Erst gute zwölf Stunden später kehrte wieder das Leben auf unser Schiff zurück, das nun leise gluckernd aus seinem Schlammbett wieder aufschwamm. Nie hätte ich vermutet, dass unser 1,70-Kiel einfach so im Schlick würde untergehen können. Vor dem inneren Auge hatte ich beim Gedanken ans Trockenfallen schon der Reihe nach umgekippte Yachten im Hafen vor mir liegen sehen. Allerdings riet mir meine innere Stimme nun auf Grund der jüngsten Beobachtung auch eindringlich vom Wattwandern in diesem Gebiet ab – 1,70 war der Tiefgang unserer Yacht, ich war 1,75 groß…

Zum Geschrei der Austernfischer nahmen wir ein opulentes Frühstück im Cockpit ein. Und während am Strand die Limikolen auf ihren Stockbeinchen Wattwürmer pickten, verschlangen wir Brötchen um Brötchen. Strahlender Sonnenschein zeigte uns Hafen und Insel von ihrer schönsten Seite. Der Landgang führte uns zuerst zum Supermarkt um die Ecke zwecks Aufstockung unserer Vorräte. Dort trafen wir so ziemlich alle anderen Crews der Nachbarboote wieder. War klar oder?

Spiekeroog Ort 2018
Spiekeroog Ort 2018

Gleich am ersten Deich schossen wir auch einen Fasan – Martin ergatterte das beste Foto, ich bekam ihn gleich dreimal vor meine Linse. Scheu waren die Tiere hier wirklich nicht. Von wegen Fluchtdistanz… Danach führte uns unser Weg durch ein Blumenmeer an verschieden farbigen Rhododendronbüschen und duftenden Heckenrosen in ein verträumtes Dorf mit Reetdachhäuschen und Straßencafés. Ein Postkartenmotiv nach dem anderen bot sich uns so dar. Das einzige, das hier durch die Gassen flitzte, waren Fahrräder, denen man auch besser auswich, denn die Abwesenheit von Autos reizte sie offensichtlich zu den kühnsten Manövern – Bierbauch hin, Bierbauch her. Unterwegs trafen wir Christian, der sich fürsorglich erkundigte, ob wir denn auch schon den Strand gesehen hätten. Hatten wir nicht, wollten wir aber unbedingt. Die Richtung war klar – hey, wir waren auf einer Insel, wie weit konnte das Wasser da schon sein? Weiter, wie wir bald merkten.

Spiekeroog Ort 2018
Spiekeroog Ort 2018

Zwischenzeitlich hatten wir den Eindruck, durch Nachbars Garten zu schleichen, wurden die Fußwege durch den Ort doch schmal und schmaler. Eine Katze räkelte sich faul zu unseren Füßen. Wohin so eilig, schien sie zu fragen, und man konnte es ihr angesichts der Ruhe in diesem Ort auch nicht verdenken. Unser Zeitplan allerdings war immer noch tidenabhängig. Mittags wollten wir zum Regattatraining auslaufen, also flux noch schnell zum Strand. Allerdings mussten wir feststellen, dass mit ‚flux‘ hier nichts zu reißen war. Wir kamen in einen breiten Dünenstreifen. Auf dem höchsten dieser norddeutschen Gipfel angelangt, erspähten wir den Strand in für unseren Zeitplan unerreichbarer Ferne. Erst viel später an diesem Tag würden wir ihn dann tatsächlich zu Gesicht bekommen, wenn unser Weg dem Larimie-Reiter folgen würde.

Das Regattatraining war Spaß pur. Zwölf Stunden Schlaf hatten uns zu neuem Leben erweckt – und dann die Sonne, ein frischer Wind für unsere Segel, was wollten wir mehr? Im Fahrwasser vor Spiekeroog tummelten sich bereits die verschiedensten Boote. Kleine Jollen, Contender, in deren Trapezen die sportliche Jugend hing, Jollenkreuzer und bald auch unser besegelter Wohnwagen. Für einen Wohnwagen waren wir allerdings ganz schön flott unterwegs.

Wir nutzten die Gelegenheit, verschiedene Segeltypen auszuprobieren. Den Anfang machte der Gennaker, dessen Stoff verheißungsvoll wie Geschenkpapier raschelte, als wir ihn hochzogen. Einmal voller Wind zog er uns in rauschender Fahrt über das Wasser. Juhu, was für ein Spaß! Leider erwies er sich letztlich aber doch als zu unhandlich. Unser Kurs würde ein stetiges Einholen und Neusetzen erfordern – ja, kann man machen – allerdings würden wir dafür definitiv mehr Übung brauchen, als wir derzeit aufweisen konnten. Zumindest für Alexander und für mich war es schließlich das erste Mal, dass wir mit dieser Art Segel arbeiteten, vielleicht nicht die beste Voraussetzung für die Nutzung desselben bei der Regatta am nächsten Tag. Christian seufzte bei derselben Erkenntnis in sich hinein. Doch glaube ich, hatte er seiner Crew diese Schwäche bald wieder verziehen – spätestens als wir alle ganz entspannt am nächsten Tag beobachten konnten, wie andere Crews mit ihren Segeln kämpften. Da wurde gebrüllt und wie wild an den Fallen gezerrt. Wild schlagende Segel, hinter der Fock verkeilte Gennaker – wir bekamen alles zu Gesicht – am schönsten war der Knoten in einem knallroten Gennaker am Nachbarboot – klarer Fall von Schadenfreude. Alle ließen wir hinter uns.

Auch die Genua probierten wir aus und verstauten sie dann wieder wohlweislich in der Backskiste. Mit der simplen Fock würden wir im Wortsinn am besten fahren. Mag langweilig klingen, aber manchmal sind die einfachsten Dinge auch die besten.

Viel zu früh drängte uns die Tide an diesem Tag wieder zur Heimfahrt in den Spiekerooger Hafen. Ohne sie wären wir sicher einfach immer weiter gesegelt, aus purem Spaß an der Freude. Auf dem Rückweg lernte ich dann auch zum ersten Mal kennen, was die Leute als Hafenkino bei anderen genießen und bei sich selbst so zu fürchten scheinen. Hafenmanöver stehen bei Roberts Skippertrainings immer ganz oben auf der Wunschliste der verschiedenen Teilnehmer. Noch kaum einer, der oder die mit uns zu diesen abendlichen Lektionen in den Köhlfleet gesegelt war, hatte nicht schon gleich beim An-Bord-Kommen verkündet, er oder sie wolle Hafenmanöver fahren üben. Gut, haben wir gedacht, kann man machen, ist wichtig, aber Segelmanöver sind trotzdem viel spannender und lustiger. Warum nur wollten all diese Leute die wenigen schönen Stunden auf dem Wasser motorend direkt am Steg verbringen?!

Klar, um das Folgende später dann möglichst zu vermeiden. Tags zuvor hatten wir es mit noch ausreichend Platz gut rückwärts in unsere Box geschafft. Der Plan sah vor, das an diesem Nachmittag zu wiederholen. Leider wurde daraus nichts – weder das mit dem gut noch das mit der Wiederholung überhaupt. Frustriert stellte Martin am Ruder fest, dass unsere „Helgoland Express“ doch eher der Wohnwagen unter den Segelbooten war. Zu träge, um den Bewegungen des Steuers unmittelbar zu folgen, schafften wir den notwendigen Bogen in die Box nicht – zur großen Freude und Belustigung der Crews in den Cockpits der Nachbarboote. Wie war das noch mal gleich mit der Schadenfreude?! Christian blieb cool, bot die Spottmäulern Popcorn an und dirigierte Martin dann mit geänderter Taktik sicher und problemlos vorwärts in die Box hinein. Geschafft! Das Anlegerbier hatten wir uns heute wirklich verdient!

Nachdem wir etwas später dann mit segelertypischem Heißhunger das Abendessen auf dem Boot vertilgt und das Töpfe-Tetris nach dem Abwasch beim Klarschiffmachen schließlich gewonnenen hatten, wartete an diesem Abend noch eine schöne Überraschung an Land auf uns. Die Sonne ging glutrot über der Insel unter und voller Glut sollte es danach noch etwas weitergehen. Zu Fuß machten wir uns auf zum letzten Haus am Westende der Insel – last homely house, sozusagen – immer entlang der Schienen der alten Pferdebahn. Christian erklärte, dass der Fähranleger noch gar nicht sehr lange so nah am Dorf lag, sondern früher die Touristen notwendig auf eben jene Pferdebahn angewiesen waren, um vom westlichen Fähranleger zu ihren Ferienwohnungen im Dorf zu gelangen.

Blaue Stunde
Blaue Stunde

Es dämmerte bereits, als wir nach diesem Spaziergang immer zwischen Salzwiesen und Deich entlang endlich unser Ziel erreichten. Eine Schlange Wartender am Eingang verriet uns, dass wir aber keineswegs zu spät gekommen waren. Das „Old Larimie“ lud erst ab 21 Uhr zum Konzert, von welchem wir bis dato noch gar keine Ahnung hatten. Kurzentschlossen bogen wir an dieser Stelle noch einmal ab, nutzten die Gelegenheit und Christians Ortskundigkeit, um doch wenigstens noch einmal den Strand zu sehen. Wir kamen, sahen und – waren baff. Vor uns lag ein endloser weißer Sandstrand, dahinter das Watt, auf dem einige Kurzkieler trockengefallen waren. Deren Crews saßen nun gemütlich bei kalten Getränken in vereinzelten Grüppchen verteilt und plauderten sich in die beginnende Nacht. Wie gemalt lag diese Szenerie nun vor uns zur schönsten blauen Stunde. Die Ankerlichter der Yachten erschienen als lockende Irrlichterchen im Watt, und wir folgten ihnen willig. Fast schon magisch erschien die Landschaft um uns herum. Wir sogen diese Bilder tief in uns auf. Freiheit – hatte ich das schon erwähnt? Was konnte es Besseres geben…

Wir witzelten über die Mädelscrew, die ein neues Trinkspiel auf dem Watt erfunden hatte – sehr zur Freude des mitreisenden Schiffshundes, der hechelnd von einer zur anderen wetzte. Angefüllt mit den schönsten Seebildern kehrten wir schließlich zu unserer Verabredung im „Old Larimie“ zurück. Dort war es mittlerweile richtig voll. Jeder Quadratzentimeter – man mag es in Norddeutschland ja gar nicht sagen, aber – des Biergartens war voller feiernder Menschen. Alle Altersstufen waren vertreten und, wie unschwer an den Klamotten festzustellen, nicht wenige davon Segler. Wie alle bestellten auch wir Bier, gesellten uns dazu und nur wenig später sang ich mit wachsender Begeisterung die eingängigen Refrains der Lieder von Jonny Glut mit, der sich an diesem Abend mit seiner Band die Ehre auf der Bühne der Kneipe gab und von dessen Musik Christian so schön gesagt hatte: ‚ Entweder man hasst es, oder man liebt es, aber es ist nur schwer zu ignorieren.‘ Wie passend nach den Erfahrungen des Vortrages erschien mir dort nun die Mal um Mal intonierte „Odysee“. Alexander witzelt seitdem über einen neuen Fankult meinerseits, aber was soll’s, ich fand’s toll!

Um elf wurde dann eine Pause angekündigt, die wir ungern, aber doch für den Aufbruch nutzten. Schließlich wollte unser Skipper am nächsten Tag mit uns eine Regatta segeln. Schweren Herzens, aber doch auch beschwingt, verließen wir also diese urige Stätte, die mehr wie ein Strandgut wirkte, denn wie eine echte feste Behausung. Sylke lichtete noch eben den am Dachbalken vor sich hin vegetierenden Scheinwerfer ab, während sich die helfenden Hände am Bierausschank selbst zuprosteten. Wer sagte, dass Arbeiten nicht auch Spaß machen durfte? Mit dem einen oder anderen Ohrwurm auf den Lippen machten wir uns also auf den Weg zurück zu unserem Schiff. Auch wenn ich dort keine einzige Münze in irgendwelches Wasser geworfen hatte, wie man in Rom und anderswo ganze Brunnen fürs Stadtsäckel füllte – so hatte ich doch längst fest beschlossen, dass ich hier unbedingt noch einmal wieder würde herkommen müssen. Schließlich hatten wir alle spätestens seit diesem Abend ’noch Sand in den Schuhen von Spiekeroog…‘

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