Vierzehn Tage später…
Dieses Mal waren wir am selben Tag hin und wieder zurück gesegelt zusammen mit Ilja und Cordula. Obwohl wir früh los mussten und es auch etwas ruppiger werden würde, als bei ihrem letzten Segelausflug auf unserem Boot, waren beide mit Herzblut dabei.

Wir hatten Wind gegen Strom, Nordwest vier, vor Stadersand sicher auch fünfer Böen und dadurch eine blöde Welle. Das hatten wir diese Saison schon gelernt: Nordwest hieß viel Fetch auf dem Fluss auf diesem ersten Stück die Elbe hinunter.

Ruppig war’s, aber dann auch ganz flott bei dem Wind. Erst kurz vor Glückstadt gab es erste Aufregung. Alexander hatten einen Blick auf die Wetter-App geworfen und kam mit Ölzeug zurück ins Cockpit. Das konnte ja heiter werden! Schon morgens waren Gewitterböen vorhergesagt worden. Gewitter ist immer so eine Sache, man weiß nie genau, ob es tatsächlich kommen wird oder nicht. In dieser Saison waren sie, so schien es mir, sowieso alle Nase lang angekündigt. Oft kamen sie auch, aber eben nicht immer.

Alexander meldete Regen: ‚Also so richtig Regen, Regen. Gelb, nicht grün oder blau‘, was sich auf die Ansicht im Regenradar der App bezog. Also suchte ich unter Deck unser Ölzeug zusammen, für unsere Gäste und für mich. Ilja und Cordula hatten nichts Passendes dabei, weil morgens in der Vorhersage von Regen noch keine Rede gewesen war. Im Revierfunk schon. Da sprachen sie vor allem von ‚Sehr schlechter Sicht‘. Ich erinnerte mich noch gut, wie ich im letzten Jahr mit der „Helgoland Express“ aufs Kartoffelloch zugehalten hatte und sich vor mit der Regenvorhang einfach schloss, sodass Christian mich aus der Navi-Ecke weiter dirigieren musste. Das musste jetzt wirklich nicht sein!
Wir schalteten die Maschine ein und holten kurz darauf die Segel runter. Regenwolken hatten meist auch ordentliche Böen auf Lager. Wir motorten an Rhinplate vorbei. Nicht durchs Kartoffelloch, das wir exakt bei Niedrigwasser erreicht hatten. Dummerweise waren an diesem Tag auch noch zehn Zentimeter weniger Wasser als normal angesagt worden, irgendwann war’s dann eben auch für unsere „Frida“ zu knapp.
Hinter uns kam, selbstredend, die Fähre aus Wischhafen, die nicht so ganz einsehen konnte, warum wir vor ihr nach Glückstadt kommen sollten. Jedenfalls tutete sie uns an. Ein kurzer Ton – und kurz darauf noch einmal. Wollten sie auf sich aufmerksam machen? War ihr Kapitän nicht sicher, was wir vorhatten? Sie waren doch schließlich die Überholer und hatten sich freizuhalten. Wir wussten es nicht, versuchten aber dennoch, der Fähre so gut es ging, aus dem Weg zu kommen.
Kaum waren wir um die Westspitze von Rhinplate herum, tauchte auch schon das Schwesterschiff der Fähre aus Glückstadt auf. Danach wurde es in der Glückstädter Nebenelbe deutlich ruhiger. Mussten wir nur noch ein Plätzchen für unsere „Frida“ im Hafen finden. Der Plan sah vor, dass wir dort bleiben wollten, sollten die angekündigten Gewitter tatsächlich über uns hereinbrechen. Ilja und Cordula konnten von dort aus den Zug nehmen, um noch am selben Tag zurück nach Hamburg zu gelangen.
Bis zu diesem Zeitpunkt waren ganze drei Tropfen Regen gefallen, aber wer wusste, was noch kommen würde. Was kam, war zunächst mal ein proppenvoller Hafen. Wo kamen die denn auf einmal alle her? Die letzten Male hatten wir hier doch so problemlos ein Plätzchen finden können. Das sah an diesem Tag allerdings ganz anders aus…
Auf einem der hinteren Stege stand dann tatsächlich jemand und winkte, deutete in den Teil des Hafens kurz vor den Schleusentoren, während uns ein älterer Herr zurief: ‚Hier ist rot.‘ Womit er sich auf die beiden freien Liegeplätze weiter vorn bezog, die wir schon für uns ins Auge gefasst hatten. So ein Mist! Sollten wir wirklich da ganz hinten rein manövrieren? Alexander war alles andere als begeistert, aber es schien unsere einzige Möglichkeit. ‚Hier ist noch Platz für genau ein Boot.‘ ‚Acht Meter?‘ ‚Ja, acht Meter.‘ Na dann. Der Mensch am Steg nahm unsere Leine entgegen, und wir legten ohne weitere Probleme an. Danach warf ich erst mal das Ölzeug von mir. Die Augustsonne war zurückgekehrt und mir entsprechend heiß. Dann hielten wir Kriegsrat.
Wie sollte es denn nun weitergehen? Wir holten Käsebrötchen und Wetter-Apps hervor. Tatsächlich hatte sich das drohende Regengebiet zwischenzeitlich in Wohlgefallen aufgelöst. Also gut, dann eben wieder zurück nach Hamburg. Mussten wir nur noch irgendwie aus unserem Mauseloch wieder herauskommen, in das wir gerade erst gekrochen waren.
Neben uns am Steg hatte gerade noch mit einigen Schwierigkeiten ein Motorboot festgemacht, nachdem der vorherige Platzinhaber mit kenternder Tide schon wieder gen Hamburg aufgebrochen war. Er habe ja leider kein Bugstrahlruder, entschuldigte sich der Rudergänger bei Alexander, der die Leinen am Steg angenommen hatte. Entsprechend neugierig verfolgte nun die Motorboot-Crew, wie wir wohl an ihnen vorbei vom Steg wegkommen würden. Aber Alexander hatte sich da schon was ausgeklügelt.
‚Der Wind drückt uns ja schon in die richtige Richtung. Da können wir vorn noch etwas mitfieren (Iljas Job) und über die Achterspring ablegen (mein Job).‘ Cordula spielte unseren mobilen Fender – für alle Fälle. Auf ging’s.
Und während wir so die Leinen fierten, und sich unsere „Frida“ ganz brav Richtung Fahrwasser drehte, schallte es bewundernd vom Motorboot herüber. ‚Ihr habt ja ein Bugstrahlruder.‘ Die Achterspring in der Hand rief ich, ohne nachzudenken, zurück: ‚Nein, wir haben Leinen!‘ Alexander lachte sich später kaputt darüber.

Schon waren wir wieder unterwegs, durchs Kartoffelloch, setzten Segel und fuhren vor dem Wind und ohne jede Welle zurück nach Wedel. Der Fluss füllte sich mit Segelbooten. Viele waren als Schmetterling unterwegs, und wir machten nur mit unserer Genua streckenweise gute fünf Knoten Fahrt durchs Wasser. Der Wind blies also ordentlich, dieses Mal aber aus einer komfortablen Richtung.

Einen Milan, einen Falken, eine Seeschwalbe sowie etliche Möwen und Gänse später machten wir dann immer noch bei schönstem Sonnenschein wieder in Wedel fest. Vierzig Seemeilen waren das gewesen.
‚Dieses Mal hattet ihr Wind aus allen Richtungen‘, scherzten wir mit unseren Gästen, dankbar, dass weder Gewitter noch Sturzregen uns heimgesucht hatten.
Draußen
Am Himmel ruft der Mäusebussard. Er hat sich angewöhnt, auf dem Verklicker hoher Masten im Hafen zu landen. Hat er sich das von den Schwalben abgeguckt? Sie sitzen manchmal zu viert in luftiger Höhe und unterhalten sich – sehr zum Leidwesen manches Schiffseigners, der um seinen Windex fürchtet…

Selten hat man Zeit, Regen zu hören, Wind zu hören.
Anders auf dem Boot, dort lauscht man genau, was sie erzählen.
Vielleicht hat man Pläne, vielleicht will man reisen.
Da nimmt man sich die Zeit zu horchen, wenn sie in den Wanten heulen, die Fallen schlagen lassen und dann der Regen aufs Deck trommelt. Dann sitzt man still und lauscht auf das Draußen. Ist ganz zufrieden, wenn es dort bleibt – das Draußen. Hier kommt es einem eh schon oft zu nah…