SP 2018 – Tag 4: Spiekeroog: 61. Seestern-Gedächtnis-Regatta

Der Tag der Regatta begann mit spiegelnden Goldflüssen, welche die Morgensonne, vom Meerwasser reflektiert, durch die Achterluke in unsere Kajüte sandte. Ich blinzelte ein-, zweimal in diesen vielversprechenden Morgen und schlief dann noch herrliche drei Stunden weiter. Das Frühstück nahmen wir dann bei eben dieser Frühsommersonne im Cockpit zu uns wie fast alle anderen Crews im Hafen auch. Lärm kam allein von den Schwärmen von Austernfischern und anderen Limikolen, die sich mit schrillen Rufen über die Qualität der frühen Wattwürmer zu streiten schienen, nach denen sie eifrig stocherten.

Der offizielle Teil der Regatta begann dann zur Mittagszeit mit der Steuermann-Besprechung am Spiekerooger Segelclub. Dutzende von Crews hatten sich hier eingefunden, um Strecken- und Startmodalitäten in Erfahrung zu bringen. Wir zählten zur vierten von insgesamt fünf Startgruppen. Ein blaues Band am Achterstag würde unsere Gruppe kenntlich machen. Rund 75 Boote würden an diesem Tag an der 61. Seestern-Gedächtnis-Regatta teilnehmen. Sorgfältig prägten wir uns die Regattastrecke ein und zählten uns wechselseitig immer wieder die Namen der Konkurrenz aus unserer Klasse auf. Jeder von uns konnte später ganz genau sagen, welche Boote es galt, achteraus zu lassen. Mittlerweile hatte auch mich das Wettkampffieber gepackt, auch wenn ich sonst wenig von solchen Sportereignissen halte. In dieser Hinsicht, ich gebe es zu, nagt immer noch das Trauma des Schulsports an mir. Wenn man zu denjenigen gehört hatte, die der Lehrer beim Wählen der Mannschaften schlussendlich zuteilen musste, ist die spätere Begeisterung für Wettkämpfe welcher Art auch immer sehr, sehr übersichtlich.

Regatta-Kurs 2018
Regatta-Kurs 2018

Unser Startfenster war 13.50 Uhr. Christian bestimmte einen Zeitbeauftragten, und die Stoppuhr wurde gespitzt. Schließlich liefen wir zusammen mit all den anderen Booten aus. Das Fahrwasser vor Spiekeroog füllte sich mit mehr und mehr bunten Segeln. Eine Weile lang galt es für uns noch hin und her zu kreuzen, die Uhr fest im Blick, dann kam unser Startsignal. Als der Blitzknall sein Rauchwölkchen an den Himmel zeichnete, waren wir mehr als bereit, und ein Pulk von Booten schoss zeitgleich zur Startlinie – und eines von Steuerbord her quer in die gesamte Gruppe hinein. Ein großer Tumult brach aus ob dieser rowdiehaften Wildsegelei. Gebrüll, hektische Wenden, noch mehr Gebrüll. Ich verlor den Überblick in all dem Chaos. Jemand hätte das Startschiff gerammt, hieß es. Ich verdrehte mir den Hals danach, konnte aber nichts erkennen. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass wir mittlerweile und trotz allem längst auf der Wettkampfstrecke unterwegs waren. Christian, wie immer einen kühlen Kopf bewahrend, hatte uns sicher ins Rennen geschickt, und unsere erste Regatta konnte beginnen.

‚Meine erste Regatta‘, beim Abendessen in Aachen, als ich mir die Sache das erste Mal richtig durch den Kopf gehen ließ, klang das noch verdächtig nach, ‚mein kleines Pony‘. Sicher, bereits zu diesem frühen Zeitpunkt war mir klar, dass das sicher alles andere als ein rosaroter Kleinmädchentraum werden würde. Und ein wenig hatte ich unseren Skipper schon im Vorwege bedauert, war ich mir doch sicher, dass eine gute Platzierung, auf die er bestimmt spekulierte, mit uns als Mannschaft – nun, sagen wir es nett – herausfordernd werden würde. Und nun waren wir schon mittendrin.

Am Vormittag hatten die Nachbarcrews alles Mögliche von ihren Booten auf den Steg geschafft, um das Gewicht ihrer Schiffe für die Regatta zu optimieren. Diverse Bierkästen und Spirituosenflaschen vom Vorabend tauchten dort auf, und wir witzelten später darüber, ob wir nicht doch besser noch den Anker von unserem segelnden Wohnwagen abmontieren und zu Pütt un Pann auf den Steg legen sollten. Doch war unsere „Helgoland Express“ gar nicht auf solcherlei Spielereien angewiesen. Zuverlässig und gewandt segelte sie nun mit uns von Wendeboje zu Wendeboje, sich gut im Feld der Kontrahenten machend.

Spiekeroog, Regatta 2018
Spiekeroog, Regatta 2018

Die Crew hielt derweil die Augen offen nach der „Grauen Maus“ und dem „Buttpedder“ – der Konkurrenz aus unserer Klasse. Beide erspähten wir schon nach der ersten Wende weit abgeschlagen achteraus. Juhu, wir lagen vorn! Meine Aufmerksamkeit wurde zunehmend vom bunten Treiben um uns herum in Beschlag genommen. Immer wieder schossen kleinere Boote quer, und Christian nutzte gleich zweimal den Luxus einer Fahrtenyacht – das Schiffshorn – um die Crews entsprechend wildsegelnder Boote an ihre Ausweichpflicht zu erinnern. Die einen merkten es schnell, als sie aufgeschreckt unter ihrem Segel hervorlugten. Die anderen gar nicht. ‚Sind halt keine großen Guckis‘, kommentierte unser Skipper die Lage nach erfolgreichem Ausweichmanöver unsererseits.

Insgesamt war ich als völliger Regattaneuling sehr erstaunt, dass uns auf einigen Teilstrecken so viel Zeit blieb, das Geschehen rund ums eigene Boot so genau zu studieren und die Fahrt in der Sonne auch entspannt zu genießen. Ich hatte mir das Ganze wesentlich hektischer vorgestellt. Dass es das durchaus auch sein konnte, erfuhren wir später, als unser Bootsnachbar am Steg stolz verkündete, er hätte nur sechsmal das Segel wechseln müssen auf dieser Strecke. Wir dagegen schafften es ohne Wechsel des Segelkleids und vorheriger Zwangsdiät des Schiffsbauches und freuten uns über herrlichstes Segelwetter. Sonne satt. Der Fahrtwind kühlte auf den Am-Wind-Strecken, raumschots baumten wir die Fock aus, und ich schaute mich an den bunten Spis und Gennakern um uns herum satt. Besonders hübsch anzuschauen waren auch die Teilnehmer des letzten Startfensters – einige Plattbodenschiffe mit den typisch roten Segeln über Vollholzrümpfen. Wieder einmal bedauerte ich zutiefst, dass ich von Papas Tischlerfertigkeiten aber auch so gar nichts geerbte hatte, sonst stünde die Entscheidung für das Traumboot längst fest.

Spiekeroog, Regatta 2018
Spiekeroog, Regatta 2018

Der schönste Zuschauer der Seestern-Gedächtnis-Regatta auf Spiekeroog: ein Seehund, der sein Köpfchen neugierig aus dem Wasser reckte und das lustige Treiben der schnellen Boote mit den bunten Segeln zu begutachten schien. Hätte er gekonnt, ich bin mir sicher, er hätte sicher sein Köpfchen darüber geschüttelt. Wozu die Eile? Es ist doch Wasser genug für alle da…

Zwei Runden waren zu absolvieren: von der Startlinie aus nach Süden gen Neuharlingersiel, eine Wende zurück nach Norden gen Spiekeroog, eine Wende und westwärts gen Langeoog und zurück zum Startschiff für die nächste Runde. Es gab so viel zu sehen, dass die Zeit wie im Flug verging. Sylke stand am Ruder und manövrierte uns sicher durch das Geschehen. Eine der besten Gelegenheiten, diverse Ausweichregeln zu repetieren. Als besonderes Schmankerl navigierte auch noch die Fähre zwischen Insel und Festland durch das dichte Feld der Segelboote oder besser, dies um besagte Fähre drum herum.

Und dann wurde es spannend: die Ziellinie kam in Sicht, die Startnummer wurde an Deck geholt und gleich – da drängte uns doch glatt das grüne Boot, das uns schon einige Male während der Regatta frech nahegekommen war, auf den letzten Metern ab, schob sich vor uns und durchs Ziel. Gute Seemannschaft geht anders! ‚Hey, hallo!‘ das war der Moment für echte Entrüstung, aber Christian riet zur Ruhe. Und ja eigentlich war es auch egal, denn sie segelten nicht in unserer Klasse, und von Mäusen und Plattfischpiekern hatten wir schon seit gefühlten Stunden nichts mehr gesehen. Also Startnummer hochgerissen und rein ins Ziel. Das war’s. Juhu! Gefühlt hatten wir auf alle Fälle schon mal gewonnen.

Ich löste Sylke am Ruder ab, nun ging es nach Hause in den Hafen – zusammen mit allen anderen. Wir drehten eine Orientierungsrunde durchs Hafenbecken. Ja, der Liegeplatz war noch frei – gleich neben den Bierkästen und dem anderen Krams vom Nachbarboot. Also Segel bergen, Motor an und rein in die gute Stube. So ging ein weiterer herrlicher Segeltag langsam zu Ende.

Auf dem Plan stand nun als nächstes das wohlverdiente Abendessen: Kartoffelgratin, Grillkäse, Salat und für die Nichtvegetarier ein Hühnerbein. Das Ankerbier wurde an diesem Abend um ein wohlverdientes zweites ergänzt. Satt und zufrieden harrten wir der Siegerehrung, die im Segelclub am selben Abend noch stattfinden sollte. Das Ereignis war für 21 Uhr angesetzt. So wogen wir uns schon vor Beginn in der Gewissheit, dass dies nur ein kurzes Gastspiel unsererseits auf dem Regattaball werden würde, denn für den nächsten Tag stand die Heimreise und damit das Auslaufen mit dem Morgenhochwasser schon fest. Das hieß, um fünf Uhr würden wir wieder losmachen müssen. Also wie viele Stunden Schlaf? Es gibt Momente im Leben, da rechnet man lieber nicht so genau… Egal, bis dahin war es ja noch etwas Zeit. Grund genug, ein wenig stolz zu sein, hatten wir allemal. Immerhin waren wir keine jahrelang eingespielte Crew, sondern gerade mal drei Tage zusammen auf dem Wasser unterwegs, und unsere „Helgoland Express“ war sowieso eine Kuriosität für sich im flachen Wattfahrwasser. Also: freuen – jetzt!

‚Das war Können!‘ schallte ein bereits deutlich angetrunkener Ruf aus den hinteren Reihen, als die Regattaleitung kritisch das Tohuwabohu ansprach, das unsere Startsequenz so durcheinander gewirbelt hatte. Die Preisrichter hoben ob dieser Uneinsichtigkeit missbilligend die Augenbrauen. Allgemeines Kopfschütteln. Dann ging es endlich an die Preisverleihung.

Spiekeroog, Regatta 2018
Spiekeroog, Regatta 2018

Für uns gab es dann noch eine unerwartete Überraschung, wies doch unsere Bootsklasse plötzlich zwei weitere Mitstreiter auf, die bei der Steuermann-Besprechung noch nicht auf dem Plan gestanden hatten. Und auch wenn wir deutlich schneller als Mäuse und Plattfischpiecker gewesen waren, hatte man uns zu guter Letzt in Gemeinschaftsarbeit doch noch überholt. Der Skipper der „Teamwork“ strahlte ins Publikum, und Christian kehrte etwas irritiert mit Silberschiffchen und der aus dem Geschenkeboot geangelten Dose Isolierspray an unseren Tisch zurück. Wir witzelten darüber, wer letztere wohl als erstes auf seinem Kaminsims würde drapieren dürfen, fotografierten eifrig unser Schiffchen, reichten es von Hand zu Hand und freuten uns über unsere Platzierung. Als die Regattaleitung schließlich die Tanzfläche freigab und wie aufs Stichwort die Liedzeile „Verstand über Herz“ erklang, nahmen wir selbige wörtlich, machten uns auf den Weg zurück zum Boot und zu einer viel zu kurzen Nacht.

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SP 2018 – Tag 2: Cuxhaven – Spiekeroog

Leider kann Freiheit auch bedeuten, dass einem schlecht wird und zwar so richtig schlecht. Das traf fast die ganze Crew auf dem ersten langen Schlag dieser Reise von Cuxhaven nach Spiekeroog. ‚So ist das also, wenn man seekrank ist‘, dachte ich noch und dann hing ich auch schon über der Reling. Gut nur, dass ich noch nicht allzu viel gegessen hatte an diesem Tag, der nach einer sehr kurzen Nacht morgens um vier im Amerikahafen in Cuxhaven begonnen hatte. Wir hatte Westwind und mussten also aus der Elbmündung gegen an. Wind gegen Strom baute einen entsprechenden Seegang auf, der sich nun lustig mit der Dünung der vorherigen Stark-Wind-Wettertage mischte. Hart schlug unsere „Helgoland Express“ immer wieder in das eine oder andere Wellental. Mit Schaudern erinnerte ich mich an Hendriks Erzählung vom Vortag. Sechs Meter wären die Wellen hoch gewesen bei seiner letzten Regatta. Diese hier schafften es gerade mal auf einen und schon das war mir mehr als genug.

An Backbord zogen mittlerweile all die gefürchteten Untiefen der Deutschen Bucht vorüber. Über Scharhörnriff brodelte und schäumte das Wasser. So hoch türmten sich dort die Grundseen, dass ich zunächst glaubte, weiße Dünen an Land zu sehen. Schon seltsam, was dieses Meer uns alles zu zeigen vermochte. Stundenlang starrte ich übermüdet auf seine Wellen und verstand sehr bald, wie all das Seemannsgarn von Monstern aus der Tiefe in früheren Jahrhunderten hatte gesponnen werden können. Sahen nicht viele der Wellenberge aus wie die Buckel unbekannter Tiere, die sich vor uns aus dem Schoße des Meeres erhoben? Das Meer hat so viele Gesichter. Immer wieder zeigt es uns, wie klein und unbedeutend wir doch sind. Eine 43-Fuß-Yacht ist nichts nach seinen Maßstäben. Bei einem Vortrag, den ich kürzlich beim Tag der offenen Tür beim BSH in Hamburg hören konnte, zeigte der Referent unter anderem ein Video von einem Kreuzfahrtschiff auf hoher See. Seitdem weiß ich, was ‚das Rollen eines Schiffes‘ bedeutete und dass ich diese Erfahrung lieber nicht so bald am eigenen Leib machen wollte. Sehr passend dazu ein Song von Jonny Glut aus dem „Old Laramie“, das wir auf dieser Reise auch noch kennenlernen würden: „Odysee“ – oh, die See – Sehnsuchtsort, Fernwehort – Freiheit, Herausforderung – körperlich, geistig, seelisch. Etwas, von dem man nicht mehr lassen konnte, wenn es einen gepackt hatte, auch wenn es manchmal besser wäre.

Gott sei Dank, bewahrheitete sich an diesem Tag noch eine weitere Seglerweisheit: Steuern hilft! Die nächsten Stunden waren also gerettet. Unser Kurs hieß ‚hoch am Wind‘ – so konnte man also auch navigieren…

Die Nordergründe hatten wir zwischenzeitlich hinter uns gebracht – noch so eine sagenumwogene Untiefe. Wie viele Wracks waren dort auf unserer Seekarte verzeichnet? Entschieden zu viele, aber wir kreuzten sicher über ihre letzten Ausläufer hinweg. So viel Tiefgang, dass sie uns gefährlich werden konnten, hatten wir dann, Gott sei Dank, doch nicht.

Am späten Nachmittag tauchte vor uns endlich ein langer weißer Sandstrand auf. Nach einem sehr langen Tag, mit wenig Schlaf und Essen, dessen Reste die meisten von uns auch glücklich über Bord befördert hatten, waren wir alle froh, endlich anzukommen. Wir froren alle. Inklusive Ölzeug trug ich an diesem Tag alles, was mein Zwiebelschalenschichtmodell herzugeben vermochte. Trotzdem war mir eiskalt – trotz der neuen Seestiefeln, dichten wohlgemerkt, und allem… Dabei war es nur bewölkt, kein Regen, nur viel scheinbarer Wind von vorn. Wie herrlich also, dass endlich diese Insel, das lang ersehnte Ziel, in Sicht kam. Aber von wegen Spiekeroog! Wir waren durch den Strom ein gutes Stück östlich versetzt worden und schauten nun also auf die Ausläufer von Wangerooge statt auf die von uns ersehnte Insel. Bis zum Spiekerooger Hafen war also noch ein gutes Stück Weg zurückzulegen. Immerhin weckte die Aussicht auf den Endspurt in uns die noch verbliebenen Lebensgeister, und wir boten entschlossen alles auf, um gegen Wind und Strom voranzukommen. Später, als wir unseren Track in der Aufzeichnung auf dem Plotter noch einmal anschauten, wurde schnell klar, warum Christian auf die wiederholte Frage, wie wir denn vorankämen, gesagt hatte: ‚Frag‘ besser nicht.‘ Die ersten Kreuzschläge machten nicht mal eine lumpige Seemeile gut. Es wäre nicht übertrieben festzustellen, dass das Kreuzen gerade noch so verhindert hatte, dass wir rückwärts trieben. Sylke hatte da von Anfang an so einen Verdacht, und so suchte sie am Strand vor uns nach einem Wegpunkt, der uns erkennen lassen könnte, ob wir uns denn relativ zu diesem überhaupt in die gewünschte Richtung bewegten. Sie fand das Gesuchte im parkenden Traktor des Küstenschutzdienstes. Dumm nur, dass sich dieser ausgerechnet in jenem Augenblick selbst wieder in Bewegung setzte, als wir meinten, wieder etwas Fahrt aufgenommen zu haben.

Glücklicherweise wurden unsere Kreuzschläge schließlich tatsächlich wieder länger, und langsam, aber sicher erreichten wir so das Westende von Wangerooge. Und nun? Wie weiter? Der ursprüngliche Plan war ja gewesen, nördlich an Spiekeroog vorbei zu segeln und dann mit der Flut über die Barre an der Otzumer Balje ins Seegatt – doch das war, wohlgemerkt, der Plan gewesen, als wir noch meinten, Spiekeroog direkt anzulaufen und nicht mit knapper Not die Insel nebendran zu erwischen.

Das Zeitfenster, das uns die Tide vorgab, war mittlerweile so eng, dass unser Skipper – Zahlen und Daten sicher im Kopf – eine Alternative ertüftelte. Lieber doch nach Süden und dort durchs Wattfahrwasser. Aye, aye! Also vorn rum um die Spitze von Wangerooge und dann bloß gut klar halten von der Gefahrentonne, die – wo noch mal genau? – ah, da – ohh, daaa!!! – eine viel zu weit ins Fahrwasser hineinragende Buhne markierte, fast so als strecke Wangerooge klammheimlich unter dem Tischtuch der Nordsee die Hand nach der Nachbarin aus. Nur gut, dass wir mit Christian einen Ortskundigen an Bord hatten. Wir wären nie im Leben darauf gekommen, dass man so etwas so bauen würde. Zwangsläufig ein klares Hindernis für alle Revierneulinge – und eine sichere Methode den Touristenzustrom vom Meer her auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren… Doch war der aufregende Teil der Reise damit noch keineswegs zu Ende, sondern fing gerade erst an.

Wattfahrwasser bei Spiekeroog 2018
Wattfahrwasser bei Spiekeroog 2018

Die Fahrt durchs Wattfahrwasser war ein Erlebnis für sich. ‚Kreuzen geht hier nicht‘, lautete die klare Ansage von unserem Skipper und, ‚es gibt da ’ne Stelle, da stehen in der Karte zehn Zentimeter.‘ Schluck! Unsere Blicke waren in den folgenden Stunden quasi am Lot festgeschraubt. Nur ab und an schauten wir auf und hinüber zu den wiegenden Pricken im Watt. ‚Damit die Seehunde auch mal…‘ Nur hoffentlich nicht gerade jetzt unter unserem Kiel, wo wir sowieso gerade so wenig Wasser hatten, andererseits konnte natürlich jeder Tropfen helfen… Selten hatten wir auf diesem Törn den Kurs so eisern eingehalten wie hier. Immerhin hatte unsere Gib Sea einen Tiefgang von 1,70 m und auch wenn wir alle nur zu gerne endlich im Hafen von Spiekeroog einlaufen wollten, welches sich nun scheinbar endlos steuerbords an uns entlang zog, so wollten wir doch eben gerne auch in einem Stück ankommen und nicht die Hälfte hier auf den Sänden zurücklassen. Christian dirigierte unsere Steuerfrau beharrlich an den ostfriesischen Salzwasserbirken vorbei, wie Martin sie so schön getauft hatte. Dann kam besagtes Flach. Christian unter Deck am Plotter, ich am Lot, Sylke am Steuer: 2,70 – 2,50, – 2,30 – 2,20 – 2,30 … Geschafft. Wir hatten unsere Handbreit Wasser unter dem Kiel behalten.

Ich weiß gar nicht mehr, wer von uns an diesem ersten Tag auf Spiekeroog angelegt hat. Wohl weiß ich aber noch, wie erstaunt wir alle waren, den kleinen Hafen bereits so gut belegt vorzufinden. Boote aller möglicher Klassen lagen dort schon an den verschiedenen Stegen: Jollenkreuzer und Plattbodenschiffe, Contender und Laser auf dem Schlick dahinter.

Spiekeroog Hafen, Mai 2018
Spiekeroog Hafen, Mai 2018

Sehr genau erinnere ich mich auch an die heiße Dusche in der Marina – endlich war mir wieder warm. Dann ab in die Koje für ein halbes Stündchen, aus dem beinahe die ganze Nacht geworden wäre, hätten die anderen uns nicht geweckt, wollten wir doch noch alle zusammen essen gehen. Gesagt getan. So ein Hunger! Im lokalen Fischrestaurant schmauste ich gebackenen Schafskäse mit Tomaten und Oliven – sehr lecker. Wären wir nicht so müde gewesen, es hätte noch ein lustiger Abend an Land werden können. Doch allen stand der Sinn nur nach ihren Kojen und so setzten wir wenig später fort, was vor dem Essen schon so vielversprechend begonnen hatte. Unser Schiff lag schließlich so weich im Hafenschlick wie wir in unseren Kojen.

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