SKS 2018: Losmachen

Elbe bei GlĂŒckstadt

‚Nun geh‘ mal und mach‘ Dein Schiff klar!‘ Was fĂŒr ein Satz! Was fĂŒr eine wundervolle Aussage: ‚mein Schiff.‘ DarĂŒber gerĂ€t man ins TrĂ€umen, auch wenn Robert sicher zu Recht das eigene Boot als Loch im Wasser beschrieb, in das man ohne Ende Geld hinein fĂŒllen könnte und trotzdem…

Elbe bei Hamburg
Elbe bei Hamburg

An diesem Tag hieß Christians Ansage fĂŒr mich erst einmal nur, dass ich die „Hamburg Express“ von der einen Seite des Stegs zur anderen bringen musste, damit wir spĂ€ter leichter wĂŒrden ablegen können. Am PrĂŒfungstag war ich Skipper of the day, meine Aufgaben als solcher also ĂŒbersichtlich, worĂŒber ich mehr als froh war, hatte ich in der Nacht zuvor doch so gut wie gar nicht geschlafen. Alexander erzĂ€hlte spĂ€ter, ich hĂ€tte in der Koje gesessen und Kommandos erteilt. Gut möglich, ging ich in jener Nacht doch jedes geĂŒbte Manöver Mal um Mal im Kopf erneut durch. Die anstehende PrĂŒfung ließ keinen von uns kalt, aber wir stellten uns ihr trotzdem alle tapfer. Heute verfĂŒge ich nun ĂŒber ein lustig buntes Quartett an BefĂ€higungsnachweisen des DSV. Welche Karte wollen wir heute spielen? See oder Binnen, SRC oder UBI? SKS sticht!

SKS 2018: Spielen I

Unterelbe

Der Logbuch-Eintrag fĂŒr die Stunden, in denen wir den Volvo-Motor der „Hamburg Express“ in allen Einzelheiten unter die Lupe nahmen, lautete „Badespaß“. Unser Skipper of the day war da wohl etwas zu optimistisch gewesen. Ja, die Jungs testen auch an diesem Tag den Fluss am neuen Ankerplatz auf seine BadequalitĂ€ten hin – und, hey, wie oft kam es schon vor, dass die Elbe Mittelmeertemperaturen aufwies?! Dennoch erschienen sie alle bald artig unterdecks zur nĂ€chsten Lerneinheit. Ich war erstaunt, sie alle plötzlich bei uns im Salon auftauchen zu sehen, hatten wir zwecks Motorenkunde doch schon vor einer Weile den Niedergang hochgeklappt und damit den Weg vom Cockpit aus versperrt. Durch die Bugluke waren sie alle hereingekrabbelt, der SKS-Törn hielt uns also in jederlei Hinsicht fit. Nun ging es aber erst einmal um die Beweglichkeit unseres Denkvermögens, mit welchem wir den Windungen des Volvos zu folgen versuchten.

Motorenkunde
Motorenkunde

Rafael war ganz begeistert davon. Von Berufswegen quasi mit diesen Dingen – wenn auch nicht gerade mit Bootsmotoren, wie er beteuerte – vertraut, inspizierte und erklĂ€rte er uns die Bestandteile und das Zusammenwirken von dem, was sich uns ĂŒbrigen im Wesentlichen als grĂŒner Monolith prĂ€sentierte. Sieben Leute hockten schlussendlich auf dem Boden vor der Maschine und suchten die Teile, die Rafael aufzĂ€hlte. ‚Ah, weiche Rohre, da muss Wasser durchfließen. Ja, hier und hier. Da zum WĂ€rmetauscher, dort die Impellerpumpe.‘ Christian hielt uns wohlweislich das passende Ersatzteil vor die Nasen, das namentlich immerhin sogar mir schon aus den TheorieprĂŒfungsfragen bekannt war. Andere Leute machen Urlaub…

‚Feste Rohre, das muss der Dieselzulauf sein.‘ Rafaels Begeisterung fĂŒr die Materie war direkt ansteckend. Schlussendlich machten wir alle Fotos von dem grĂŒnen Ding, als wĂ€re es eine neue Touristenattraktion auf unserem Törn. Flugs waren auch die Seitenverkleidungen in den beiden Achterkabinen entfernt und schon bot sich uns unser Volvo manierlich von allen Seiten dar.

Im Nachhinein erinnerte mich unser Treiben ein wenig an die Physikstunden in der Mittelstufe. Unser Lehrer, den wir alle respektvoll „TĂŒddel“ nannten, hatte einen Faible fĂŒr Versuchsaufbauten. RegelmĂ€ĂŸig erkor er jemanden aus unseren Reihen, der dann ratlos am großen Experimentiertisch vor dem Rest der Klasse stand und irgendwelche ominösen Schaltkreise zusammenbauen sollte. Jetzt hingegen experimentierten wir wissbegierig sozusagen am lebenden Objekt, suchten Seeventile, Einspritzpumpe, Filter…

Wenig spĂ€ter an diesem Tag waren wir alle dann heilfroh, dass im Gegensatz zu vielen ManöverĂŒbungen der vergangenen Tage unser Skipper beschloss, dass eben jener Motor ganz einwandfrei funktionierte. Als wir nach unserer Technik-Bastelstunde wieder an Deck kamen, stellten wir fest, dass sich am Horizont eine beachtliche Wolkenfront aufgebaut hatte, die es ganz eindeutig in unsere Richtung zog. Sehr untypisch fĂŒr Christian blieben die Segel unten, und wir motorten, so schnell es ging, zurĂŒck nach GlĂŒckstadt. Auf diesem StĂŒck lernten wir auch unsere wohl wichtigste Lektion in der Wetterkunde: ‚Merke: Ziehe Ölzeug an, wenn der Skipper mit selbigem im Cockpit auftaucht!

SKS 2018: Wir bremsen nicht mit dem Steg…

Pagensand

Morgens in Wedel hieß es dann erst einmal, Platz machen. Dienstagvormittag hatten wir eigentlich nicht damit gerechnet, dass noch jemand unterwegs sein könnte – noch weniger damit, dass ausgerechnet die Eigner unseres Anlegeplatzes heimkehren wĂŒrden. Noch vor dem FrĂŒhstĂŒck mussten wir so also die Leinen losschmeißen und einen anderen Platz suchen. Nicht verkehrt, wĂŒrde es doch genau das sein, was wir in den folgenden Stunden zur Freude der in Wedel versammelten Seniorenschaft ĂŒben wollten: an- und ablegen, drehen auf engem Raum, Leinen schmeißen. – Nein, nicht helfen, die mĂŒssen ĂŒben – und der nĂ€chste bitte.

Mit geradezu stoischer Ruhe ertrug die Dame auf dem Motorboot neben unserer Übungsklampe die Fahrschule jenseits ihrer Buchseiten. Der Ă€ltere Herr drei Boote weiter hatte da schon lĂ€ngst die Zeitung gegen den Kinosessel im Cockpit getauscht.

Als die Tide uns schließlich einen grĂ¶ĂŸeren Aktionsradius zugestand, war es bereits mittags. Wir verließen mit ablaufendem Wasser den Hafen und segelten mit dem Strom flussabwĂ€rts. Sonne satt, aber immer noch kein Wind. DafĂŒr und trotz des beschaulichen Wetters purer Stress fĂŒr unseren „Skipper of the day“, den Christian nicht zu ermuntern aufhörte, doch mal zu prĂŒfen, ob man nicht doch dieses oder jenes Schlickloch – von den Einheimischen liebevoll als „Hafen“ tituliert – anlaufen könne, schließlich wollten wir doch Anlegemanöver an verschiedenen Orten trainieren. Unbeirrt ließ er uns auf engste Hafeneinfahrten zuhalten, um endlich doch dem immer hektischer werdenden Skipper zuzustimmen, dass es wohl keine so grandiose Idee sei, sich dort in den Matsch zu setzen. Auch Nerven können Muskeln sein, die es zu trainieren gilt – heißt es nicht auch „Willens-STÄRKE“?

Am zweiten Abend ankerten wir vor Pagensand. Ein Seeadler begrĂŒĂŸte uns dort bei unserer Ankunft. Seine krĂ€ftigen Schwingen trugen ihn mĂŒhelos in die NĂ€he unseres Bootes, das er sich interessiert anzuschauen schien, bevor er uns mit unserem StĂŒckchen Fluss und unserem Anker-Spiel wieder alleine ließ. Obschon September, war es an diesem SpĂ€tsommertag noch so warm, dass allgemein der Wunsch nach einer AbkĂŒhlung im Wasser aufkam. Gute 23 Grad Wassertemperatur – Badewannenwetter in der Elbe. Christian hatte nichts gegen das Ansinnen der Jungs auf ein Bad im Fluss einzuwenden, ermahnte uns aber, zuerst eine Schwimmleine zu knoten. Also schnell noch ein paar Fender an eine der Festmacherleinen geknotet und ab damit, achteraus ins Wasser. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, diese Aktion diene lediglich fĂŒr uns als Übung der verschiedenen Knoten in der praktischen Anwendung. Fleißig wĂŒrden wir dies in der folgenden Woche auch praktizieren. Waren ja auch praktisch diese Knoten. Wer hĂ€tte gedacht, dass man eine aufgeschossene Leine einfach am Backstag zum Trocknen festknoten konnte? Beeindruckt waren wir auch vom geworfenen Webleinstek und trainierten gerne Christians Methode, den Palstek so vorzubereiten, dass man ihn auch problemlos ĂŒber Kopf am Großbaum nutzen konnte oder wo auch immer sonst der Knoten gerade gebraucht und normalerweise nur schwer hingepfriemelt werden konnte. Den doppelten Achtknoten probierten wir wieder und wieder – doch an diesem Tag hinter Pagensand ging es tatsĂ€chlich in keiner Hinsicht um unsere Knoten-Kenntnisse. Das wurde klar, als die ersten vom Heck ins Wasser sprangen und beim Wiederauftauchen mit MĂŒh‘ und Not gerade noch ebenso den letzten der Fender an unserer Schwimmleine erwischten. Die Strömung des Flusses war unglaublich! Obwohl die Jungs nur wenige Meter achteraus schwammen, sah es so aus, als fĂŒhren wir ihnen mit hoher Geschwindigkeit davon. Man musste direkt aufblicken zur Insel neben uns, um sich zu versichern, dass wir in der Tat fest vor Anker lagen, und das Boot sich keineswegs von seiner Position entfernt hatte. SpĂ€testens jetzt waren alle froh, die Schwimmleine im Wasser zu haben, die wir vorher alle mehr oder weniger als Spielerei abgetan hatten.

SpĂ€ter stand dann noch Wetterkunde auf dem Übungsplan. Auswertung einer Analysekarte. Schon cool, wenn man solche Karten allmĂ€hlich auch zu lesen lernt wie anfĂ€nglich die Seekarten zur Navigation. Und doppelt schade, dass sie zwischenzeitlich so gĂ€nzlich aus den Abendnachrichten verschwunden sind. Was bliebe ĂŒbrig, wenn wir alles aussonderten, was die Leute angeblich nicht mehr interessiert? Wohl nicht sonderlich viel…

Noch etwas spĂ€ter konnten wir ĂŒber Pagensand dann einen herrlich klaren Sternenhimmel bewundern. Im SĂŒden leuchtete groß und rot der Mars. Er tanzte lustig durch mein Fernglas, mit dem ich ihm nĂ€herzutreten gedachte.

SP 2018 – Tag 6: Rhinplatte – Wedel – Finkenwerder

Der letzte Tag brach so vielversprechend an, wie der letzte geendet hatte. Die Sonne schob sich ĂŒber den Horizont und wir uns zurĂŒck ins Elbfahrwasser. Immer noch wehte uns der Wind mit mĂ€ĂŸiger Kraft aus Ost entgegen, immer noch hieß es also kreuzen. Von Buhne zu Buhne, das Lot fest im Blick ging es stromaufwĂ€rts. Wir wechselten uns am Ruder ab, und man stellte allgemein erleichtert fest, dass die Ausreißer am Schiff lagen und nicht am RudergĂ€nger. Es fuhr auf dem Steuerbordbug einfach weniger ruhig, als auf dem Backbordbug. Gewitzelt wurde natĂŒrlich trotzdem ĂŒber die gefahrenen Schlangenlinien. Na ja, vielleicht hatten sie auch einfach recht. Etwas zu viel Steuer gegeben und schon schlingerten wir, abfangen und Wende und ganz easy auf Backbord zur anderen Seite und Wende und im selben Slalomlauf zurĂŒck. Aber war das hier nicht auch ein Ausbildungstörn? Sylke zeigte uns spĂ€ter, wie es richtig geht, als sie in kleinen und kleinsten SchlĂ€gen zwischen dicken Pötten und dem MĂŒhlenberger Loch mit uns kreuzte. Schon klar, warum Christian sie fĂŒr die Regatta ans Ruder gestellt hatte.

Rhinplatte am Morgen
Rhinplatte am Morgen

Ich wurde derweilen ganz wehmĂŒtig, blickte zurĂŒck auf den Fluss und die vergangenen herrlichen Tage. Nun, da der Strom langsam an Breite verlor, wurde auch das Leben fĂŒr uns wieder stromlinienförmiger. Noch einmal ausschlafen, dann wieder BĂŒro, wieder Alltag wie immer. Wieder ein Montag bis Freitag, ein Wochentags- und Wochenendsleben mit Regeln und mehr oder weniger klaren Zielen, die das Denken bestimmen und beschrĂ€nken. BĂŒromenschendasein, wenn alles in einem nach dem Da-Draußen schreit, und man es doch nur hinter der Glasscheibe des eigenen Daseins erleben konnte. Wie schön war es dagegen auf diesem Schiff! Verhieß es uns doch, mit uns zu ganz neuen Welten zu segeln – auch wenn diese letztlich klein und beschaulich mitten im Schlick lagen. Aber immerhin, hatten wir nicht alle noch ein bisschen Sand in den Schuhen von Spiekeroog?

Den Beitrag auf einer Seite lesen

SP 2018 – Tag 1: Finkenwerder – GlĂŒckstadt – Cuxhaven

Als Kind habe ich mit Begeisterung „Die Acht vom großen Fluss“ gelesen – eine Jugendbuchserie Ă€hnlich wie „Die fĂŒnf Freunde“, nur eben drei mehr und ohne Hund, dafĂŒr aber mit Elbe. Heute, so viele Jahre spĂ€ter, bin ich nun selbst Teil eines großen Abenteuers auf diesem Fluss – oder, besser gesagt, fĂŒhle mich als ein solcher – der uns ohne große Umschweife hinaus in alle Weiten der Welt tragen konnte. Leinen losgeworfen, Segel gesetzt und schon ist man mitten drinnen in dieser herrlichen ErzĂ€hlung von Freiheit und Abenteuer


Wedel, Yachthafen 2018
Wedel, Yachthafen 2018

Diese Geschichte könnte ihren Anfang am besten in ihrem Ende nehmen, in diesem Ende am Dienstagvormittag nach Pfingsten auf der Elbe kurz hinter Wedel. Ich sitze auf dem SteuerbordsĂŒll unserer „Helgoland Express“ und starre in die Ferne, deren Teil wir gerade noch gewesen waren. Wehmut – klingt vielleicht kitschig, war aber das richtige Wort fĂŒr diesen Moment. Wehmut bei der Einsicht, dass in demselben Maße, in dem das Fahrwasser der Elbe immer schmaler, auch unser Leben wieder enger und enger wurde. Noch ein paar kurze Stunden, dann wĂŒrden wir wieder als jene AnzugtrĂ€ger von Bord gehen, als welche wir gekommen waren, bevor wir – dazwischen – was wurden?

Elbe
Elbe

Ich habe es immer ĂŒbertrieben gefunden, Freiheit als ein GefĂŒhl zu bezeichnen. Nein, der rationale Teil von mir hatte es auch fĂŒr sachlich schlicht falsch erklĂ€rt. Freiheit ist ein Zustand mit zwei wichtigen Bestandteilen, nĂ€mlich der Abwesenheit von Zwang und dem Vorhandensein von Möglichkeiten, aber eben sicher kein GefĂŒhl – soweit also die Ratio. Aber waren wir nicht alle auch fehlbar? Und wenn ich eines mit den vergangenen fĂŒnf Tagen auf diesem Boot verband und wenn es eines gab, dem ich nun, in die Ferne starrend, nachtrauerte, dann war es genau das – das GefĂŒhl von Freiheit, das plötzlich möglich erschien. Das, was uns aus diesem ein- und festgefĂŒgten Dasein fĂŒr Momente herausgehoben und uns die Welt von oben gezeigt hatte, wie Carl Sagans zweidimensionale Wesen nach einem unvermuteten Luftsprung plötzlich in der dritten Dimension das Innerste ihrer Genossen erspĂ€hen konnten – so einfach ließ sich das Unvorstellbare erklĂ€ren. Das war Freiheit, und genau diese sah ich nun in der Ferne entschwinden, denn vor uns lag die Stadt mit ihren Jobs, Rechnungen, Versicherungen und all dem anderen. ‚Doch eines können sie uns nun nicht mehr nehmen‘, dachte ich spĂ€ter, ‚und das ist der Sand in den Schuhen von Spiekeroog
‘

Den Beitrag auf einer Seite lesen