heißen in dieser Zeit, in der so vieles anders geworden war. In einer Zeit, die keiner erwartet, noch je einer gewollt hĂ€tte.

Doch nun war es ja da, und es war gut, dass es da war. Beinahe lĂ€chelte sie ĂŒber diesen Gedanken. Mochte schon sein, dass das Alter da seine Streiche mit ihr spielte. Bestimmte Dinge sollte man nicht erleben mĂŒssen. Es war besser, man konnte vorher gehen. Aber sie war eben einfach immer noch da und so musste man sich halt arrangieren.

Auch an diesem Januarmorgen schaute sie hinaus, wĂ€hrend im Zimmer auf der anderen Straßenseite eine Kinderhand einen Schalter betĂ€tigte wie immer zu diese Zeit, und der kleine, blaue Globus im Fenster wieder erlosch.

Festtage

Sie hatten den Weihnachtsmann aufgeknĂŒpft –
am Fahnenmast festgebunden und hochgezogen. Nun baumelte der Alte dort oben schon gute zwei Wochen.
Weihnachten war in der Tat ein trĂŒbseliges Fest in diesem Jahr.
Die Menschen saßen in ihren HĂ€usern. Niemand blickte hinaus. Niemand klopfte, um eingelassen zu werden.
Die Straßen waren leer und dunkel – jenseits der Lichtschimmer der Fenster, hinter denen Gedanken in fettem Essen ertrĂ€nkt wurden.
Draußen zerrte nur der Wind an einer roten Jacke


Versprechen

Die kristalline Struktur der NĂ€chte,
ach - die NĂ€he des Winters.
Des Morgens fanden wir seine Spuren:
reifbestickte BlÀtter und Knospen,
die in sich das Versprechen einer guten, einer fernen Zeit trugen.
Eis
FrĂŒhling: wir warteten alle auf ihn

So sehr, dass wir die Knospen erbrachen,
um ihr Geheimnis jetzt schon zu erheischen.

Aber man hatte vergessen,
uns zu sagen,
dass aus entkorkten Flaschen
keine Geister mehr kommen wĂŒrden... 

Kurzarbeit

‚Im Moment reden ja alle ĂŒber die wirtschaftlichen Folgen, die wirtschaftlichen Probleme – gerade so fĂŒr die kleinen Unternehmen. Und, wissen Sie – wenn Sie mich so fragen, ja, es ist auch nicht leicht. Auch fĂŒr mich – also ich meine, so in meiner Branche.

Das mit der Kurzarbeit habe ich mir ĂŒberlegt, aber das ist nicht so einfach – Es ist ja niemand mehr unterwegs! Keiner auf der Straße, um da mal eben kurz was abzustauben!

Und das HauptgeschĂ€ft – was soll ich sagen?! Schwierig, schwierig. Wirklich! Warum mĂŒssen sie auch alle zu Hause hocken? Tun sie doch sonst auch nicht. Könnten doch so schön jetzt alle in ihre Ferienwohnungen abdampfen. Das wĂ€re was. Ja, das wĂ€re fein! Aber so? Tote Hose, sag‘ ich nur. Es stört halt doch, wenn Mutti und Vati nebenan den Pilawa gucken. Da kann man doch nicht in Ruhe arbeiten!

KĂŒrzlich dachte ich, ich könnt‘ ja jetzt auch umschulen. Immerhin habe ich doch einige Erfahrung. Ja, Fachleute werden doch gesucht, und mit gebrauchten Dingen kenne ich mich aus! Von Berufswegen, Sie verstehen?! Da wĂ€re es sicher leicht so als ZwischenhĂ€ndler fĂŒr gebrauchte GĂŒter – also knappe meine ich natĂŒrlich, knappe GĂŒter: Nudeln, Mehl, Klopapier… Also das wĂ€re super – da könnte ich direkt einsteigen. Da mĂŒsste ich bloß noch mal eben bei uns im Keller nachschauen.

Ganz einfach einsteigen, das wĂ€re mein Slogan. Einsteigen, auf so was verstehe ich mich wirklich!‘

Auf den Hund gekommen

Corona

‚Stellen Sie sich doch einfach vor, ich hĂ€tte einen Hund.‘

‚Sie haben keinen Hund!‘

‚Ja, ich sagte ja auch, Sie sollten es sich VORSTELLEN, ich hĂ€tte einen – so einen ganz kleinen. Noch ganz jungen. Habe ihn auch erst ein knappes halbes Jahr.‘

Er sah sich misstrauisch um, als suche er tatsÀchlich meinen Hund.

‚Er ist eben noch ganz jung. Nicht gut erzogen – NOCH nicht gut erzogen und daher immer unterwegs‘, ergĂ€nzte ich eifrig.

‚Aber Sie haben keinen…‘, setzte er erneut, nun aber etwas zaghafter an.

‚Ja, ja, aber wenn – wenn, dann hĂ€tte ich jetzt doch einen wirklich guten Grund, nicht wahr?‘ wagte ich einen schon fast forschen Vorstoß. ‚Wenn, dann wĂ€re es doch gar nicht weiter verwunderlich! Gerade junge Hunde mĂŒssen doch zu allen möglichen Zeiten vor die TĂŒr. Da kann man nichts machen.‘

‚Das kann man nicht‘, wiederholte er unsicher, und ich nickte eifrig.

‚Sehen Sie? Es ist ganz einfach. Mein Hund musste nun noch einmal vor die TĂŒr, da konnte ich ihn doch nicht allein auf die Straße jagen!‘

‚Nein, das konnten Sie nicht.‘

‚Eben!‘

‚Eben?‘

‚Eben drum, das konnte ich nicht, und deshalb sind wir jetzt hier.‘

‚Wir?‘

‚Ja, wir. Und wir sind ja auch gleich wieder weg. Er ist im Übrigen auch schon vorgelaufen. Ich muss mich beeilen, sonst stellt er noch was Dummes an. Er ist ja noch so klein, wissen Sie? Also dann, auf Wiedersehen! Einen schönen Abend!‘

‚Schönen Abend…‘ Verwundert blickte er mir nach, wĂ€hrend ich in der Nacht verschwand.

Freiheit

Elbe

Freiheit, das ist es, was man auf dem Boot empfindet. Grenzenlose Freiheit – Freiheit als Möglichkeit, als wĂŒrde das ganze bisherige Leben von einem abfallen. Es geht nicht mehr um die Rollen, die man bisher auszufĂŒllen bestrebt war, nicht um die Wahrnehmung oder WertschĂ€tzung der anderen diesen Rollen gegenĂŒber. Denn keine von diesen ist hier noch mit Sinn erfĂŒllt.

Auf dem Wasser, auf dem Boot mit dem Wind in den Segeln wird das Leben basaler. Es ‚einfacher‘ zu nennen, wĂ€re ĂŒbertrieben, kann es doch ĂŒber alle Maßen komplex bleiben. Aber es ist ein Leben im Hier und Jetzt – planbar manchmal nur fĂŒr wenige Stunden. Man liest die Wolken, man hofft auf gĂŒnstige Winde.

Elbe 2020

Man begreift sich als Reisender, der sich mit dem Weg befasst, das Ziel aber erst vage in den Blick genommen hat. Denn es lĂ€sst sich so eventuell gar nicht verwirklichen, vielleicht kommt alles ganz anders. Rollenkonzepte, SelbstĂŒberschĂ€tzung – wozu soll das HIER nutze sein?

All das wird einem bewusst auf dem Fluss, der zum Meer fĂŒhrt, dem man ganz unweigerlich folgt, sucht man sich selbst.