SKS 2018: Smutjes Zauberkünste

Kombüse "Hamburg Express"

Wasser kochen könne er, verkündete er grinsend in der Runde am ersten Tag. Ich hielt wohlweislich meine Klappe. Kochen war wirklich nicht meine Stärke und sicher auch alles andere als mein Interesse. Diese Woche galt es aber, dass jeder alles einmal machen musste. Insbesondere sollten wir lernen, was wir noch nicht konnten. So war ich froh, dass es einen anderen traf, Lehrling des Smutjes zu werden, doch saß auch ich irgendwann artig unter Deck, Gemüse und Salat schnippelnd.

Smutjes Zauberkünste
Smutjes Zauberkünste

Alex und Folker übernahmen dabei gleichermaßen die Rolle der Ausbildungsleiter in der Kombüse der „Hamburg Express“ und verwandelten zuverlässig unseren 300Euro-Einkauf Tag für Tag in extrem leckere Gerichte.

Fliederbeersuppe. Birnen, Bohnen und Speck. Sogar den gefürchteten Schwarzsauer entdeckte ich staunend auf der Speisekarte des „Kleinen Heinrich“ in Glückstadt – einem wunderschönen Restaurant am Marktplatz – nur für große Leute wie unseren Zweimeter-Fred etwas herausfordernd in der Architektur der verbauten Stützbalken.

"Der Kleine Heinrich", Glückstadt
„Der Kleine Heinrich“, Glückstadt

Der Rest der Crew war hellauf begeistert, waren sie alle doch auf der Suche nach norddeutscher Küche hierher geströmt – und ja, genau das gab es hier, regionale Küche der feinsten Art. Liebe Mama, dies ist ein Eintrag für Dich. In einem anderen Leben hättest Du mit Deinen Kochkünsten ein Restaurant eröffnen können, wer hätte das gedacht? In dieser Speisekarte jagte also ein Kindheits-Déjà-vu das nächste. Zugegebenermaßen hängt mein Herz nicht gerade an diesen Gaumenfreuden – außer natürlich an Bratkartoffeln und Bauernfrühstück und, nicht zu vergessen, am Milchreis. Trotzdem kann dem „Kleinen Heinrich“ auch für den dort angebotenen Gemüseteller ein uneingeschränktes „Lecker!“ verliehen werden.

SKS 2018: Spielen I

Unterelbe

Der Logbuch-Eintrag für die Stunden, in denen wir den Volvo-Motor der „Hamburg Express“ in allen Einzelheiten unter die Lupe nahmen, lautete „Badespaß“. Unser Skipper of the day war da wohl etwas zu optimistisch gewesen. Ja, die Jungs testen auch an diesem Tag den Fluss am neuen Ankerplatz auf seine Badequalitäten hin – und, hey, wie oft kam es schon vor, dass die Elbe Mittelmeertemperaturen aufwies?! Dennoch erschienen sie alle bald artig unterdecks zur nächsten Lerneinheit. Ich war erstaunt, sie alle plötzlich bei uns im Salon auftauchen zu sehen, hatten wir zwecks Motorenkunde doch schon vor einer Weile den Niedergang hochgeklappt und damit den Weg vom Cockpit aus versperrt. Durch die Bugluke waren sie alle hereingekrabbelt, der SKS-Törn hielt uns also in jederlei Hinsicht fit. Nun ging es aber erst einmal um die Beweglichkeit unseres Denkvermögens, mit welchem wir den Windungen des Volvos zu folgen versuchten.

Motorenkunde
Motorenkunde

Rafael war ganz begeistert davon. Von Berufswegen quasi mit diesen Dingen – wenn auch nicht gerade mit Bootsmotoren, wie er beteuerte – vertraut, inspizierte und erklärte er uns die Bestandteile und das Zusammenwirken von dem, was sich uns übrigen im Wesentlichen als grüner Monolith präsentierte. Sieben Leute hockten schlussendlich auf dem Boden vor der Maschine und suchten die Teile, die Rafael aufzählte. ‚Ah, weiche Rohre, da muss Wasser durchfließen. Ja, hier und hier. Da zum Wärmetauscher, dort die Impellerpumpe.‘ Christian hielt uns wohlweislich das passende Ersatzteil vor die Nasen, das namentlich immerhin sogar mir schon aus den Theorieprüfungsfragen bekannt war. Andere Leute machen Urlaub…

‚Feste Rohre, das muss der Dieselzulauf sein.‘ Rafaels Begeisterung für die Materie war direkt ansteckend. Schlussendlich machten wir alle Fotos von dem grünen Ding, als wäre es eine neue Touristenattraktion auf unserem Törn. Flugs waren auch die Seitenverkleidungen in den beiden Achterkabinen entfernt und schon bot sich uns unser Volvo manierlich von allen Seiten dar.

Im Nachhinein erinnerte mich unser Treiben ein wenig an die Physikstunden in der Mittelstufe. Unser Lehrer, den wir alle respektvoll „Tüddel“ nannten, hatte einen Faible für Versuchsaufbauten. Regelmäßig erkor er jemanden aus unseren Reihen, der dann ratlos am großen Experimentiertisch vor dem Rest der Klasse stand und irgendwelche ominösen Schaltkreise zusammenbauen sollte. Jetzt hingegen experimentierten wir wissbegierig sozusagen am lebenden Objekt, suchten Seeventile, Einspritzpumpe, Filter…

Wenig später an diesem Tag waren wir alle dann heilfroh, dass im Gegensatz zu vielen Manöverübungen der vergangenen Tage unser Skipper beschloss, dass eben jener Motor ganz einwandfrei funktionierte. Als wir nach unserer Technik-Bastelstunde wieder an Deck kamen, stellten wir fest, dass sich am Horizont eine beachtliche Wolkenfront aufgebaut hatte, die es ganz eindeutig in unsere Richtung zog. Sehr untypisch für Christian blieben die Segel unten, und wir motorten, so schnell es ging, zurück nach Glückstadt. Auf diesem Stück lernten wir auch unsere wohl wichtigste Lektion in der Wetterkunde: ‚Merke: Ziehe Ölzeug an, wenn der Skipper mit selbigem im Cockpit auftaucht!

SP 2018 – Tag 5: Spiekeroog – Cuxhaven – Rhinplatte

Der nächste Morgen begann viel zu früh, schon um halbfünf wurde durchs Schiff geklappert. Draußen stritten sich die Spätheimgekehrten immer noch in weinseliger Stimmung auf dem Steg. Doch was zu anderer Zeit sicher eine interessante Charakterstudie gewesen wäre, ging im eigenen Tran der Übernächtigung unter. Auch galt es, den sexistischen und frauenfeindlichen Plan umzusetzen, den ich am Abend zuvor ausgeheckt hatte. Die Männer machten das Boot klar zum Ablegen und motorten uns aus dem Hafen, während Sylke und ich unterdecks, noch ein wenig die Ruhe der vergangen Nacht genießend, am Salontisch Klappbrote für den geplanten langen Schlag des Tages schmierten. Kurz nachdem wir die westliche Südspitze der Insel passiert hatten, waren wir damit fertig. Als wir nun mit kleinen Augen und Händen voll Frühstücksbroten im Cockpit auftauchten, verschlug uns der Anblick, der sich uns nun bot, glatt die Sprache. Glutrot ging die Sonne gerade über den Insel auf. Als dann auch noch ein heimkehrendes Fischerboot mit anhängendem Möwenschwarm in dieses Panorama hineinschipperte, war das Postkartenmotiv schon beinahe zu schön, um wahr zu sein. Tschüß, Spiekeroog – kleine Insel, große Liebe, bis zum nächsten Mal!

Morgen auf Spiekeroog 2018
Morgen auf Spiekeroog 2018

Dann ging es wieder hinaus aufs Meer. Hatte es uns vor noch nicht ganz drei Tagen ordentlich durchgeschüttelt und mit grauen Wellenungeheuern genarrt, zeigte es sich uns heute von seiner wunderbarsten Seite: Sonnenschein, Wind aus Ost drei bis vier und eine fantastische Fernsicht – so schön kann Segeln sein.

Martin steuerte uns sicher durch die Zufahrt zu Weser und Jade – Fahrwasser, die auf unserer Übungskarte vorgestellt zu den belebtesten Ecken der Deutschen Bucht zählen mussten – doch auch auf der Rückfahrt begegnete uns hier kein einziges Schiff. Auf Verkehr in diesem Sinne sollten wir erst wieder in der Zufahrt zur Elbe treffen, so kann man sich täuschen. Allerdings hatten wir das Meer mitnichten ganz für uns alleine. Auf der Reede der Neuen Weser lagen jede Menge dümpelnde Pötte. Wir schlängelten uns hindurch. Wie öde musste dort der Alltag für die Matrosen an Bord sein. Kein Landgang, keine Abwechslung, kein Austausch mit anderen Menschen. Manche Schiffe sahen aus, als wären sie dort bereits zum endgültigen Verrosten vor Anker gegangen. Robert hatte mal erzählt, dass man die Lage unserer Wirtschaft am sichersten an der Anzahl der Schiffe auf den Hochseereeden ablesen könne: je mehr von ihnen dort draußen vor Anker lagen, desto schlechter liefen die Geschäfte. Im Hafen zu liegen wäre viel zu teuer. Wenn sie also von keinen Aufträgen, von keinen Warenströmen kreuz und quer über die Weltmeere getrieben wurden, ankerten sie da draußen, wo nur selten jemand Außenstehendes sie zu Gesicht bekam. Einer der Kähne ließ die ganze Zeit über den Schiffsdiesel laufen. Eine große, gelbe Wolke lag über dem Schiff. Es stank nach verbranntem Schweröl – auch so ein Thema, gerade für uns Hamburger und unseren Hafen. Nur gut, dass unsere „Helgoland Express“ mit dem besten aller Kraftstoffe lief – mit frischem Nordseewind, der uns sicher aus diesem Industriefriedhof wieder hinaus wehte.

Wir wechselten uns am Ruder ab und was nun in Sicht kam, gefiel mir deutlich besser. Hatten wir bei unserem ersten Törn im letzten Jahr Helgoland beinahe verpasst, weil die Insel bis zum letzten Augenblick im dicken Hochnebel steckte, zeigte sie sich wie zur Entschuldigung bei diesem Mal grazil von ihrer besten Seite. Erst konnten wir gar nicht glauben, was wir da vor Augen hatten, dass das dort am Horizont tatsächlich eben jene rote Felseninsel war, doch kamen wir ihr beständig näher und schließlich war kein Zweifel mehr möglich: An Backbord voraus lag Helgoland. Dort war die Lange Anna, da hinten Helgolands Leuchtturm, sogar ein Stück von der Düne und dem dortigen rot-weiß-gestreiften Leuchtfeuer konnten wir erkennen. Was für ein Anblick! In Aachen hatte eine Zeitlang eine Familie mit fünf sehr kleinen Kindern bei uns im Haus gewohnt. Klingelte man an ihrer Tür und öffneten ihre Eltern, quoll alsbald eine ganze Schar von ihnen – neugierig auf die Welt jenseits der elterlichen Wohnung – in den Flur hinaus. Ebenso entließ an diesem Tag Helgoland Segelboot um Segelboot aus seinem Hafen, den diese nach dem Ende der dortigen Nordseewochen nun wieder gen Heimat verließen. Kleine, weiße Segel tanzten uns lustig entgegen, doch keines von ihnen würde unseren Kurs tatsächlich kreuzen, waren sie doch so viel später erst aufgebrochen.

Helgoland 2018
Helgoland 2018

Christian würde später sagen, dass wir Helgoland an diesem Tag bis auf acht Seemeilen nahe gekommen waren. Kein Wunder, dass uns allen dieselbe Idee durch den Kopf schwirrte. Könnte man diese Segelreise nicht einfach um ein, zwei Tage auf diesem Eiland im Meer verlängern? Könnte man nicht? Man könnte doch vielleicht?

Hatte uns unser erster Schlag dieser Kreuz also weit nach Norden geführt, sollte die Wende kurz hinter Helgoland uns nun direkt in die Ansteuerung auf die Elbzufahrt bringen. Die Wende lief gut, aber schon kurze Zeit später triezte Christian mich, ich solle mich nun endlich entscheiden: Elbe oder Weser. Und in der Tat eierte ich schon eine gewisse Zeitlang mit unserem Boot so vor mich hin. Ich hatte den Wind verloren! Eine Sache, die uns sehr bewusst wurde auf diesem Törn, war der Unterschied, der zwischen, etwas theoretisch verstanden zu haben und es praktisch umsetzen zu können, bestand. Sicher hatte auch ich mittlerweile kapiert, was die berüchtigte Windkante denn wohl sein sollte, an der wir segeln wollten. Aber was brachte einem das, wenn der eben noch so lustig pustende Wind plötzlich weg war oder doch mehr von querab kam als eben noch? Anluven, abfallen, anluven – hundert Mal und mehr spielten wir dieses Spiel mit dem Nordseewind an diesem Tag. Windfäden, Verklicker, Kompass, das Vorliek des Vorsegels – alles gab Hinweise, alles sollte man beachten. Irgendwann war die Konzentration dann futsch, und ich dankbar für eine Ablösung.

Cuxhaven ließ sich dieses Mal bei Tageslicht schon vom Meer aus begutachten. In Sicht kam auch der Campingplatz auf der Betonplatte, über den wir unlängst eine Dokumentation im Fernsehen gesehen hatten. Ich bedauerte die Leute dort. Sicher, war der Blick auf die Schiffe schön und interessant. Doch um wie vieles besser war es, sich auf einem solchen zu befinden und diese Tristesse weit hinter sich zurücklassen zu können?!

Unter Vollzeug rauschten wir schließlich in den Amerikahafen. Christian wollte dort noch schnell unsere Wasservorräte nachfüllen, bevor es noch ein Stückchen weiter elbaufwärts gehen sollte. Was man nicht alles tat der Tide und des richtigen Windes wegen. Also schnell die Leinen los und weiter.

Eine ganze Reihe Segelboote genoss so wie wir die guten Bedingungen an diesem Abend. Mit vier Beaufort griff der Wind in unsere Genua und trieb uns flott voran. Immer wieder mal mussten wir dem einen oder anderen etwas ausguckschwachen Mitsegler und motorisierenden Kapitän ausweichen. Manche schienen es da ganz wie die Autofahrer zu halten: Vorne ist da, wo ich bin, und wo ich bin, herrscht Vorfahrt. Nun ja…

Unsere Route führte uns an diesem Tag noch bis nach Rhinplatte bei Glückstadt, wo wir ankern wollten. Knapp hundert Seemeilen hatten wir bis dahin achteraus gelassen, unser bis dahin längster Schlag.

Rhinplatte 2018
Rhinplatte 2018

Rhinplatte erreichten wir bei Sonnenuntergang. Dasselbe goldene Licht, das uns am Morgen auf Spiekeroog verabschiedet hatte, nahm uns hier nun wieder in Empfang. Neben uns ankerte noch ein Plattbodenschiff, was in Ergänzung zum Sonnenuntergang, dem Naturschutzgebiet vor und hinter uns sowie unter gewissenhaftem Ignorieren des AKWs im Norden erneut ein herrliches Postkartenmotiv ergab. Aufmerksam verfolgte ich dieses Mal das Ankermanöver, während unterdecks bereits die andere Hälfte der Crew mit den Vorbereitungen fürs Abendessen befasst war. Der Kuckuck rief über das Wasser, ansonsten war es still.

Nach dem Essen schauten wir an Deck noch einmal nach dem Rechten und nach den Sternen darüber. Zu hell war es hier, als dass man die Milchstraße hätte sehen können, trotzdem war das Meer der fernen Lichter beeindruckend schön. Jedes einzelne von ihnen eine ferne Sonne mit eigenen Welten. Astronomie war ein Fachgebiet, bei welchem man noch zu Lebzeiten quasi echte Quantensprünge in den Erkenntnissen miterleben konnte. Als Teenager hatte ich angefangen, mich für dieses ferne Lichtermeer zu interessieren – sicherlich auch motiviert durch das Dachfenster meines Kinderzimmers. Damals wusste man nicht, was Quasare sind und hatte mitnichten Belege für ferne Planetensysteme geführt. Man hatte sich noch in der Ignoranz der einzig belegten Existenz sonnen können. All das war nun mittlerweile erforscht worden ebenso wie die Landung einer Raumsonde auf dem Nukleus eines Kometen, die im nahen Vorbei- bzw. im Anflug aufgenommenen Bilder von Jupiter und später von Pluto, den Verlust desselbigen als Planeten bedingt durch die Erkenntnis, dass noch so viele andere Objekte seiner Größe im anschließenden Kuipergürtel um die Erde ihre Bahnen zogen und so vieles mehr. Alles in diesen wenigen Jahren – wie viel mochte noch vor uns liegen, das wir noch lange nicht erforscht, geschweige denn begriffen hatten?

Ein letzter Blick, dann hieß es ab in die Kojen, denn hier unten beherrschte weiterhin die profane Tide unseren Lebensrhythmus.

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Tag 1: Finkenwerder – Glückstadt – Cuxhaven

Start in Finkenwerder

Tag 1: Finkenwerder – Glückstadt – Cuxhaven

Der Törn begann an einem Donnerstagvormittag an unserer Yachtschule in Finkenwerder. Im Köhlfleet hat Robert seinen eigenen Steg für die drei Segelboote und seinen ganzen Stolz – sein Elektromotorboot. Sein Steg liegt hinter dem Fähranleger Finkenwerder. Dort ist also immer was los. Man lernt schon von Klein auf sozusagen, was es heißt, sich mit der Berufsschifffahrt herumzuschlagen. Sein Liegeplatz ist nichtsdestotrotz enorm praktisch für uns, wohnen wir doch quasi gegenüber. Mit den Rädern sind wir in fünfzehn Minuten unten an der Elbe, dankenswerterweise geht es in diese Richtung immer bergab. Soll noch einer behaupten, Hamburg hätte keine Berge – nur jemand, der hier noch nie mit dem Fahrrad an der Elbe unterwegs war, wird sich zu diesem Flachlandvorurteil hinreißen lassen. Unten an der Elbe nehmen wir dann flux die Fähre – mit dem Schiff zu den Schiffen. Diese Stadt hat schon ihren ganz eigenen Charme.

Segelboote der Yachtschule Robert Eichler
Segelboote der Yachtschule Robert Eichler

Wir hatten Rucksäcke dabei, denn dass Koffer auf einem Boot mehr als unpraktisch sein würden, war uns nicht erst seit dem Hinweis in Roberts Mail klar. Leider war uns weniger einsichtig gewesen, dass Wanderrucksäcke auch so ihre Tücken haben würden. Insbesondere deren Tragegurte füllten später den ohnehin recht engen Fußraum unserer Achterkajüte fast vollständig aus. Beim nächsten Mal würden wir uns da was anderes einfallen lassen müssen. Jene, die mit ihren Autos anreisten, hatten es in dieser Hinsicht besser. Sie brachten ihre Sachen in faltbaren Taschen oder gleich in Seesäcken aufs Boot und – eins, zwei, drei – war alles in den Schapps verstaut.

Drei Mitsegler waren schon an Bord, als wir am Donnerstag dann mit besagter Fähre vom anderen Elbufer anreisten. Sylke, Detlef und Tobias. Wie wir beim ersten Beschnuppern herausfanden, waren sie bereits am Vorabend angereist und hatten schon eine Nacht auf dem Boot verbracht. Kurz nach uns trafen dann noch zwei weitere Crewmitglieder ein – Tim und Holger – und auch unser Skipper, Christian, war schon mit von der Partie. Kojen wurden zu-, Handtücher und Bettzeug aus- und wir gleichmäßig über das Boot verteilt. Eine Vorschiffskajüte, zwei im Heck mit Doppelkoje und Leesegel für die fehlende Privatsphäre sowie eine Kajüte mit Stockbett zwischen Salon und Vorschiff waren schnell belegt. Schon beim allerersten Mal, als ich den Raum eines Segelbootes unter Deck erkundet hatte, war ich erstaunt gewesen, wie viel Platz es bieten konnte. Hätte man mich früher gefragt, nie und nimmer hätte ich zugestanden, dass ganze acht Leute bequem auf dieser Gib Sea hätten Platz finden können, ohne sich stetig auf den Füßen zu stehen. Sicher, das Gerücht hielt sich eisern, dass Segeln die langsamste, unbequemste und teuerste Art und Weise sei, um von A nach B zu gelangen – aber auch das war eine Frage der Perspektive. Was brachte es einem, wenn man immer nur von Ort zu Ort hetzte? Hier war doch klarerweise der Weg das Ziel und der Platz, den das Boot uns bot, wäre nur dann ein Problem gewesen, wenn die Chemie in der Crew nicht gestimmt hätte und in solch einem Falle könnte auch ein zehnstöckiger Büroturm zum kleinsten Mauseloch zusammenschnurren.

Zunächst gab es ein großes Hallo und Einander-Kennenlernen – auch das integraler Bestandteil des Abenteuers Helgoland auf temporär eigenem Kiel. Wer würde wohl mit zur Crew gehören? Was für Leute würden kommen? Wie gesagt, in den kommenden Tagen würde man sich schwerlich aus dem Weg gehen können, wenn es dumm lief. Aber es lief nicht dumm, es stellte sich – ganz im Gegenteil – als sehr gelungene Mischung heraus. Persönlich war ich recht angetan, nicht als einzige Frau an Bord zu sein, sondern mit Sylke eine veritable Mitstreiterin zu haben. Noch jemand, die die Kerze auf dem Salontisch beim gemeinsamen Abendessen schön finden würde.

Es folgte eine ausführliche Sicherheitseinweisung durch unseren Skipper – alles unter dem so schön von ihm ausgegebenen Motto: ‚Wir verlassen das Boot nicht, wenn überhaupt verlässt das Boot uns.‘ Begierig saugte ich alle Informationen auf, wo welche nützlichen Dinge verstaut und wie sie zu bedienen waren. Alle waren mit größter Konzentration dabei, auch wenn es für die anderen im Gegensatz zu uns natürlich nicht ihr erster Törn war. Niemand lief an den folgenden Tagen an Deck ohne Rettungsweste oder, wie Christian so schön sagte, ’nackich‘ herum. Alle wussten, wo man sich im Cockpit und auf dem Vorschiff sicher einpicken konnte. Und erstaunt, aber auch erleichtert stellte ich fest, dass im Laufe unserer Fahrt beinahe alle auch bei verschiedenen Gelegenheiten davon Gebrauch machen würden. Und dann ging es endlich los…

Strom und Ostwind nahmen uns mit Richtung Nordsee. Auslaufend grüßte ein Seehund, der beim Mühlenberger Loch sein Köpfchen aus dem Wasser streckte. Wer hätte das gedacht?! Wir hatten diese faszinierende Beobachtung eines Stückchens unvermuteter Wildnis in Mitten der Großstadt schon vor einer Weile bei Roberts Skippertraining machen dürfen: Seehunde auf einer trockenfallenden Sandbank direkt vor dem Airbus-Werk – Sachen gibt’s, die gibt’s gar nicht. Seehunde trotz der ganzen Riesenpötte, die täglich, wenn nicht sogar stündlich die Elbe hoch- und runterfuhren, das Wasser dabei durchpflügten, sodass man sich selbst daneben winzig und verletzlich vorkam, obwohl man eine 43-Fuß-Yacht um sich herum hatte, viel mehr als so ein Seehundspelz…

Die erste Etappe führte uns nach Glückstadt. Die Elbe hinunter – dorthin, wo die Welt begann. Blankenese, Wedel, Willkomm Höft – alles gut bekannt und dann das Neue, das wir noch nie gesehen hatten: die weiten Elbmarschen jenseits der Stadt. Von nun an hieß es, sich klar vom Tonnenstrich im Fahrwasser halten, Steuerbordtonnen gut an Steuerbord liegen lassen, denn jenseits davon drohten Untiefen und überspülte Buhnen. Die Crew ließ es sich im Cockpit gut gehen. Frische Luft macht bekanntlich hungrig, und erste Vorräte wurden zufrieden verdrückt. Man genoss allseits Sonne und Aussicht bei gemütlicher Fahrt stromabwärts. Dann die Aufgabe an uns, ausgegeben von unserem Skipper: Wie steuerte man wohl den Glückstäder Hafen an? Ein Navigationsteam verschwand unterdecks, allein es fehlte noch an Übung. Die Ansagen an unseren Rudergänger waren doch eher vage – nur gut, dass Christian längst wusste, worauf zu achten sein würde. Sicher führte er uns durch die vorgelagerten Sandbänke – ein Glück, mit so etwas hatten wir wahrlich nicht gerechnet.

Am frühen Nachmittag machten wir dann in Glückstadt fest. Die Idee kursierte und wurde allgemein begrüßt, einen Teil der Bordkasse beim lokalen Fischhändler zu investieren. Als Quotenvegetarier der Runde enthielt ich mich der Stimme, war aber ebenso angetan von der Idee, einen kurzen Ausflug ins Städtchen zu unternehmen, das mir gänzlich unbekannt war. Mit Sylke hatten wir eine ortskundige Führerin dabei und so ging es nach den ersten Stunden auf dem Wasser erst einmal wieder an Land. Fisch und Sightseeing-Eindrücke wurden gesammelt und zwecks späteren Konsums zunächst gut verstaut. Dann noch etwas Ruhe, doch war ich viel zu aufgeregt, um schlafen zu können. Und so ganz hatte ich auch immer noch nicht realisiert, dass man die wenigen sich bietenden Gelegenheiten dazu wirklich nutzen sollte auf diesem Törn. Hier wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst, dass wir mit den Gezeiten segeln würden, dass unser Lebensrhythmus in den folgenden Tagen Ebbe und Flut folgen würde. Und während die Glückstädter dem Tag also einen guten Abend wünschten und sich zu einer erholsamen Nachtruhe anschickten, ging für uns die Reise gegen 21 Uhr wieder weiter, als wir aus dem kleinen Hafen hinausnavigierten. Ein Richtfeuer achteraus zeigte uns den sicheren Weg. Gespenstisch und besorgniserregend glitten die von Christian aufgezählten unbeleuchteten Fahrwassertonnen an uns vorbei. Alle atmeten auf, als auch der letzte schwarze Schatten sicher passiert war.

Die nächtliche Fahrt flussabwärts war ein eindrückliches Erlebnis. Schwärme von Seevögeln stiegen in beinahe regelmäßigen Abständen vor unserem Bug nahezu lautlos auf, aufgestört in ihrer Nachtruhe von unserer Passage. Für die Bruchteile eines Augenblicks waren ihre weißen Flügel und Leiber im Licht unserer Positionslampen zu erkennen, dann verschluckte sie die Dunkelheit erneut. Wer hätte gedacht, dass so viele von ihnen die Nacht auf dem Fluss verbrachten? Im Cockpit ging derweilen ein munterer Wettbewerb im Leuchtfeuer-Zählen los. Zu welcher Tonne mussten wir als nächstes? Wie war die Kennung? Wer hatte sie schon im Blick? Und wer war sicher, ihre Kennung schon korrekt ausgezählt zu haben? Roter Blitz alle vier Sekunden, rotes Funkelfeuer, rotes unterbrochenes Feuer – hatten wir richtig gezählt? Und von vorne. In der Tat war das etwas ganz anderes als ‚Robert macht immer so‘: Blitz, Hand auf – zwei, drei, vier – Hand zu. Manche Dinge muss man tatsächlich gesehen haben, um sie richtig zu verstehen, da hatte er schon recht.

Schiffe auf Reede und das Lichtermeer von Brunsbüttel zogen vorüber. Dann an der Schleuse des NOKs die eindringliche Warnung unseres Skippers, sich möglichst weit davon klar zu halten, weil diese sehr unvermutet ihre Fracht ausspucken konnte und unser Segelboot dann nur allen im Weg sein würde. So glitten wir nächtlich als schönster Schmetterling dahin – nicht wie die Motten, die im Licht der Schleusen verbrennen. Die Elbe wurde zunehmend breiter und, abgesehen vom Gemurmel des Revierfunks, war es still. Seit einer Ewigkeit habe ich dort erstmals wieder die Milchstraße ihren schönen Lichterbogen über den schwarzbetuchten Himmel spannen sehen. Zwei Sterne fielen für unsere Wünsche zur Erde, und dann wurde es Zeit, sich auf das Einlaufen im Amerikahafen von Cuxhaven vorzubereiten. Ein letztes Mal an diesem Tag – oder war es schon der nächste? – sollten wir alle hellwach werden.

Amerikahafen – das klang nach dem großen Schlag über den Ozean und noch weiter, nach Abenteuer. Mir kam es allerdings in dieser Nacht eher ernüchternd wie ein handelsüblicher Industriehafen vor. Sylke brachte unser Boot sicher an den Platz am Steg, den Christian dafür auserkoren hatte. Und nachdem alles gut vertäut war, fand man sich allseits zum wohlverdienten Ankerbier im Cockpit zusammen. Einige vorlaute Möwen teilten mit uns noch das beinahe schon schlafwandlerische Dasein im gelblichen Licht der Hafenmole, dann hieß es ab in die Kojen. Um sieben am nächsten, nein, Pardon, an diesem Morgen sollte es ja weitergehen. Nun war zwei Uhr gerade vorbeigegangen. Für mich brach die erste Nacht meines Lebens an, die ich auf einem Boot verbringen würde. Doch trotz gemütlicher Achterkajüte waren diese nächtlichen Stunden für mich alles andere als erholsam. Lange, viel zu lange lag ich wach und hörte den mir unbekannten Geräuschen an Bord und im Hafen zu.