Eine Woche spĂ€ter…

‚HĂ€tten wir das also auch einmal‘, dachten wir beide und: ‚Brauchen wir nicht wieder!!!‘ Wir hatten uns spontan entschieden, hinter Pagensand bei Kollmar zu ankern, um die nĂ€chste Tide abzuwarten. So hĂ€tten wir direkt weiter nach GlĂŒckstadt fahren können und hĂ€tten uns das unfreundlich frĂŒhe Aufstehen am nĂ€chsten Morgen erspart, um den Törn von Wedel aus zu starten.

Bis hierher war alles super gelaufen. Mit SĂŒdwestwind konnten wir unseren Kurs nahezu anliegen. Und obwohl ich den Morgen etwas vertrödelt hatte, waren wir doch so flott unterwegs gewesen, um mit den laufenden Tide bis zur Westspitze von Pagensand zu gelangen. Den erkorenen Ankerplatz hatten wir vor ein paar Wochen schon einmal ausprobiert, als wir mit der MSC-Flotille in der Flaute vor Kollmar quasi strandeten.

An diesem Tag genossen wir nun erneut den idyllischen Blick auf Pagensand. Wir schauten einem Fischer beim Kontrollieren seiner Reusen zu und blickten den Booten hinterher, die in die eine oder andere Richtung die Insel umrundeten. So verstrichen die Stunden. Nur noch ein kurzer Schlag, ein kleines Sich-Durchmogeln durchs Kartoffelloch – wobei, wir hatten ja fast Hochwasser, also alles kein Problem – dann wĂ€ren wir schon in GlĂŒckstadt. Also alles klar zum Anker auf!

Ich stand am Ruder, wĂ€hrend Alexander unseren Anker am Bug Hand ĂŒber Hand nach oben wuchtete, dann kam er damit nach achtern. ‚Du kannst Gas geben.‘ Also Fahrt voraus und dann ging plötzlich gar nichts mehr. Das Gashebel saß fest. ‚Maschine stopp!‘ rief Alexander, der schon hektisch mit der Ankerleine hantierte.

Im Nachhinein kann ich gar nicht mehr genau sagen, was wann in welcher Reihenfolge passiert ist. Ich weiß noch, dass wir die Maschine stoppten, dass wir sie wieder anwarfen und rĂŒckwĂ€rts Schub gaben und dann wieder alles ausschalteten. Ich war so durcheinander. Unser Schaltpanel war ausgeschaltet, aber die Maschine lief, wie um alles in der Welt ging das? Wieder an. Wieder alles aus. Alles in Sekunden.

‚Wir haben die Ankerleine ĂŒberfahren! Wir haben sie in der Schraube!‘ Alexanders Feststellung war absolut korrekt und, wie sagt man so schön? – terrifying! Leine in der Schraube – Mist! Mist! Mist! Und nun?

An der uns verbleibenden Ankerleine ließ Alexander das Eisen achtern auf den Grund sinken. Das hielt – vorerst. Wir waren also noch fest – vorerst. Aber die Tide
 Als nĂ€chstes rief er den Skipper an. ‚Ich hab ein Problem – ein echtes Problem
‘, begann seine Schilderung.

SpĂ€ter erzĂ€hlte er mir, was Christian geantwortet hatte: ‚Vier gute Nachrichten! Es ist Juli, die Elbe ist warm. Es ist hell, Du kannst was sehen. Ihr habt noch keinen Strom. Euer Boot hĂ€ngt noch immer am Haken.‘ Aber am Tauchen in Elbe, runter zum Saildrive, um die Ankerleine aus der Schraube zu ziehen – daran fĂŒhrte kein Weg vorbei.

Wir bastelten eine Schwimmleine fĂŒr Alexander, der schon die Badeleiter nach unten stieg. Wie war das noch mal? Keiner geht ins Wasser? Und nun das!

‚Geh nach vorn und gib mal zwei Meter Leine frei. Einfach fieren.‘ Ich tat, wie mir geheißen. Und dann: ‚Die Leine schwimmt im Wasser. Zieh alles nach oben an Deck!‘ Gesagt getan, das war’s? Wir konnten es beide nicht fassen. Alexander kam wieder zurĂŒck ins Boot. UnglĂ€ubig starrten wir beide auf unsere maltrĂ€tierte Ankerleine. Aber ja, der Sack mit Ankerleine stand im Cockpit dazu nun dieser nasse, aufgefetzte Bunsch. Der Rest ging mittlerweile recht steil von der hinteren Klampe hinab zu unserem Anker. ‚Dann kann nichts mehr in der Schraube sein oder?‘

Wieder ein Anruf beim Skipper: ‚Hilf mir denken
‘ Und tatsĂ€chlich, wir waren frei. Wir konnten die Maschine starten. Die Leine musste von unserem Faltpropeller heruntergerutscht sein, als die Spannung der Leine zum Vorschiff, wo sie immer noch auf der Klampe belegt war, gelockert worden war.

Wir konnten unser GlĂŒck kaum fassen. Der Saildrive befand sich rund eineinhalb Meter unter der WasseroberflĂ€che. In der Elbe konnte man keine zehn Zentimeter weit gucken. Dorthin zu gelangen und dann am Propeller zu werkeln – nein, danke – wirklich, nein,danke!

Nun noch schnell der kleine Schlag nach GlĂŒckstadt und dann festmachen im Hafen. Ich war so erleichtert, als wir all das hinter uns hatten. ‚Was mögen wohl die vier schlechten Nachrichten dazu gewesen sein?‘ rĂ€tselte Alexander. Egal, ich nehme die vier guten und basta!

Tonne 67

‚Du musst doch wissen, wie weit Du gekommen bist!‘ Da hatte Alexander nun auch irgendwie Recht, so segelten wir noch diesen einen Schlag weiter. Das Groß war gerefft, und auch unsere Genua hatten wir schon ein ganzes StĂŒck eingerollt. Voraus konnten wir bereits die Schleusenanlage zum NOK sehen – aber wir mussten doch auch noch den ganzen Weg wieder zurĂŒck. FĂŒr den Abend war ĂŒberdies Gewitter angekĂŒndigt, da wollte ich auf gar keinen Fall mehr hier draußen sein. Ich fing also an zu quengeln. Mit Erfolg nach einer Weile, wir machten kehrt.

Nach einem Hafentag in GlĂŒckstadt bei plötzlich zurĂŒckkehrendem Hochsommer mit mehr als dreißig Grad waren wir an diesem Morgen noch mit ablaufendem Wasser wieder aufgebrochen, um noch wenigstens ein StĂŒckchen ĂŒber GlĂŒckstadt hinaus einen Blick zu erhaschen.

Noch nie war mir aufgefallen, wie unruhig der GlĂŒckstĂ€dter Hafen tatsĂ€chlich war. Normalerweise waren wir ja nie lange vor Ort und im Kontrast zum Amerikahafen in Cux war es eine Oase der Ruhe. Im Vergleich zu unserem Liegeplatz in Wedel allerdings befand ich mich nun nicht bloß gefĂŒhlt in einem Industriehafen. Der Abschied fiel mir daher nicht besonders schwer. Und, ja, ich war auch neugierig, wie weit wir es an diesem Tag noch schaffen wĂŒrden. Klar war, dass wir mit dem kenternden Strom umkehren wĂŒrden.

Also verließen wir GlĂŒckstadt Richtung Westen. Nach einiger Kreuzerei vor der StörmĂŒndung, weil diverse Behördenschiffe und Bagger noch an uns vorbei wollten, wechselten wie auf die grĂŒne Fahrwasserseite. Dort kamen wir an der Zufahrt nach Freiburg vorbei. Ich bedauerte die Leute dort, blickten sie doch geradewegs aufs AKW Brokdorf auf der anderen Fahrwasserseite.

Seeschwalben spielten im Fluss, wĂ€hrend der Wind fröhlich zulegte. Im Revierfunk meldeten sie spĂ€ter fĂŒr BrunsbĂŒttel SĂŒdsĂŒdwest fĂŒnf. Wir kĂŒrzten die Genua weiter ein. Und bei besagter Tonne 67 machten wir kehrt.

Insgesamt hatten wir einen gĂŒnstigen Kurs zum Wind auf der RĂŒckfahrt. Weite Strecken konnten wir anliegen, andere legten wir in einigen langen KreuzschlĂ€gen zurĂŒck. Auf der Höhe von LĂŒhesand hatten wir dann einen Halbwindkurs, wĂ€hrend sich gleichzeitig ĂŒber uns der Himmel verfinsterte. Die Böen wurden echt unangenehm! ‚Ist schon ein richtiger Gedanke, jetzt in den Hafen zu wollen‘, meinte Alexander, als wir auf die Hafeneinfahrt zusteuerten. Kaum hatten wir die Leinen an unserem Liegeplatz festgemacht, zerrten die Böen auch schon an unserer armen „Frida“. Gut, dass wir Zuhause waren. Das Gewitter konnte beginnen