Morgens in Wedel hieß es dann erst einmal, Platz machen. Dienstagvormittag hatten wir eigentlich nicht damit gerechnet, dass noch jemand unterwegs sein könnte – noch weniger damit, dass ausgerechnet die Eigner unseres Anlegeplatzes heimkehren wĂŒrden. Noch vor dem FrĂŒhstĂŒck mussten wir so also die Leinen losschmeißen und einen anderen Platz suchen. Nicht verkehrt, wĂŒrde es doch genau das sein, was wir in den folgenden Stunden zur Freude der in Wedel versammelten Seniorenschaft ĂŒben wollten: an- und ablegen, drehen auf engem Raum, Leinen schmeißen. – Nein, nicht helfen, die mĂŒssen ĂŒben – und der nĂ€chste bitte.

Mit geradezu stoischer Ruhe ertrug die Dame auf dem Motorboot neben unserer Übungsklampe die Fahrschule jenseits ihrer Buchseiten. Der Ă€ltere Herr drei Boote weiter hatte da schon lĂ€ngst die Zeitung gegen den Kinosessel im Cockpit getauscht.

Als die Tide uns schließlich einen grĂ¶ĂŸeren Aktionsradius zugestand, war es bereits mittags. Wir verließen mit ablaufendem Wasser den Hafen und segelten mit dem Strom flussabwĂ€rts. Sonne satt, aber immer noch kein Wind. DafĂŒr und trotz des beschaulichen Wetters purer Stress fĂŒr unseren „Skipper of the day“, den Christian nicht zu ermuntern aufhörte, doch mal zu prĂŒfen, ob man nicht doch dieses oder jenes Schlickloch – von den Einheimischen liebevoll als „Hafen“ tituliert – anlaufen könne, schließlich wollten wir doch Anlegemanöver an verschiedenen Orten trainieren. Unbeirrt ließ er uns auf engste Hafeneinfahrten zuhalten, um endlich doch dem immer hektischer werdenden Skipper zuzustimmen, dass es wohl keine so grandiose Idee sei, sich dort in den Matsch zu setzen. Auch Nerven können Muskeln sein, die es zu trainieren gilt – heißt es nicht auch „Willens-STÄRKE“?

Am zweiten Abend ankerten wir vor Pagensand. Ein Seeadler begrĂŒĂŸte uns dort bei unserer Ankunft. Seine krĂ€ftigen Schwingen trugen ihn mĂŒhelos in die NĂ€he unseres Bootes, das er sich interessiert anzuschauen schien, bevor er uns mit unserem StĂŒckchen Fluss und unserem Anker-Spiel wieder alleine ließ. Obschon September, war es an diesem SpĂ€tsommertag noch so warm, dass allgemein der Wunsch nach einer AbkĂŒhlung im Wasser aufkam. Gute 23 Grad Wassertemperatur – Badewannenwetter in der Elbe. Christian hatte nichts gegen das Ansinnen der Jungs auf ein Bad im Fluss einzuwenden, ermahnte uns aber, zuerst eine Schwimmleine zu knoten. Also schnell noch ein paar Fender an eine der Festmacherleinen geknotet und ab damit, achteraus ins Wasser. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, diese Aktion diene lediglich fĂŒr uns als Übung der verschiedenen Knoten in der praktischen Anwendung. Fleißig wĂŒrden wir dies in der folgenden Woche auch praktizieren. Waren ja auch praktisch diese Knoten. Wer hĂ€tte gedacht, dass man eine aufgeschossene Leine einfach am Backstag zum Trocknen festknoten konnte? Beeindruckt waren wir auch vom geworfenen Webleinstek und trainierten gerne Christians Methode, den Palstek so vorzubereiten, dass man ihn auch problemlos ĂŒber Kopf am Großbaum nutzen konnte oder wo auch immer sonst der Knoten gerade gebraucht und normalerweise nur schwer hingepfriemelt werden konnte. Den doppelten Achtknoten probierten wir wieder und wieder – doch an diesem Tag hinter Pagensand ging es tatsĂ€chlich in keiner Hinsicht um unsere Knoten-Kenntnisse. Das wurde klar, als die ersten vom Heck ins Wasser sprangen und beim Wiederauftauchen mit MĂŒh‘ und Not gerade noch ebenso den letzten der Fender an unserer Schwimmleine erwischten. Die Strömung des Flusses war unglaublich! Obwohl die Jungs nur wenige Meter achteraus schwammen, sah es so aus, als fĂŒhren wir ihnen mit hoher Geschwindigkeit davon. Man musste direkt aufblicken zur Insel neben uns, um sich zu versichern, dass wir in der Tat fest vor Anker lagen, und das Boot sich keineswegs von seiner Position entfernt hatte. SpĂ€testens jetzt waren alle froh, die Schwimmleine im Wasser zu haben, die wir vorher alle mehr oder weniger als Spielerei abgetan hatten.

SpĂ€ter stand dann noch Wetterkunde auf dem Übungsplan. Auswertung einer Analysekarte. Schon cool, wenn man solche Karten allmĂ€hlich auch zu lesen lernt wie anfĂ€nglich die Seekarten zur Navigation. Und doppelt schade, dass sie zwischenzeitlich so gĂ€nzlich aus den Abendnachrichten verschwunden sind. Was bliebe ĂŒbrig, wenn wir alles aussonderten, was die Leute angeblich nicht mehr interessiert? Wohl nicht sonderlich viel…

Noch etwas spĂ€ter konnten wir ĂŒber Pagensand dann einen herrlich klaren Sternenhimmel bewundern. Im SĂŒden leuchtete groß und rot der Mars. Er tanzte lustig durch mein Fernglas, mit dem ich ihm nĂ€herzutreten gedachte.