„Ein erreichbares Ziel“

Juli / August 2026

Inhalt

Fehlstart

„Frida“ knarzt in ihren Leinen. Viel Wind. Morgens Regen. Der Hafen wirkt leer. Wer hier ist, sitzt unterdecks so wie wir. Es ist zu kĂŒhl fĂŒr den Juli. Ein Hoch liegt ĂŒber Island, ein Tief ĂŒber Skandinavien – alles verkehrt in diesem Jahr! Die Bachstelze hat Probleme, bei dem Wind einen Halt auf dem Steg zu finden. Sie muss sich ziemlich anstrengen. Die Schwalben jagen ihr Abendbrot lieber tief ĂŒber den Fußballfeld der Kinder. Die wiederum sitzen drinnen und hoffen, nachts das WM-Finale im TV gucken zu dĂŒrfen…

Die Wettervorhersage spielte uns Streich um Streich. Eigentlich wollten wir – eigentlich – eigentlich
 Eigentlich war eine schöne Drei aus Nordwest angesagt. Schon das Ablegen war aber kein Spaß. ‚Typisch Frau am Steuer‘, mochte der eine wohl denken, als uns der Wind nicht vom Platz lassen wollte. Jenseits der Hafeneinfahrt war dann auch klar, dass das keine Drei war. Und dann auch noch Wind gegen Strom. Die Buckelpiste war eröffnet.

Stadersand meldete eine konstante FĂŒnf, das kam der Sache schon nĂ€her. Dieses Spiel wiederholte sich noch ein paar Mal in diesem Jahr.

Besuch im Hafen

Diese Saison sollte es nach Cuxhaven gehen. ‚Wer nach Spiekeroog will, muss erst nach Cux‘, diese Weisheit wurde zu unserem Mantra.

Alexander hatte schon im Vorwege Karten und Tidenvorhersagen studiert, um rauszufinden, wann wir denn wohl in diesem Jahr – am besten noch an einem Wochenende – unser Ziel im Hellen erreichen konnten. Eine Nachtfahrt auf der Elbe wollte wir beide vermeiden.

Den ersten Versuch unternahmen wir dann Ende Juli direkt an unserem ersten Urlaubswochenende. Nick aus unserem Segelclub war mit von der Partie. Eine dritte Hand war uns mehr als willkommen und konnte bei der Anfahrt des Amerikahafens sicher nicht schaden.

Wir starten Freitagmittag bei besten Voraussetzungen. Mit flotten sechs Knoten waren wir unterwegs nach ‚Happytown‘. Alexander rechnete schnell noch einmal nach, ob wir durchs Kartoffelloch konnten. Und, schwups, waren wir dort auch schon angekommen. Nur etwas mehr als drei Stunden benötigten wir fĂŒr die Strecke, die beim letzten Mal kein Ende hatte nehmen wollen, als wir ohne Wind in Kollmar gestrandet waren.

In GlĂŒckstadt fanden wir auch direkt ein PlĂ€tzchen im Hafen. Netterweise nahm eine Dame am Steg die Leinen an, da waren die Poller, zwischen die wir mussten, auch nicht mehr so schlimm. SpĂ€ter fanden wir heraus, dass diese als „Kollisionsdalben“ vor den eigentlichen Stegen gebaut waren. Der Hafenmeister klĂ€rte uns darĂŒber auf, wohl wissend, dass dieses vermeintlich schöne PlĂ€tzchen keine offizielle Liegeplatznummer besaß.

Abends speisten wir im „Kleinen Heinrich“ am Marktplatz. Nick staunte ĂŒber die Kuchenauswahl, die am Nachbartisch zu so spĂ€ter Stunde ihre Abnehmer fand.

Auf dem RĂŒckweg fanden wir den Skipper nebst Familie im Hafen vor. Alexander hatte freilich schon vorher gesehen, dass die „Elbe Express“ auf dem Weg nach GlĂŒckstadt war. Wenn jemand mit 1,95m Tiefgang zuvor nach Spiekeroog gefahren war, konnte das eigentlich nur Christian sein! Was fĂŒr eine Überraschung, ihn hier zu treffen. Die ganze Familie war braungebrannt. Sie hĂ€tten bestes Segelwetter in ihrem Urlaub gehabt. Waren schon in der vorherigen Woche unterwegs gewesen und nun auf dem Heimweg. Nach unserem eher holprigen Urlaubsstart beneidete ich ihn sehr darum. Er hĂ€tte mich auf Spiekeroog vermisst – oh, wie sehr hatte ich mich selbst dort vermisst
 Aber vor Spiekeroog lag nun mal Cuxhaven…

Noch etwas spĂ€ter saßen wir dann in „Fridas“ Cockpit und genossen wie alle anderen im Hafen den Sonnenuntergang und die wunderbare Abendstimmung. Den krönenden Abschluss bildete dann ein Meteor, der seine leuchtende Spur ĂŒber den beginnenden Nachthimmel zog und dabei in Einzelteile zerbrach.

Der nĂ€chste Tag begann dann viel frĂŒher als ursprĂŒnglich geplant. Grund war mal wieder: das Wetter! FĂŒr Sonntag war Dauerregen angekĂŒndigt, und niemand an Bord hatte Lust auf dieses nasse Erlebnis auf der RĂŒckfahrt von Cux. Also Ă€nderten wir unsere PlĂ€ne kurzfristig. Wir wollte mit dem auflaufenden Wasser direkt zurĂŒck nach Wedel. Cux wĂŒrde noch ein wenig auf uns warten mĂŒssen


Schon kurz nach acht waren wir wieder auf dem Wasser. Wir wollten hinter Pagensand Richtung Wedel segeln. Wie es wohl hinter der Elbinsel ausschaute? Immerhin war es schon eine ganze Weile her, dass ich Pagensand von der Nordseite aus gesehen hatte. Bei unserem SKS-Törn hatten wir dort fĂŒr eine Nacht geankert. Auch an diesem Tag fanden wir eine Reihe von Ankerliegern hinter der Insel vor – in dieser wunderbar grĂŒnen Oase. Völlige Ruhe. Keine Großschifffahrt. Keine Wellen. Einfach nur herrlich!

Das letzte StĂŒck wurde dann allerdings ein echtes StĂŒck Arbeit: kurze KreuzschlĂ€ge in der engen Fahrwasserrinne. Bei drei Metern auf dem Lot kam zuverlĂ€ssig das Kommando: ‚Re!‘ Ein Ankerlieger an der letzten roten Tonne machte unser Spielchen nicht leichter, dann war das Abtauchen in diese andere Welt aber auch schon wieder beendet und wir zurĂŒck im Hauptfahrwasser. Vor uns der ‚Todesstern‘, wie Alexander das halbabgerissene Containment des ehemaligen AKWs in Stade scherzhaft, aber ganz zutreffend nannte. Und auch die krĂ€ftigen Böen waren zurĂŒck, die uns schnell Richtung LĂŒhesand und auch an dieser Elbinsel vorĂŒber trugen.

Der Tag war wunderbar, warum also schon zurĂŒck in den Hafen?! DafĂŒr gab es keinen Grund, also noch die dritte Insel in Angriff genommen: rund Hanskalbsand wĂŒrde auch noch gut in diesen Segeltag passen.

‚Ist das nicht Runar?‘ Klar, war das unser Einhandsegler – ein weiterer Segelfreund aus Wedel. Und schon war die Regatta eröffnet. Wir folgten ihm hinter die Insel. Der Wind wechselte stĂ€ndig von böig ĂŒber Flaute und zurĂŒck. Als wir schließlich im MĂŒhlenbergerloch ankamen, war ich doch ganz froh, dass unsere Genua immer noch gerefft war.

Überhaupt schien an diesem Tag alles unterwegs zu sein, was ĂŒberhaupt nur Segel tragen konnte. Ein Meer aus weißem Tuch – kein Wunder bei dem herrlichen Sommerwetter.

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